«Am gefährdetsten sind die Bauarbeiter»

Wie gefährlich ist der in Biel gefundene atomverseuchte Abfall? Und was muss der Bund nun unternehmen? Dazu der Strahlenexperte André Herrmann.

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Zum ersten Mal tauchte in einem Schweizer Wohngebiet eine grosse Menge Radium auf: Aus dem Boden unter dem Bieler Mühlefeld-Quartier wurden 120 Kilogramm radioaktiver Abfall geborgen. Wie gefährlich ist dieser Fund?
Das hängt davon ab, um welche Form radioaktiven Abfalls es sich handelt – ob er sich in geschlossenen Gefässen befindet oder im ganzen Bodenreich verteilt ist, was die Aushubarbeiten erschweren würde. So oder so sind 120 Kilogramm verseuchtes Material eine beträchtliche, relevante Menge. Sie muss sorgfältig entsorgt werden, auch wenn die Gesundheit der Anwohner nicht unmittelbar gefährdet ist.

Ist sie das wirklich nicht? Immerhin haben die Spezialisten an gewissen Stellen eine Strahlungsintensität von 300 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Wer mehr als drei Stunden mit einer derart starken Quelle in direktem Kontakt ist, hat die tolerierbare Jahresdosis bereits überschritten.
Das stimmt, aber in direkten Kontakt mit dem Radium-226 ist wohl kaum jemand gekommen. Der Bund hat die Bauarbeiter sofort nach dem Fund mit Dosimetern ausgestattet und die Aushubarbeiten genauestens kontrolliert. Auch für die Anwohner dürfte kaum Gefahr bestehen, da ihre Häuser relativ weit von der betroffenen Baustelle entfernt stehen. Der Fund gibt allerdings trotzdem zu denken: Die Strahlendosis betrug ab einem Meter über dem Boden 3 Mikrosievert pro Stunde. Ist man dieser Dosis zehn Stunden pro Woche ausgeliefert, kommt man auf 1,5 Millisievert pro Jahr. Das Schutzziel für radioaktive Strahlung beträgt 1 Millisievert pro Jahr zusätzlich zur natürlichen Strahlung, die Dosis in Biel lag also leicht darüber. Die Behörden hätten die Funde darum unbedingt früher publik machen müssen, auch wenn die durchschnittliche jährliche Strahlenbelastung in der Schweiz bei 4 Millisievert liegt.

Das haben sie aber nicht getan, die radioaktiven Funde wurden erst durch die Presse aufgedeckt.
Das war tatsächlich ein Versäumnis. Bund und Kanton hätten von Anfang an offen und transparent kommunizieren müssen, um aufzuzeigen, dass die Gefahr für die Anwohner gering ist. Es gab keinen Grund, die Informationen zurückzuhalten. Nun haben die Behörden viel Vertrauen verspielt.

Nicht nur die Anwohner machen sich Sorgen: Bis vor wenigen Jahren standen auf dem betroffenen Gelände Schrebergärten, viele Menschen pflanzten dort Salat und Gemüse an.
Ihre Sorgen sind unbegründet: Diese Pflanzen nehmen Radium kaum auf. Am gefährdetsten sind meiner Meinung nach die Bauarbeiter. Sie hielten sich nah am kontaminierten Boden auf, ihre Arbeiten wirbelten Staub auf. Die Frage ist, wie stark dieser Staub verseucht war und ob sie ihm direkt ausgesetzt waren. Sorgen macht mir zudem das Gas Radon, das aus Radium-226 entsteht.

Warum?
Weil es wasserlöslich ist – das in Biel gefundene Material befand sich nahe am Grundwasser. Der Bund hat bereits angekündigt, dass er an sieben Orten Bohrungen durchführen wird, um zu überprüfen, ob das Grundwasser betroffen ist. Er sollte auch den Radon-Gehalt in den umliegenden Häusern messen, denn das Gas verteilt sich im Boden und drängt in die Gebäude.

Letzten Sommer sorgte eine ähnliche Meldung aus Biel für Aufregung: Damals wurde radioaktives Cäsium im Boden des Bielersees entdeckt. Es stammt wohl von Abfällen aus dem AKW Mühleberg. Hat die Region ein Atomabfall-Problem?
Nein, diese beiden Vorfälle haben nichts miteinander zu tun. Die ganze Schweizer Industrie ging früher sorglos mit radioaktiven Abfällen um, in Unkenntnis der Folgen. Deshalb werden wir auch in Zukunft immer wieder auf verseuchte Mülldeponien stossen. Das Risiko ist im Jura-Gebiet allerdings grösser als in anderen Regionen der Schweiz, da hier viele sogenannte Setzateliers beheimatet waren, in denen Arbeiter Uhren-Zifferblätter herstellten und bemalten. Dafür benutzte die Uhrenindustrie bis in die 60er Jahre radiumhaltige Leuchtfarben, ohne die Restbestände sorgfältig zu entsorgen. Auch das Radium in Mühlefeld gelangte wahrscheinlich auf diese Art in die Erde. Bei La Chaux-de-Fonds wurde vor einigen Jahren eine Senke voll radiumhaltiger Abfälle gefunden, inklusive Arbeitsutensilien. Dort gelangte das aus Radium-226 entstandene Radon in die Luft und durch die Klüfte in umliegende Häuser. Die Fundamente und Kanalanschlüsse der Gebäude mussten daraufhin abgedichtet werden.

Könnte das auch in Biel nötig sein?
Es wäre angezeigt, auch dort die Radon-Konzentration in den Häusern zu messen und sie, wenn nötig, baulich anzupassen.

Erstellt: 02.06.2014, 19:50 Uhr

André Herrmann war Basler Kantonschemiker und Präsident der Eidgenössischen Strahlenschutzkommission. Er ist heute als selbständiger Strahlenexperte tätig.

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