Als die Bauernsöhne durch jugoslawische Papiermacher ersetzt wurden

Perlen ist eine Papierfabrik mit angehängtem Dorf. Hier gehört jeder zehnte Telefonanschluss jemandem mit einem jugoslawischen Namen – Schweizer Rekord.

Die Papierfabrik gab dem Dorf Perlen Gestalt und zog Arbeiter von weit her an. Foto: Pius Amrein («Neue Luzerner Zeitung»)

Die Papierfabrik gab dem Dorf Perlen Gestalt und zog Arbeiter von weit her an. Foto: Pius Amrein («Neue Luzerner Zeitung»)

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Am Dreikönigstag war es wieder so weit. Ein paar Einheimische rümpften die Nase über die vielen ortsfremden Autos in ihrem Dorf. Abgestellt wurden sie von etwa 1000 Serben und Serbinnen, die alle Jahre wieder aus der ganzen Zentralschweiz in den Luzerner Vorort Buchrain-Perlen kommen, um das Weihnachtsfest zu feiern. Allerdings 13 Tage später als im westlichen Christentum, weil sich die Serbisch-Orthodoxen nach dem julianischen Kalender richten. Drinnen in der bis auf den letzten Sitzplatz besetzten Kirche hängen Ikonen, duftende Schwaden von Rauchkerzen und Weihrauch umwehen die Feiernden. Einige Frauen haben ihren Kopf mit einem Tuch bedeckt, wie es bei den ­Orthodoxen Sitte ist. Man wähnt sich­ ­irgendwo in Südosteuropa.

Vorne singt und predigt Dragan Stanojevic. Der 44-Jährige hatte vor acht Jahren als erster Priester die Betreuung der über 20'000 Mitglieder zählenden serbisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft der Zentralschweiz übernommen. Nachdem sich das Bistum Basel vergewissert hatte, dass es sich wirklich um Christen handeln würde, dürfen sie seit 2006 ihre wöchentlichen Gottesdienste in der alten katholischen Pfarrkirche Buchrains abhalten – an ihren hohen Feiertagen auch im grösseren Neubau.

Der zweigeteilte Ort

Dass die Serben ausgerechnet auf halber Strecke zwischen Luzern und Zug zusammenkommen, ist eher dem Zufall geschuldet. Allerdings hätte die 6000 Einwohner zählende Gemeinde nicht passender sein können. Insbesondere im Dorf Perlen, das zwar eine eigene Postleitzahl hat, aber zu Buchrain gehört, leben viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ein Hinweis dafür findet sich im elektronischen Telefonbuch. Fast jeder zehnte Telefonanschluss gehört jemanden mit einem Nachnamen, der auf -ic endet. Sie heissen beispielsweise Djelilovic, Jukovic, Milosevic oder Zukic – typische Namen von Kroaten, Serben und Bosniern. Damit weist Perlen mit 9,7 Prozent die höchste ic-Dichte auf. An zweiter und dritter Stelle folgen ein Ortsteil in Uzwil SG mit 5,8 Prozent und ein Luzerner Stadtteil mit 5,6 Prozent. Zum Vergleich: In Zürich-Affoltern sind es 924 Haushalte (4,6 Prozent).

Obwohl Buchrain-Perlen eine einzige Gemeinde bildet, ist sie seit je ein zweigeteilter Ort. Oben auf dem Hügelzug befindet sich das schmucke «Bueri», wie Buchrain im Luzerner Dialekt heisst. Von hier hat man eine herrliche Sicht auf das Luzerner Seeland – und auf Perlen, das hässliche Entlein unten an der Reuss und der A 14. Dorthin verirrt sich eigentlich nur, wer Hündeler ist oder zum unlängst am Dorfeingang eröffneten Lidl einkaufen fährt.

In Perlen steht auch ein immerzu dampfendes und rauchendes Ungetüm, die «Papieri». Die Papierfabrik ist der Grund dafür, dass Perlen überhaupt existiert – und so viele Menschen aus Ex-Jugoslawien dort arbeiten und wohnen. Wegen der Strompotenziale am oberen Reussgefälle wurde 1872 ein Holzstoffwerk errichtet, später folgte die erste Papiermaschine. Während die Fabrik ständig wuchs, entstand rundherum eine kleine Siedlung. Die Fabrik liess in den 1920er-Jahren erste Arbeiterwohnungen und ein sogenanntes Wohlfahrtshaus erstellen, wo die Arbeiter baden und ihre Wäsche waschen konnten. Ausser der Kirche und der Schule gehörte praktisch die ganze Gegend der Firma. «Werk und Dorf Perlen waren früher und sind heute eine Einheit, wie sie nur selten anzu­treffen ist», heisst es denn auch in einer alten Unternehmenschronik.

«Perlen ist ein Dorf»

«Company Town» nannte Niklaus Meienberg das Industriedorf. Der berühmt-berüchtigte Journalist sorgte 1985 mit seiner liebevoll-bösen Reportage «Perlen ist ein Dorf, das ganz der Fabrik gehört» für einiges Aufsehen. «Hier wurde vor mehr als hundert Jahren eine Fabrik aus der Natur gestampft, und weil die Bauernsöhne aus den umliegenden Dörfern einen derart langen Anmarschweg hatten, dass sie vor Arbeitsbeginn schon müde waren, haben die gütigen Fabrikherren ihnen zusätzlich ein Dorf hingestellt, und das sieht nun aus, als ob es vom Himmel ­gefahren wäre», schrieb Meienberg in seinem typischen Stil.

«Damals bestand die Belegschaft in erster Linie aus Schweizern bäuerlicher Herkunft, wenige Jahre später kamen die ersten spanischen und italienischen Fremdarbeiter dazu», erzählt Peter Henz, Leiter Personal und Geschäftsleitungsmitglied der Perlen Packaging. Sie gehört genauso wie die Perlen Papier AG zur CPH Chemie + Papier Holding. Später kamen die Jugoslawen. «Mir händ i dem Saal öppis Jugoslawinne», sagte eine gewisse Frau Vogt, Abteilungsleiterin, in Meienbergs Reportage.

Die Einwanderung der Jugoslawen lässt sich genau festmachen. 1970 kam der erste jugoslawische Papiermacher. Die Fabrik hatte gerade eine neue Papiermaschine installiert und brauchte wegen der Umstellung auf Schichtbetrieb Arbeitskräfte – denn den einheimischen Fabrikarbeitern passten die langen Arbeitstage nicht, weshalb sie in andere Branchen wechselten. Der damalige Personalleiter begann auf Rat seines jugoslawischen Facharbeiters neue Arbeitskräfte von der Papierschule Ljubljana im heutigen Slowenien zu rekrutieren. «Man ist dann hinuntergereist, hat sich umgesehen und eine erste Gruppe zusammengestellt. Damit wurde 1971 die erste Einwanderungswelle von jugoslawischen Papiermachern nach Perlen ausgelöst», sagt Peter Henz. Im Juli reiste die erste Gruppe von acht bestens ausgebildeten Papiertechnologen mit dem Zug bis an die Schweizer Grenze, wo die Gastarbeiter mit dem Personalbus abgeholt und im Dorf auf die Ledigenheime verteilt wurden.

Keine nennenswerten Probleme

Insgesamt kamen über 200 Arbeitskräfte aus Südslawien. Obwohl mittlerweile viele eingebürgert worden sind, bilden sie auch heute mit knapp 15 Prozent der Belegschaft (587 Angestellte) die grösste ausländische Gruppe. Auf die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Nationalitäten angesprochen, sagt Henz: «Natürlich gab und gibt es hin und wieder Spannungen zwischen den einzelnen Ausländergruppen, zum Beispiel während des Balkankonflikts, aber grossmehrheitlich ist es kein Problem.» In der Gemeinde scheint das Zusammenleben ebenfalls weitgehend reibungslos zu funktionieren. Jedenfalls sucht man in den Zeitungsarchiven vergebens nach den üblichen Artikeln über Integrationsschwierigkeiten, Kleinkriminalität oder gar Gewaltverbrechen.

Nur 2012 sorgte Perlen für Schlagzeilen, als der 33-jährige Kosovare Hyda W. auf seine Ehefrau und ihre Mutter schoss und sich anschliessend selbst richtete. «Ich kannte die junge Frau und ihre Familie persönlich. Das ist eine tragische Geschichte, die sich aber eher zufällig in Perlen ereignete», sagt Gemeindepräsidentin Käthy Ruckli heute dazu. Und von einem Ausländerghetto möchte die CVP-Politikerin schon gar nichts wissen: «Früher gehörte fast ganz Perlen der Papierfabrik; wer ein Grundstück kaufen wollte, musste deshalb nach Buchrain ziehen.» Mittlerweile habe die «Papieri» einen Teil ihrer Immobilien und ihres Landes verkauft, sodass in Perlen Einfamilienhäuser und schöne Mehrfamilienhäuser in Privatbesitz stehen würden.

Schliesslich der obligate Blick auf die Sozialhilfequote: Sie beträgt in Buchrain 2,8 Prozent und ist damit tiefer als in den Nachbargemeinden.

Aber etwas stört doch

Und wie gehts den ehemaligen Jugo­slawen? «Was die Zusammenarbeit mit den Behörden, der katholischen Kirchgemeinde und der Bevölkerung von Buchrain angeht, kann ich nur Positives berichten», sagt Pfarrer Stanojevic. Man fühle sich sehr wohl hier. «Ich finde es schön, dass der Gottesdienst bei uns ­gefeiert wird», sagt auch die Gemeindepräsidentin. Bleibt nur etwas: «Ein Kritikpunkt, den ich hin und wieder von Einwohnern höre, ist das Parkplatz­problem. Unsere Gemeinde ist nicht für so eine grosse Zahl von Autos ein­gerichtet».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2015, 20:46 Uhr

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