«Als ob es keine Antibiotika gäbe»

Es gibt immer mehr Keime, die gegen alle Antibiotika resistent sind. Die Geschäftsführerin der Fachkommission für biologische Sicherheit sagt, welches die schlimmsten Brutstätten solcher Keime sind.

Staphylococcus aureus, ESBL-Enzyme und Carbapenemasen-Enzyme: Die grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz sind multiresistente, für das Auge unsichtbare Keime.

Staphylococcus aureus, ESBL-Enzyme und Carbapenemasen-Enzyme: Die grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz sind multiresistente, für das Auge unsichtbare Keime.

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Frau Hunger-Glaser*, laut der Fachkommission für biologische Sicherheit (EFBS) stellen multiresistente Keime «die grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz» dar. Wie kommt man zu diesem Befund?
Es ist die Aufgabe der EFBS, biologische Gefährdungen zu identifizieren. Und wir stellen fest, dass die Zahl der Bakterien zunimmt, die gegen viele Antibiotika resistent sind. Deshalb gibt es mehr Erkrankungen, die man nicht behandeln kann. Da wir in der Schweiz nicht von Ebola betroffen sind, gibt es für uns keinen Zweifel, dass Multiresistenzen zum grössten biologischen Problem in der Schweiz werden. Wenn sie es nicht bereits sind.

Die EFBS strebt eine starke Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Landwirtschaft an, um die Ausbreitung von multiresistenten Keimen zu bekämpfen. Wie ernst ist es Ihnen damit?
Das ist ein Fernziel. Man muss den Antibiotikaeinsatz reduzieren, nicht nur beim Tier, sondern auch beim Menschen. Ein Kommissionmitglied fordert gar ein Verbot von Antibiotika in der Tierhaltung. Nach Ansicht der Kommissionsmehrheit ist das nicht realistisch.

Warum nicht?
Die Landwirtschaft ist derart kommerzialisiert, dass die Bauern existenziell auf Antibiotika angewiesen sind. Doch das Problem ist, dass Tiere keine Maschinen sind. Eine Kuh, die 28 Liter Milch produziert, wird über kurz oder lang an einer Euter-Entzündung erkranken. Wenn ein Bauer sie nicht behandeln kann, sinkt sein Einkommen.

Im Moment steht die Landwirtschaft am Pranger. Doch die Ärzte sind mindestens genauso in der Verantwortung?
Es sind alle Beteiligten gefordert, sowohl die Landwirtschaft als auch das Gesundheitswesen. Aber auch die Bevölkerung ist in der Pflicht.

Inwiefern?
Viele Patienten verlangen explizit nach Antibiotika, selbst wenn es nicht angezeigt ist. Wenn sie es bei einem Arzt nicht erhalten, gehen sie zum nächsten oder bestellen es im Internet. Es ist wichtig, dass die Patienten erkennen, wie wichtig es ist, die Empfehlungen des Arztes und der Packungsbeilage zu berücksichtigen. Solange Antibiotika noch als Wunderheilmittel wahrgenommen werden, werden sich die Probleme verschärfen.

Welches Szenario zeichnen Sie, wenn die Multiresistenzen nicht stark reduziert werden?
Wir werden in eine Zeit zurückfallen, die mit jener vergleichbar ist, als es noch keine Antibiotika gab. Das bedeutet, dass wir Patienten, die während einer Operation an einer Lungenentzündung oder an einer Blutvergiftung erkranken, nicht mehr behandeln könnten. Die Zahl der Todesopfer würde zunehmen.

Der Bundesrat schrieb 2012, dass in der Schweiz 2008 rund 2000 Menschen an Spitalkeimen gestorben sind. Wie haben sich die Zahlen in den letzten Jahren entwickelt?
Niemand weiss genau, wie viele Menschen an solchen Infekten sterben. Bei betroffenen Patienten treten vielfach mehrere Komplikationen gleichzeitig auf. Die eigentliche Todesursache ist oft nicht bekannt. Die Grössenordnung ist wahrscheinlich ziemlich viel kleiner. Man weiss, dass die Zahl von Todesfällen in mehreren Ländern Europas stark zugenommen hat. Und man weiss ebenfalls, dass die Schweiz damit ungefähr im europäischen Durchschnitt liegt. Die Schweiz steht also nicht besser da als Italien oder Frankreich, aber deutlich schlechter als Dänemark oder Norwegen.

Welches sind die schlimmsten Brutstätten für multiresistente Keime?
Spitäler, Arztpraxen und Ställe. Überall, wo Antibiotika verabreicht werden. Ferner weiss man, dass auch in Abwasserreinigungsanlagen multiresistente Keime entstehen.

In Abwasserreinigungsanlagen?
Man kann die Keime im Abwasser quantifizieren. Und man weiss, dass das Wasser mehr Keime enthält, wenn es eine Abwasserreinigungsanlage verlässt. Die Mechanismen sind nicht restlos geklärt, aber wir gehen davon aus, dass auch geringe Konzentrationen Antibiotika, die ins Abwasser gelangen, die Entstehung von Multiresistenzen begünstigen. Mit einem weiteren Schritt in der Abwasserreinigungsanlage könnten diese eliminiert werden.

Die Keime sind also im Wasser und im Fleisch. Stecken wir uns beim Schwimmen oder der Ernährung an?
Die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering. Beim Fleischverzehr besteht die Gefahr einer Erkrankung höchstens dann, wenn Hygienemassnahmen nicht eingehalten werden. Das Trinkwasser wird aufbereitet und streng kontrolliert, davon geht keine Gefahr aus.

Was fordern sie?
Zunächst unterstützen wir die Strategie, die vom Bund erarbeitet wird. Einige Massnahmen lassen sich aber auch sofort umsetzen. So fordern wir etwa eine Verbesserung der Kommunikation. Die Beteiligten müssen wissen, worum es geht und was sie tun können.

Das Problem ist seit Jahren bekannt, in der Politik wurden einige Vorstösse zum Thema eingereicht. Doch der Bundesrat äusserte sich zu konkreten Massnahmen stets sehr zurückhaltend. Passiert genug?
Nein. Mit dem Programm «NFP 49» haben wir aufgezeigt, was man machen muss. Bisher ist nichts passiert. Das Problem ist wiederum die Komplexität der Situation. Bei Ebola weiss man relativ genau, mit wie vielen Ansteckungen man rechnen muss und wie viele Menschen an der Krankheit sterben. Das ist bei antibiotikaresistenten Keimen nicht der Fall.

* Isabel Hunger-Glaser ist Geschäftsführerin der EFBS. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2014, 17:38 Uhr

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