Allseits geschätzter Banken- und Atomfreund

Pankraz Freitag, einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, ist der Favorit des freisinnigen Establishments für das FDP-Präsidium. Er gilt als Integrationsfigur – doch ist seine Wahl mit Reputationsrisiken verbunden.

Gilt als topseriös – für manche fast zu seriös: Pankraz Freitag.

Gilt als topseriös – für manche fast zu seriös: Pankraz Freitag. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Wirtschaft und insbesondere die Banken sollen seine Kandidatur als FDP-Präsident gewünscht haben. So schrieben es mehrere Medien in den letzten Tagen. Die Nachricht führt unweigerlich zu Vorurteilen über Pankraz Freitag, den wenig bekannten Kandidaten – und wer sie sich bestätigen lassen will, ist mit der amtlichen Dokumentation über das Parlament bestens bedient.

So hat Freitag einem Lobbyisten der Schweizerischen Bankiervereinigung permanenten Zugang zum Bundeshaus verschafft, wie die Liste der zutrittsberechtigten «Gäste» der Ständeräte zeigt. Das Register der Interessenbindungen wiederum weist den Glarner als Präsidenten der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) aus; bis 2011 war er im Verwaltungsrat des Stromkonzerns Axpo.

Laut der parlamentarischen Geschäftsdatenbank sind zwei der vier Vorstösse, die Freitag bislang lancierte, gegen verstärkte Investitionen zugunsten der Energiewende gerichtet. Ein weiterer kommt der Finanzbranche zugute und trägt den programmatischen Titel «Schutz der Privatsphäre – Kein automatischer Informationsaustausch». Und die amtlichen Protokolle der Ständeratssitzungen verzeichnen Freitag-Voten gegen die Bonussteuer, gegen strenge Salärregeln für UBS-Manager und, wiederum, gegen einen forcierten Atomausstieg.

Magistrale Knorrigkeit

Pankraz Freitag, Freund der Banken und der Atomenergie, politischer Partner von Branchen mit angeschlagenem Ruf: Ihn zum Parteipräsidenten zu machen, könnte für die FDP mit Reputationsrisiken verbunden sein. Der diesbezüglich kaum belastete zweite Interessent, Nationalrat Philipp Müller, verfügt hier über einen Wettbewerbsvorteil, ebenso hinsichtlich der Bekanntheit und medialen Gewandtheit. Und dennoch ist ein beträchtlicher, wahrscheinlich der grösste Teil der FDP-Bundeshausfraktion zum «Risiko Freitag» bereit, wie Nachfragen zeigen.

Diese Bereitschaft wird durch das persönliche Gespräch mit dem Kandidaten besser verständlich. Angenehm uneitel, aufmerksam, zugänglich, mit einer Ausstrahlung von eigentümlich magistraler Knorrigkeit – die integrativen Fähigkeiten Freitags, die scharf mit denen des polarisierenden Müller kontrastieren, werden reihum gelobt. Geschätzt wird auch die analytisch grundierte Zurückhaltung des langjährigen Mathematiklehrers: «Er spricht nur, wenn er wirklich etwas zu sagen hat – und dann sagt er es knapp und verständlich», erklärt ein Freisinniger. Topseriös sei er in der Tat – manchmal fast zu sehr, findet ein Ständeratskollege: «Bei ihm muss stets jede Kommastelle stimmen.» Auch Freitags auf Ausgleich bedachte Wesensart dürfte ihm im konfrontativen Präsidentenmilieu nicht bloss zum Vorteil gereichen. Dies glauben zumindest diejenigen seiner Weggefährten, die mit einigem Bedenken konstatieren, dass es Freitag «immer allen recht machen will».

Manche Altlasten aus seiner Regierungszeit beschäftigen den Kanton heute noch

Allerdings darf Freitags Wille zum Durchmarsch nicht unterschätzt werden. Der noch amtsjunge Glarner Landrat war «wilder», nicht offiziell nominierter Kandidat, als er 1998 für seine FDP einen zusätzlichen Regierungssitz eroberte. In seiner zehnjährigen Amtszeit als Baudirektor machte er unter anderem dadurch von sich reden, dass er Volksabstimmungen über umstrittene Umfahrungsprojekte verhinderte. Seinen Ständeratssitz gewann er 2008 in einem Wahlkampf von durchaus beachtlicher Härte gegen den bekannten damaligen SP-Nationalrat Werner Marti. Manche Altlasten aus seiner Regierungszeit allerdings, insbesondere die defizitäre Glarner Raumplanung, beschäftigen den Kanton heute noch. Bei aller Seriosität im Detail neige Freitag zuweilen dazu, dass ihm in weniger beachteten Bereichen Dinge sozusagen «zwischen die Stühle fallen», sagt ein Kenner der Glarner Politik.

Einen strategischen Blick für die Totale wird sich Freitag erarbeiten müssen, wenn er Parteipräsident wird. Falls er denn kandidiert. «Mein Entscheid ist noch völlig offen», betont der Ständerat, der gestern von der parteiinternen Findungskommission angehört wurde. Über das Gespräch will Freitag aufgrund vereinbarter Stillhalteabkommen nichts sagen. Auffällig ist, dass er heute eher zurückhaltender als in ersten Stellungnahmen über seine Ambitionen spricht. Ihn reizten zwar die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich dem Chef einer führenden politischen Kraft der Schweiz böten. Zugleich aber macht er sich Gedanken darüber, ob das zeitlich intensive Mandat des Ständerats mit dem des Parteipräsidenten vereinbar sei. Auch vom Rollenverständnis her könnten sich Komplikationen ergeben: Freitag selber betonte vor seiner ersten Ständeratswahl noch, er sehe sich als Interessenvertreter des Kantons und nicht der Partei. In der Tat gab es bislang nur wenige Ständeräte, die Parteipräsidenten wurden.

Freitag hat darüber hinaus noch einen höchst persönlichen Grund, sich die Kandidatur für das aufreibende Amt gut zu überlegen. 2007 musste er sich notfallmässig einer komplizierten Herzoperation unterziehen. Heute wird er deswegen regelmässig ärztlich kontrolliert. «Ich bin derzeit leistungsfähig und fit», betont er. «Aber natürlich spielt die Gesundheit bei meinen Erwägungen eine Rolle.» Das Engagement für die FDP – für Freitag buchstäblich eine Herzensangelegenheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2012, 10:05 Uhr

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