Alt, älter, zu alt

Wer über 50-jährig arbeitslos wird, bleibt es länger. Kaum eine Firma stellt sie ein. Besuch in einem Coaching für Jobsuchende.

Weniger Lohn, tiefere Position, kleinere Firma: Experten raten älteren Arbeitslosen zur Flexibilität. Foto: Marcelo Santos (Getty Images)

Weniger Lohn, tiefere Position, kleinere Firma: Experten raten älteren Arbeitslosen zur Flexibilität. Foto: Marcelo Santos (Getty Images)

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Das Blatt bleibt weiss. Kursleiterin Frau Kerkhoff hat gebeten, drei überzeugende Argumente aufzuschreiben, weshalb eine Firma einen einstellen sollte. Eine Minute ist schon vergangen. Herr Grünenfelder hirnt. Frau Scherer auch. Herr Grünenfelder nimmt den Bleistift, faltet das Blatt, setzt an, dann sagt Frau Linde, 19 Jahre alt, Sachbearbeiterin und arbeitslos: «Du musst einfach schreiben, weshalb du ein geiler Siech bist.» Herr Grünenfelder, 48 Jahre alt, Storenbauer, auch arbeitslos, weiss nicht recht. Geiler Siech – er? Dann schreibt er. Mit festem Druck. Auch Frau Scherer, 55 Jahre, Sachbearbeiterin, arbeitslos, hat drei Punkte gefunden. «Herr Grünenfelder, was haben Sie aufgeschrieben?», fragt Frau Kerkhoff, immer siezend.

Sieben Arbeitslose sitzen im aargauischen Vogelsang um einen eckigen Tisch und tüfteln am optimalen Motivationsschreiben. Die Organisation Lernwerk hat hier ihre Büros, sie hilft Arbeitslosen, alten und jungen, auf ihrem Weg zurück in den Job. Das ist harte Arbeit.

Auch Arbeitnehmer müssen am Ball bleiben, sprich sich weiterbilden.

Das weiss auch Johann Schneider-Ammann, 66 Jahre alt, Bundesrat, noch im Amt. Er hat Ende April an einen runden Tisch gerufen, um über die Arbeitslosigkeit im Alter zu sprechen. Gewerkschafter sitzen am Tisch, auch Leute des Arbeitgeberverbands. Bereits zum vierten Mal lädt der Bundesrat ein, die drei bisherigen runden Tische lassen sich wie folgt zusammenfassen: Arbeitgeber sollen gegenüber Älteren offener werden und Vorurteile abbauen. Dann: Auch Arbeitnehmer müssen am Ball bleiben, sprich sich weiterbilden. Und: «Wir nehmen das Thema ernst», sagt Schneider-Ammann.

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Viel ist also am runden Tisch nicht gegangen. Das zeigt sich auch am eckigen Tisch in Vogelsang: Die meisten hier haben schon lange keinen Job mehr. Bei Herrn Grünenfelder sind es sieben Monate, bei Frau Scherer neun. «Ich wurde noch nie zum Bewerbungsgespräch eingeladen», sagt Frau Scherer, die jeden Monat mindestens zehn Dossiers einreichen muss. «Du bist zu teuer», sagt Herr Grünenfelder. Tatsächlich, die Pensionskassenbeiträge auf den Lohn sind bei älteren Menschen höher. «18 Prozent sind es bei uns», sagt Frau Scherer, sie weiss das, sie hat es immer und immer wieder gehört. 7 sind es bei den Jungen. Dazu sind die Jungen agiler, lernfähiger, besser ausgebildet, heisst es zumindest in vielen Personalabteilungen. Also entscheiden sie sich meist für Jüngere.

Auf dem Abstellgleis

«Ich fühle mich auf dem Abstellgleis», sagt Frau Scherer. Die Statistik bestätigt das. Werden Menschen über 50 einmal arbeitslos, sind sie es lange. Im Schnitt bleiben sie doppelt so lange ohne Arbeit wie unter 50-Jährige. Das Problem wird sich weiter verschärfen. Erstens ist da der demografische Wandel – es wird bald mehr ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt geben als jüngere. Zweitens schreitet die Digitalisierung und Automatisierung voran, Berufe sterben aus. Und drittens: Firmen brechen immer mehr das Tabu und entlassen ältere Menschen.

«Herr Grünenfelder, was haben Sie aufgeschrieben?», fragt Frau Kerkhoff. Er klärt sich den Hals, das jahrelange Rauchen hat ihm einen mächtigen Räusperer geschenkt. Heute dreht er die Zigaretten selbst. Ist billiger. Herr Grünenfelder antwortet: «Ich kann mit verschiedenen Menschentypen umgehen. Hab ein grosses technisches Wissen. Bin ein Macher.» Ihm fällt es schwer, über seine Stärken zu sprechen. Der Storenbauer kann nicht mehr in der Höhe handwerken, ein Augenleiden plagt ihn, also will er künftig im Hausdienst arbeiten.

Er muss. Zu Hause drückt eine Hypothek – ausgesteuert zu werden, wäre fatal. Sozialhilfe bekommt er erst, wenn sein Vermögen nur noch 4000 Franken beträgt. «Ich würd auch drei Tage gratis arbeiten, damit sie sehen, wie ich arbeite, dann würden sie mich nehmen, das weiss ich.» Doch dazu kommt es nicht, Herr Grünenfelder wird einfach nicht zu Gesprächen eingeladen: «Früher wär ich in eine Werkstatt gelaufen, hätt nach dem Chef gerufen und mich vorgestellt. Heute fehlt mir das Selbstvertrauen.»

«Ich würd auch drei Tage gratis arbeiten, damit sie sehen, wie ich arbeite.»Arbeitssuchender

Die Absagen kratzen am Selbstbewusstsein. Sagt auch Frau Scherer. «Die Absagen sind so unpersönlich, so entwürdigend.» Sie habe sich als Arbeitslose in Buchhaltung weitergebildet, nur kann sie das nicht anwenden, sie hat keine praktische Erfahrung. «Es ist zum Verzweifeln. Es ist Zeit, dass die Regierung endlich etwas unternimmt.» Da wären wir wieder beim runden Tisch in Bern.

Corrado Pardini ist SP-Nationalrat und Gewerkschafter, er hat sich im Parlament mit Vorstössen für ältere Arbeitslose eingesetzt: alle abgeschmettert. Er will einen besseren Kündigungsschutz für ältere Menschen: eine längere Kündigungsfrist und eine schriftliche Begründung für eine Entlassung. Er will auch ältere Leute vom Druck des Ausgesteuertwerdens befreien. Konkret: Leute über 50 sollen nicht nur 520 Tage lang Arbeitslosengeld erhalten wie bis anhin, sondern 780. Schwierig im aktuellen Parlament.

Weiterbildung kommt zu kurz

«Die Politik verschliesst vor diesem Problem die Augen, die Bürgerlichen haben dieses sozialpolitische Drama noch nicht begriffen. Die Wirtschaft schon», sagt Pardini und verweist auf das Pilotprojekt «Passarelle 4.0» in der Maschinenindustrie. Gewöhnlich geht der Schweizer Arbeiter in eine Lehre und arbeitet dann 40 Jahre lang, die Weiterbildung kommt zu kurz, meist aus Kostengründen. Ist er einmal arbeitslos, hat er grosse Defizite gegenüber Jüngeren. Also versucht man nun, beispielsweise in einer Lehre für Erwachsene Polymechaniker zu Datenanalysten weiterzubilden.

FDP-Präsidentin Petra Gössi hält von Pardinis Vorschlägen nicht allzu viel. Ein Kündigungsschutz führe nur dazu, dass ältere Leute noch früher entlassen oder dann nur noch befristet eingestellt würden. Sie möchte vielmehr verhindern, dass Arbeiter im Alter teuer werden und daher die Alterszuschläge in der Pensionskasse senken. Ein Plan, den die FDP in der Altersvorsorgedebatte eingebracht hat, der aber keine Mehrheit findet. Der einzige Konsens zwischen Pardini und Gössi findet sich bei den Weiterbildungen. Nur: Das ist der schwammigste Teil, Frau Scherer will was Handfestes.

Und die Akademiker?

Im Lernwerk-Kurs sitzen vor allem Leute mit einfacheren Ausbildungen im Unterricht. Den sehr gut qualifizierten Arbeitslosen bietet das RAV oft ein Einzel­gespräch an und verweist sie an Menschen wie Daniel Maurer, Coach und Berater bei Winalyse in Binnigen BL. Manchmal klingelt bei ihm um 20 Uhr das Telefon – ein Vorstellungsgespräch am nächsten Tag, ob er kurz noch helfen könne?

«Auch bei den älteren Akademikern hat sich die Situation auf dem Stellenmarkt verschlechtert», sagt Maurer. Er spricht von Hardship, vom Rat Race, von Personal Branding. Maurer hat die Sprache seiner Klienten übernommen. Deren Welt hat sich verändert – Finanzkrise, Digitalisierung und nun ein neuer Trend: Firmen lagern immer mehr ganze Abteilungen ins Ausland aus: die IT, die Finanz- und Personalabteilung. Die Folge: noch weniger offene Stellen.

Maurer macht eine ähnliche Arbeit wie Frau Kerkhoff. Er hilft den Arbeitslosen beim Personal Branding. Englisch für: Wie zeige ich, dass ich ein geiler Siech bin. Maurer empfiehlt seinen Klienten, flexibel und agil zu sein. Das heisst gerade bei älteren Stellensuchenden: flexibel nach unten. Weniger Lohn, tiefere Kaderposition, kleinere Firma. Im Vergleich zu den Leuten in Frau Kerkhoffs Kurs sind die Akademiker besser organisiert und haben ein besseres Netzwerk.

Die Ehefrauen laufen davon

Wobei Arbeitslossein mehr als nur «keinen Job haben» bedeutet. Maurer erzählt, dass es schon mal vorkomme, dass Ehefrauen zu Hause ausziehen, weil ihre Manager-Ehemänner plötzlich nicht mehr so attraktiv erscheinen. «Jedenfalls», sagt Maurer, «steuern wir in der Altersarbeitslosigkeit auf ein beträchtliches Problem zu.» Maurer spricht mittelfristig von möglichen sozialen Unruhen, von einer Balance, die abhandenkomme.

Im Kurs in Vogelsang ist es Mittag geworden, Frau Kerkhoff rät ihren älteren Schülern, aus ihrer vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu machen und im Lebenslauf das Alter nicht auf der letzten Seite unten links zu schreiben, sondern es als Vorteil zu sehen. Im Sinn von: Meine Erfahrung hat einen Nutzen. Herr Grünenfelder weiss nicht so recht. Dann sagt die 19-jährige Frau Linde: «Wissen Sie, nicht nur die Alten haben es schwer, auch wir Junge haben es nicht leicht.» Seit Lehrstellenende ist sie ohne Job. Sie bekommt nur Absagen, zu unerfahren sei sie, mindestens 25 solle sie sein. «Aber wie bitte soll ich Erfahrungen sammeln, wenn ich keine Chance bekomme?»

Zum Schluss bittet Frau Kerkhoff ihre Schüler, ein Motivationsschreiben zu verfassen, das sie nie abschicken würden. Herr Grünenfelder schreibt darin, er sei sehr pünktlich, Frau Scherer bittet um eine Chance, und die junge Frau Linde kritzelt: «Laden Sie mich zu einem Bewerbungsgespräch ein, bevor Sie zu schnell über mein Alter urteilen.» Diesen Satz hätten genauso Herr Grünenfelder und Frau Scherer schreiben können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 11:45 Uhr

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