An 7 Tagen und 24 Stunden für die Freier bereit

Die Thailänderin, die in Biel wegen Menschenhandel in 88 Fällen angeklagt ist, soll 12 Jahre ins Gefängnis.

Körperliche Gewalt sei gar nicht nötig gewesen, es habe gereicht, dass die Thailänderin P.P. «massive psychische Gewalt» angewendet habe, sagen ihre Opfer. Zeichnung: Patrick Tondeux

Körperliche Gewalt sei gar nicht nötig gewesen, es habe gereicht, dass die Thailänderin P.P. «massive psychische Gewalt» angewendet habe, sagen ihre Opfer. Zeichnung: Patrick Tondeux

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Über das Erlebte sprechen die 88 mutmasslichen Opfer im bisher grössten Menschenhandel-Prozess in der Schweiz wie folgt: «Es gab keine Möglichkeit, ein anderes Leben zu haben.» – «Ich fühlte mich ausgeliefert und hilflos.» – «Es macht alles keinen Sinn mehr.» – «Ich konnte drei Tage lang nicht arbeiten. Ich hatte einen Abzess. Meine Vagina tat weh.» – «Meine Gebärmutter macht das nicht mehr mit. Ach, ich kann nicht mehr.»

Die in die Schweiz vermittelten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter mussten sich laut Anklage 24 Stunden an 7 Tagen pro Woche in den Bordellen für die Freier bereithalten. Sie wohnten vor Ort, oft in den Zimmern, in denen sie auch anschafften. Privatsphäre gab es nicht, wenn sie das Bordell verlassen wollten, mussten sie um Erlaubnis fragen. Bei Polizeikontrollen: sofort verstecken.

Die Opfer unterziehen sich Gesichtsoperationen – in der Hoffnung auf ein neues Leben. Sie sind drogensüchtig und depressiv, sie begehen Suizidversuche.

Sie mussten über sämtliche Einnahmen Buch führen und den grössten Teil ihrer Verdienste der Bordellbetreiberin abgeben – oder aber der Frau, die sie in die Schweiz gebracht hatte: Die heute 58-jährige Thailänderin P. P. – von allen nur «Ma’am» genannt – reiste von Bordell zu Bordell und kassierte das Geld meist persönlich ein. War sie zu Hause in Thailand, bei ihren zwei Kindern, fragte sie regelmässig per Chat nach. Die Schulden als Gegenleistung für die Flugtickets und gefälschten Visa waren horrend.

Panikattacken und Albträume

Horrend waren aus Sicht der Opferanwältinnen auch die Qualen, die die thailändischen Frauen und Transmenschen in den Bordellen erlitten. In eindringlichen Plädoyers beschrieben sie am gestrigen vierten Prozesstag am Regionalgericht Berner Jura-Seeland die psychischen und physischen Folgen des mutmasslichen Menschenhandels: posttraumatische Belastungsstörungen, Panikattacken, Albträume, Flashbacks, Schlafstörungen, Hautausschläge, Gewichtsverlust. Die Opfer unterziehen sich Gesichtsoperationen – in der Hoffnung auf ein neues Leben. Sie sind drogensüchtig und depressiv, sie begehen Suizidversuche. Die Angst vor Repressalien und die Scham sind riesig. Körperliche Gewalt, sagen ihre Anwältinnen, sei gar nicht nötig gewesen. Die «massive psychische Gewaltanwendung» habe gereicht.

Auch für Staatsanwältin Annatina Schultz Aschenberger ist klar: Das Verschulden der «Number one in Thailand» wiegt schwer. Sie zeige weder Einsicht noch Reue, auch Empathie für die Opfer sei nicht spürbar. Hartnäckig habe sie ­alles bestritten, auch dann noch, als die Beweise längst «erdrückend» gewesen seien. Erst knapp 19 Monate nach ihrer Verhaftung, in der 17. Einvernahme, gab P. P. erstmals zu, mehr als nur Visa für die Sexarbeiterinnen organisiert zu haben.

 P. P. sagte ihrem Ex-Mann, er solle «die Blumen schneiden». Mit Blumen sind Prostituierte gemeint. Was mit «schneiden» gemeint war, sagte sie nicht.

Auch das Verhalten in der Untersuchungshaft und im vorzeitigen Strafvollzug wirkt sich laut Schultz Aschenberger erhöhend auf das Strafmass aus. Unter anderem schrieb die Beschuldigte ihrem Ex-Mann in Thailand nach der Verhaftung im Oktober 2014, er solle «das Chaos aufräumen», das sie hinterlassen habe – aus Sicht der Staatsanwältin eine Aufforderung zur Beweisvernichtung. Zudem solle er «die Blumen schneiden». Mit Blumen, gab die Beschuldigte vor Gericht zu, sind Prostituierte gemeint, was mit «schneiden» gemeint war, sagte sie nicht.

Auch einem korrupten Beamten bei der thailändischen Anti-Korruptions-­Behörde schrieb sie: Als ihr Bekannter solle er dafür sorgen, dass sie freikomme. Als man sie darauf hinwies, dass ihre Briefe im Gefängnis gelesen würden, beschrieb sie fortan die Innenseite der Couverts. «Das zeigt, dass sie sich um Regeln foutiert. Sie selber setzt fest, was recht ist und was nicht», sagte die Staatsanwältin.

Schultz Aschenberger fordert für P. P. eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren. Sie sieht in ihr eine «Drahtzieherin, ohne deren Wissen und Können die Opfer nie hier gelandet wären», ja den «Mastermind» auf «oberster Hierarchiestufe». Ihr Fall sei, auch im Vergleich mit bereits abgeschlossenen Menschenhandel-Verfahren, «absolut aussergewöhnlich».

«Nicht alle Schicksale gleich»

Verteidiger Philipp Kunz bestritt vor Gericht nicht, dass seine Mandantin die desolate wirtschaftliche Lage der Sexarbeiterinnen unverfroren ausgenutzt habe. Allerdings sieht er den Straftatbestand des Menschenhandels nur in 13 der angeklagten 88 Fälle gegeben. «Diese Schicksale gehen einem nahe», sagte er. «Doch nicht alle Schicksale sind gleich.» Es sei falsch, dem thailändischen Volk «kollektiv die Selbstbestimmung abzuerkennen». Unter den vermeintlichen Opfern seien auch solche, die sich freiwillig prostituiert hätten. Andere hätten gar nicht befragt werden können, also könne man auch nicht sagen, wie Anwerbung und Vermittlung in die Schweiz erfolgt seien.

Der Verteidiger fordert für P. P. eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Sie habe im Verlauf des Strafverfahrens immer besser kooperiert. Auch die zwar geäusserte, aber nicht spürbare Reue dürfe ihr nicht zum Nachteil ausgelegt werden. «Offensichtlich wird das System nach thailändischem Verständnis einfach nicht als unfair empfunden.» Das Urteil erfolgt am Mittwoch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 09:05 Uhr

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