Interview

«Als würde die Verwaltung Ziegelsteine einkaufen»

FDP-Nationalrat Ruedi Noser ist Inhaber einer grossen IT-Firma. Ihn wundert es nicht, dass das Projekt Insieme der Steuerverwaltung aus dem Ruder lief. Er sagt, was zwingend geändert werden muss.

«Solche Projekt-GAUs schaden unserer Branche»: Der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser gründete selbst eine IT-Firma und präsidiert den IT-Dachverband. (Bild: 18. August 2010)

«Solche Projekt-GAUs schaden unserer Branche»: Der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser gründete selbst eine IT-Firma und präsidiert den IT-Dachverband. (Bild: 18. August 2010) Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Herr Noser, in den letzten Jahren hört man nur noch von IT-Flops.
Bei vielen Grossprojekten gab es schlechte Nachrichten. Das wiegt umso schwerer, weil es auch einige gibt, die gut abschliessen. Von denen hört man dann leider nichts.

Trotzdem stellen diese schlechten Nachrichten Ihrer Branche kein gutes Zeugnis aus. Sie sind ja selber IT-Provider.
Für die Branche ist das wirklich nicht gut, aber wir sind nicht die Hauptverantwortlichen.

Sondern wer oder was?
Aus meiner Sicht liegt das Problem darin, dass die öffentliche Hand IT-Projekte in einer Art und Weise ausschreibt, als würde sie Ziegelsteine einkaufen. Und dass sie dann Ziegelstein für Ziegelstein bestellt. Das sieht man am Projekt Insieme der Steuerverwaltung sehr gut. Statt einer einzelnen Firma arbeiteten 200 Freelancer daran. Das musste ja schiefgehen.

Was ist zu tun?
Unsere Branche – ich bin ja Präsident des ICT-Dachverbands – fordert seit Jahren ein zweistufiges Verfahren. Genauso wie es etwa für Architekten gilt: Ein Projekt wird ausgeschrieben, und Anbieter können ihre Ideen und Lösungsansätze eingeben. Danach werden die drei, vier besten ausgewählt und können für ihre Lösung ein Angebot abgeben. Schliesslich wird eine Firma ausgewählt, die das Projekt dann vollständig realisieren darf.

Wird es denn derzeit anders gehandhabt?
Derzeit haben die IT-Anbieter immer nur direkt mit Verwaltungsbeamten zu tun, die sich das holen, was sie gerade mal zu brauchen meinen. Eben: Ziegelstein für Ziegelstein.

Das ist doch absurd. Gerade in Sachen IT fehlt doch einem Laien in der Verwaltung schlicht die nötige Kompetenz.
Trotzdem läuft es so. Und das System fördert auch die Ideenlosigkeit. Denn wer eine Konzeptidee dem Bund abgibt, läuft Gefahr, dass diese Idee sofort an alle Anbieter weitergegeben wird. Geniale Lösungen werden so dem Bund selten zugänglich, weil diese ja dann der Konkurrenz weitergegeben werden.

Gab es keine ernsthaften Versuche, das Vergabesystem zu ändern?
Unser Anliegen wurde im Rahmen der Totalrevision des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) in die Vernehmlassung geschickt. Doch das Bundesamt für Bauten und Logistik wollte nicht nur die IT-Vergabepraxis für den Bund ändern, sondern die neuen Regeln auch gleich für Kantone und Gemeinden verbindlich machen. Die wehrten sich prompt. Also wurde das Ganze beerdigt.

Andererseits ist die direkte Vergabe durch die Verwaltung doch demokratischer: Verantwortlich sind gewählte Politiker beziehungsweise die von ihnen eingesetzten Spitzenbeamten.
Das klingt gut. Aber in der Privatwirtschaft sind Ausschreibungen im zweistufigen Verfahren völlig üblich. Und dort entscheiden dann auch Fachleute darüber, welches Projekt am geeignetsten ist. Im Fall von Insieme in der Steuerverwaltung gab es ja sogar eine Vorausschreibung. Nur war dann das einzige Kriterium der Auswahl der Preis. Es wurde einfach das Billigste genommen. Nachdem man sich juristisch mit dem Anbieter zerstritten hatte, nahm man nicht den Zweitbilligsten, wie es eigentlich logisch wäre, sondern die Steuerverwaltung entschied nun, das Projekt selber zu machen und nur noch Ressourcen einzukaufen. Dieser Entscheid ist für das Scheitern des Projektes verantwortlich.

Die Vorwürfe gehen noch weiter. Es ist von Korruption die Rede. Davon, dass man Aufträge bewusst klein tranchierte, um sie immer an gleiche Firmen vergeben zu können.
Damit das klar ist: Ich heisse solche Praktiken nicht gut. Aber die gegenwärtige Form des Ausschreibungsverfahrens zwingt die Verwaltung praktisch, immer den Billigsten zu nehmen und nicht den Fähigsten. Wenn also ein Team gute Arbeit leistet und man mit demselben Team weiterarbeiten will, dann ist der sicherste Weg die Zerstückelung der Aufgabe. Dies kann unter Umständen dazu einladen, Vorschriften zu umgehen. Auch wenn das, wie gesagt, klar zu verurteilen ist.

Sprechen Sie denn nicht alle dieselbe Sprache?
Nicht unbedingt. Jede Firma hat ihre eigenen Verfahrensweisen. Die IT-Branche ist unglaublich schnelllebig. Die Werkzeuge, mit denen Sie heute arbeiten, gab es vor fünf Jahren noch nicht. Kommt hinzu, dass wir in den nächsten zehn Jahren 34'000 Leute aus dem Ausland brauchen, um den Bedarf in der Schweiz zu decken. Da versteht man sich nicht automatisch.

Also gibt es doch auch Handlungsbedarf in der Branche selber. Ist sie ihren Aufgaben überhaupt gewachsen?
Natürlich. Die Branche hat sich intensiv der beruflichen Weiterbildung angenommen. Trotzdem wird es schwierig bleiben, mit zusammengewürfelten Teams erfolgreich Projekte zu realisieren.

Ist es nicht so, dass diese vielen Kleinaufträge der öffentlichen Verwaltung, dieses Zerstückeln à la Insieme, Ihnen auch nützt? Weil mehr Anbieter davon profitieren?
Vereinzelte profitieren davon. Aber insgesamt schaden uns diese Projekt-GAUs enorm. Wenn die Politik heute an IT denkt, dann denkt sie an verlorenes Geld. Das kann uns als Branche nicht egal sein.

Erstellt: 22.06.2012, 13:37 Uhr

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