Als die Lengen kamen, waren die Fux schon lange da

Die Aussicht vom auf 1358 Metern gelegenen Embd ist spektakulär – und ebenso die Verteilung der Nachnamen. Fragt sich, wie lange noch: Die Embder sterben aus.

Roman Fux (l.) und Erhard Lengen aus Embd VS sorgen sich um die Zukunft ihres Dorfes.  Foto: Luca da Campo (Strates)

Roman Fux (l.) und Erhard Lengen aus Embd VS sorgen sich um die Zukunft ihres Dorfes. Foto: Luca da Campo (Strates)

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Eine Reise wie jene nach Embd im Oberwallis erlebt man nicht alle Tage. Von Visp geht es in der Matterhorn-Gotthard- Bahn Richtung Zermatt. In der schattigen Talsohle in Kalpetran steigt man auf eine knallrote Mini-Gondel um. Rasch wird klar: Die Gondel hat keinen Chauffeur. Jedenfalls sitzt er nicht in der Kabine. Stattdessen meldet sich jemand von der Bergstation aus. «Bitte auch die äussere Tür schliessen», schnarrt es aus dem Lautsprecher. Kaum ist die Eisentür mit einem kräftigen Ruck zugeschlagen, ertönt ein lautes Piepsen. Wie von Gottes Hand angetrieben, setzt sich die Gondel in Bewegung.

In wenigen Minuten schwebt man über eine steile Felswand zum terrassenförmig auf 1358 Metern über Meer angelegten Bergdorf. Das Panorama ist spektakulär. Von Embd aus sieht man mehr als ein halbes Dutzend Berge, deren Gipfel über 4000 Meter hoch sind.

Lengen, Langen oder Längen

Im Gasthaus Morgenrot, dem einzigen Restaurant im Dorf, wartet Gemeindepräsident Alex Bumann. Er gehört zur Minderheit im Dorf, die nicht von einem der beiden Familienstämme Fux oder Lengen abstammt. Denn gemäss Statistik heissen zwei Drittel der Embder Bevölkerung entweder Fux oder Lengen. Gemeindepräsident Bumann braucht denn auch nur einige Sekunden, da hat er bereits einen Lengen aufgetrieben: Erhard Lengen, von Beruf Maurer, sitzt gerade beim Znüni im Gasthaus Morgenrot. Er schildert, wie sein Vater das Restaurant gebaut und die Familie lange Zeit von der Gastronomie, aber auch von der Landwirtschaft und der Handwerkskunst gelebt hat. Er sagt: Lengen gebe es im ganzen Oberwallis, über die Familiengeschichte wisse er allerdings wenig. Der Gemeindepräsident springt ein. «Der Name Lengen ist vom Adjektiv lang abgeleitet», weiss Bumann. Das gelte auch für andere Walliser Familien. «Diese heissen aber nicht Lengen, sondern Langen, Längen oder Longi», so Bumann. Die Familie Lengen ist in Embd seit 1739 bekannt. Wegen der immer grösser werdenden Familienzweige und der wirtschaftlichen Not in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verliessen Teile der Lengen die Gemeinde Embd. Sie zogen in die französischsprachige Schweiz. Ein Familienzweig liess sich 1919 in Grône, ein anderer 1961 in Genf einbürgern.

Die interaktive Namenskarte

Als sich die Lengen in Embd niederliessen, war die Familie Fux, die andere Dynastie im Dorf, seit bald einem Jahrhundert ortsansässig. Im Jahr 1649 taucht der Name Fux in den Annalen der Gemeinde zum ersten Mal auf. Heute weiss man, dass die Familie, die sich auch Fuchs, Fusigo, Fuxjo oder lateinisch Leporis nannte, ursprünglich aus St. Niklaus und Grächen stammte. Auch Teilen der Familie Fux setzte die wirtschaftliche Misere im Oberwallis zu. Weil die Fux gefragte Bauarbeiter waren und sich besonders im Tunnelbau auskannten, fanden viele anderswo Arbeit. Ein Familienzweig aus Embd zog nach Zürich und liess sich dort 1954 einbürgern.

«Die Kontakte zwischen den Familien in Zürich und Embd haben sich verloren», sagt Roman Fux, der sich im Restaurant Morgenrot zu Gemeindepräsident Bumann und Erhard Lengen gesellt. Er selbst hatte Glück. Er war nie zum Wegzug gezwungen, denn Roman Fux wurde in jenen Familienzweig hineingeboren, der die Embder Poststelle leitete. Den Posten des Posthalters gab man von Generation zu Generation weiter. Er sicherte das wirtschaftliche Überleben. Doch diese Tradition endete bei Roman Fux. Die Embder Poststelle wurde 2003 geschlossen und Fux nach 40 Dienstjahren pensioniert. Er ist deswegen nicht verbittert. Bei den Problemen, welche die Gemeinde hat, geht es längst nicht mehr um das Schicksal einzelner Familien und das Ende von Dynastien. Man befürchtet den Untergang des ganzen Dorfes.

Die Jungen wandern ab

«Unser Dorf stirbt aus», sind sich Erhard Lengen und Roman Fux einig. Junge Leute wandern aus, während die Geburtenrate von Embd im besten Fall bei zwei Kindern pro Jahr liegt. 2005 waren in Embd 348 Einwohner registriert, Ende 2014 zählte die Gemeinde noch 306 Personen. Ein solcher Rückgang ist für eine kleine Berggemeinde dramatisch, denn eine Trendwende ist nicht in Sicht. Fux kennt die Gründe. Er sagt: «Der Wohlstand ist zu gross. Unseren Kindern geht es zu gut. Sie heiraten nicht und haben auch keine Kinder mehr, und statt ihr Vermögen in Häuser in Embd zu investieren, kaufen sie lieber teure Autos und leben unten im Tal in Visp oder in Saas-Fee, wo sie arbeiten und sich eine Wohnung mieten.» Lengen nickt und ergänzt: «Natürlich haben die Jungen immer von den Alten gelebt, aber die Jungen brauchen heute mit ihrem Lebensstil die Substanz auf, die für die nächste Generation bestimmt wäre.»

In Embd weiss man, was die Stunde geschlagen hat, aber noch fehlt ein Mittel dagegen. Dass man statt an der Armut nun am Reichtum zugrunde zu gehen droht, ist für die Emder Traditionsfamilien ein regelrechter Albtraum.

Erstellt: 05.01.2015, 21:10 Uhr

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