Angefangen hat alles mit dem Bruder

Im grössten Missbrauchsfall, den die Schweiz je gesehen hat: Der Mann, der über 100 meist behinderte Kinder sexuell missbraucht hat, äusserte sich gestern erstmals vor Gericht zu seinen Taten.

Bleiche Glatze, verwaschene Kleider: H. S. in Saal 220 des Regionalgerichts Bern-Mittelland. Illustration: Karin Widmer (Keystone)

Bleiche Glatze, verwaschene Kleider: H. S. in Saal 220 des Regionalgerichts Bern-Mittelland. Illustration: Karin Widmer (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bruder war 4 Jahre alt, als der damals 15-Jährige H. S. ihn sexuell missbrauchte. Der Vater bekam Wind davon und fragte seinen Sohn: «Weshalb bist du ein schwuler Sauhund?»

Aufgehört hat alles mit dem behinderten Bub in einem Heim im Kanton Aargau. Dieser hat seinen Eltern von sexuellen Kontakten mit seinem Betreuer erzählt. Der Heimleiter erstattete Anzeige, H. S. wurde verhaftet. Das war vor vier Jahren, 38 Jahre nachdem er seinen Bruder missbraucht hatte.

Es ist ein verwahrloster Mann, der gestern Morgen Saal 220 am Regionalgericht Bern-Mittelland betritt: bleiche Glatze, fleischiges Gesicht, verwaschene Kleider. Mit schweren Schritten geht er zum Stuhl in der Mitte, direkt vor Gerichtspräsident Urs Herren. Hinter ihm sitzen eine Schar von Opferanwältinnen und mehr als zwanzig Medienschaffende. Einen Satz sagt H. S. an diesem Tag besonders häufig: «Ich wusste, dass es nicht richtig ist – aber ich konnte nicht widerstehen.»

Der grösste Missbrauchsfall

Es ist der grösste Missbrauchsfall, den die Schweiz je gesehen hat. 4 Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, 124 Personen als Opfer von H. S. identifiziert. Die meisten der Taten sind verjährt. Vor Gericht beurteilt werden in dieser Woche 33 Fälle. Diese aber haben es in sich: Die Staatsanwältin wirft dem Beschuldigten unter anderem Schändung sowie sexuelle Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen vor.

Die Anklageschrift umfasst auf 60 Seiten detaillierte Beschreibungen der Übergriffe: Meist berührte H. S. die meist behinderten Kinder an den Geschlechtsteilen, führte seine Finger in ihre Körperöffnungen ein und masturbierte dazu. Oft filmte er sich dabei.

Nach der Schule ging H. S. ans Lehrerseminar. Das erste Praktikum: ein Schullager begleiten. Auch dort kam es zu einem Übergriff, wie er vor Gericht sagt. Nach einiger Zeit brach H. S. die Lehrerausbildung ab und begann eine Banklehre. Die Schullager begleitete er weiterhin. «Die sexuellen Handlungen standen nicht im Vordergrund, sondern das Zusammensein mit den Kindern», sagt er. Missbraucht hat er sie trotzdem.

1982 begann H. S. mit einem Praktikum in einem Heim im Kanton Bern seine Karriere als Betreuer. Vor Gericht berichtet er von einigen wenigen Phasen, in denen er sich für längere Zeit an keinem Kind vergriffen hat. Meistens gehörten die Übergriffe einfach dazu. Der Beschuldigte bestätigt vor Gericht, dass er wütend auf seine Vorgesetzten war, wenn sie ein bestimmtes Kind auf eine andere Abteilung verlegten und er sich nicht mehr an ihm vergreifen konnte.

H. S. gibt an, er sei «froh gewesen», dass 2010 gegen ihn Anzeige erhoben worden sei. «Ich habe gemerkt, dass ich mit meinen Problemen nicht mehr umgehen kann.» Er sei froh, im Moment nicht in Freiheit zu sein. «Ich könnte nicht widerstehen, wenn sich eine Gelegenheit böte.» H. S. gibt sich reuig. Er sagt aber auch: «Ich war der Meinung, die Übergriffe hätten in einem gewissen Einvernehmen stattgefunden.» Ob er sich auch Gedanken über die Opfer gemacht habe, will der Richter wissen. H. S. antwortet: «Es war klar für mich, dass die Übergriffe Folgen haben für die Opfer. Es war schon so, dass eine gewisse Belastung durch ein schlechtes Gewissen da war.»

«Sie war es nicht wert»

Bereits 2003 war H. S. kurz davor, verhaftet zu werden. Ein 13-jähriges Mädchen war missbraucht worden und nannte unter anderem den Nachnamen des Beschuldigten. Verhaftet und verurteilt wurde darauf ein anderer. Warum er nicht schon damals alles zugegeben habe, will der Richter wissen. H. S. antwortet: «Sie hat nicht dem entsprochen, was ich eigentlich wollte. Sie war kein Bub und ich hatte sie nicht besonders gern. Sie war es nicht wert, aufzugeben.» Er hält einen Moment inne, um dann den Namen eines Knaben zu nennen, an dem er sich später ebenfalls vergriff. «Wäre es damals um ihn gegangen, wäre wohl vieles nicht passiert.»

Im März 2010 wurde es eng für H. S., zwei Buben hatten ihn verraten. Der Heimleiter kündigte an, ihn anzuzeigen. Der Beschuldigte hätte Zeit gehabt, die Videos verschwinden zu lassen. Weshalb er es nicht getan habe, will der Richter wissen. H. S. antwortet: «Beim letzten Mal konnte ich mich ja auch herausreden. Ich hatte das Gefühl, mir könne nichts passieren.»

Ob er die Videos vielleicht absichtlich nicht vernichtet habe, weil er auffliegen wollte, will der Richter wissen. H. S. antwortet: «Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall wäre es schade gewesen, sie nicht mehr zu haben.»

Erstmals ungeduldig

Zuletzt will der Gerichtspräsident wissen, ob es auch sexuelle Praktiken gebe, auf die er verzichtet habe. Antwort: «Das, was ich mir vorstellen konnte, habe ich gemacht.» Was er sich denn nicht habe vorstellen können, will der Richter wissen. Antwort, nach einigem Zögern: «Naja, zum Beispiel ein totes Kind zu missbrauchen.» Nein, das meine er nicht, sagt der Richter, zum ersten Mal ungeduldig. Was er meine: ob er manchmal nicht nur mit dem Finger, sondern auch mit dem Penis eingedrungen sei. Antwort: «Nein, das wäre eine Grenzüberschreitung gewesen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2014, 06:53 Uhr

Artikel zum Thema

«Es gibt krasse Fälle»

Bern Die Stadt Bern kündigt 237 Mietern, die in vergünstigten Wohnungen unrechtmässig leben. Der Berner Finanzdirektor Alexandre Schmidt nimmt im Interview dazu Stellung. Mehr...

«Ich bin nicht pädophil»

Der ehemalige deutsche Abgeordnete Sebastian Edathy räumt ein, Nacktbilder von Kindern gekauft zu haben. Pädophil sei er aber nicht. Für Entschuldigungen sieht er keinen Anlass: Er habe nichts Illegales getan. Mehr...

Verdacht auf Kinderpornos in Könizer Tagesfamilie

Köniz Kinderbetreuer aus dem bernischen Köniz stehen unter Kinderporno-Verdacht. Bei einer Hausdurchsuchung wurde verdächtiges EDV-Material sichergestellt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...