«Angehörige drohen mit dem Heim»

Viele misshandelte Alte schwiegen aus Angst, sagt Mediziner und Altersexperte Albert Wettstein.

Albert Wettstein war bis 2011 Zürcher Stadtarzt. Er leitet die Fachkommission Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter. Foto: Doris Fanconi

Albert Wettstein war bis 2011 Zürcher Stadtarzt. Er leitet die Fachkommission Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter. Foto: Doris Fanconi

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Was tun Sie, wenn jemand seine betagte Mutter schlägt?
Eine Intervention ist enorm schwierig. Bei der häuslichen Gewalt gibt es Mittel wie etwa das Kontaktverbot, um Täter in Zukunft fernzuhalten. Aber das geht in solchen Fällen nicht, weil die pflegebedürftigen Opfer weiterhin auf die Täter angewiesen sind. Stattdessen müssen wir die Parteien an einen Tisch bringen. Dann finden wir in 80 Prozent der Fälle eine Lösung, die für alle stimmt.

Und beim Rest?
In Härtefällen lasse ich mich vom Arztgeheimnis entbinden und gebe den Fall der Kesb an. Was wir nicht machen, sind Anzeigen bei der Polizei. Die Verursacher der Gewalt müssen wissen, dass sie sich bei uns melden können, ohne rechtliche Konsequenzen zu befürchten. Sonst haben sie Angst, Hilfe zu holen.

Warum ist in diesem Bereich die Hemmschwelle so hoch, sich zu melden?
Weil innerhalb der Verwandtschaft grosse Abhängigkeiten bestehen. Was hinter den eigenen Türen passiert, bleibt oft dort. Wer Gewalt gegen seine eigene Familie anwendet, schämt sich im Nachhinein und meldet sich nicht. Die Opfer wiederum wollen nicht undankbar erscheinen und nehmen ihre Angehörigen in Schutz, statt sich zu beschweren. Schliesslich haben sie auch Angst vor Konsequenzen.

Wie meinen Sie das?
Für die Betroffenen ist es zentral, dass sie im eigenen Zuhause leben können. Das nutzen Angehörige als Druckmittel, wenn es zu Gewalt gekommen ist. Sie drohen: Wenn du dich beschwerst, dann kommst du ins Heim. Das verängstigt viele Opfer so sehr, dass sie sich nicht wehren.

Wie sorgen Sie für Entlastung?
Wir vermitteln oft eine Spitex. Abhilfe bieten auch Tagesstätten, in denen Betagte einzelne Tage untergebracht werden. Am besten aber ist es, die Pflege auf mehr Schultern zu verteilen, mehr Verwandte und Bekannte einzuspannen. Enkel helfen zum Beispiel kaum mit. Ich sehe aber keinen Grund, warum nicht auch Teenager mit den Grosseltern spazieren oder beim Essen helfen können. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.04.2018, 09:08 Uhr

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