Angst ums Wasser

Die Schweiz sieht sich als Superwasserland. Doch stimmt das noch? Pestizide werden zum Problem, die Bevölkerung ist beunruhigt. Die Folge: eine ziemlich radikale Trinkwasserinitiative.

1887 hielt Giovanni Segantini die «Bündnerin am Brunnen» fest. Heute ist die Idylle bedroht. Das Schweizer Trinkwasser ist schlechter als sein Ruf. Foto: Keystone/akg-images

1887 hielt Giovanni Segantini die «Bündnerin am Brunnen» fest. Heute ist die Idylle bedroht. Das Schweizer Trinkwasser ist schlechter als sein Ruf. Foto: Keystone/akg-images

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Vom Luftschutzbunker bis zum Gewehr im Stubenschrank – über Sicherheitstechnik aus dem Kalten Krieg wird gern gelacht. Nicht so im Wasserwerk der Stadt Zürich: Der 25 Meter tiefe Horizontalfilterbrunnen D, durch den jede Nacht Grundwasser hochgepumpt wird, ist gesichert durch eine dezimeterdicke, vierfach verriegelte Panzertür, bombenfest, die Anlage stammt von 1980. Es geht hier aber auch ums Lebendige: Das Grundwasser wird zusammen mit auf­bereitetem See- und Quellwasser zum Hahnenwasser der Stadt Zürich.

Sollte der Netzstrom für die gusseisernen Pumpen aus dem Hause Brown, Boveri & Cie. einmal ausfallen – wegen eines Blackouts, eines Erdbebens, eines Kriegs – so sprängen vier autogrosse Dieselgeneratoren an, signalgelb lackiert, frisch gewartet. «Diesel für zwei Wochen haben wir eingelagert», sagt Hans Gonella, der durchs Grundwasserwerk führt. Die Anlage hat den Auftrag, die Notwasserversorgung der Stadt sicherzustellen. Ginge alles schief, so gäbe es immer noch das separat gelegte Quellwassernetz, über das rund 400 der 1200 städtischen Brunnen weiter versorgt blieben. Dann könnte die Bevölkerung mit Kübeln und Pfannen los.

Übertrieben vorsichtig findet diese Vorkehrungen niemand, wirklich niemand. Bei der Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser verstehen wir keinen Spass. Dass das Hahnenwasser verlässlich sauber fliesst, darum besteht in der Schweiz schon fast ein Kult: Wer aus den Ferien nach Hause kommt, hängt sich ­rituell unter den Wasserhahnen und freut sich, dass er keine Mineralwasserflaschen mehr kaufen muss, dass sein Wasser nicht mehr nach Chlor stinkt und auch keine seltsame Färbung aufweist. Fragt man Auslandschweizer, was ihnen fehlt von daheim, so werden neben Käse und Brot auch Trinkwasserbrunnen gern genannt. Das beste, das klarste, das frischeste: Die Binnen­nation Schweiz versteht sich als Superwasserland.

Seit einiger Zeit aber wird die Qualität des Schweizer Wassers infrage gestellt. Im April hat die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung eine «anhaltend hohe Pestizidbelastung» in kleinen Bächen festgestellt; Herbizide, Fungizide und Insektizide aus der Landwirtschaft setzen den Gewässern zu. Im November hat die OECD die Schweiz in einem Bericht angehalten, mehr für den Gewässerschutz zu tun. Und im Dezember hat der WWF eine Untersuchung vorgelegt, wonach Schweizer Fische zu oft Pflanzenschutzmittel in sich tragen.

Schleichende Vergiftung

Dass der Bund trotzdem vorhat, in der Gewässerschutzverordnung die Grenzwerte etlicher Pestizide zu erhöhen, wohl auf Druck von Industrie und Bauernschaft, alarmiert Fachleute und Umweltschützer. Allein der Grenzwert für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat soll in Bächen und Flüssen um den Faktor 3600 heraufgesetzt werden. Derzeit sind in der Schweiz rund 300 Pflanzenschutzmittel zugelassen.

Mehr als ein Bombardement oder Beben scheint also schleichende Vergiftung unser Wasser zu bedrohen. Das verunsichert, wie Franziska Herren erfahren hat. Ihr Verein «Sauberes Wasser für alle» hat innert sieben Monaten und ohne Unterstützung einer Partei mehr als 100 000 Unterschriften für ihre Trinkwasserinitiave gesammelt, diese Woche werden die Unterschriften eingereicht. Das Begehren hat Sprengkraft: Landwirte sollen nur noch dann Subventionen erhalten, wenn sie auf Pestizide, regelmässige Antibiotika und Futtermittelimporte verzichten. «Unsere Kinder sollen auch in Zukunft den Wasserhahn aufdrehen können und gutes, sauberes Wasser bekommen», sagt Co-Initiantin Herren im Gespräch.

Die Bauernorganisationen sind nun in Nöten. Ohne Pestizide und Antibiotika lasse sich als Landwirt nicht leben, klagen sie. Ein Pestizidverbot in der Schweiz werde deshalb zu höheren Importen aus dem weiter mit Gift hantierenden Ausland führen, denn die Nachfrage werde ja gleich bleiben.

Befürworter aber hoffen, dass das Umdenken tiefer gehen wird: dass die Konsumenten vermehrt Fleisch und Ackerfrüchte fordern und bezahlen, die ohne Schädigung des Wassers produziert werden. «Wir müssen umdenken», sagt Franziska Herren. So oder so, die Landwirtschaft wird sich etwas einfallen lassen müssen. Denn wenn das Stimmvolk dereinst eine Vorlage vorgesetzt bekommt, auf der die Kernfrage «Sauberes Trinkwasser: ja oder nein?» lautet, dann werden viele wissen, was sie antworten.

Nicht alle Ängste um das Schweizer Trinkwasser sind gleich begründet. Im Stadtzürcher Wasserwerk rufen jede Woche Bürger an, die sich vor Schwermetall fürchten, vor Antibiotika- oder Kokainrückständen im Wasser. Hier kann Andreas Peter, der Chef der Qualitätsüberwachung, beruhigen. «Das Wasser aus dem Hahnen ist in Zürich heute eher besser als vor 30 Jahren.» Bei der Aufbereitung des Seewassers, das 70 Prozent des Zürcher Trinkwassers ausmacht, werden alle Krankheitskeime eliminiert, Antibiotika und hormonelle Wirkstoffe (etwa von der Antibabypille) mit Ozon neutralisiert. Pestizide sind dank der geringen landwirtschaftlichen Nutzung des Stadtbodens kaum ein Thema und Bleileitungen schon seit hundert Jahren verboten, Schwermetall also keine Gefahr.

Aus dem Boden in den Hahnen

Doch Zürich ist nicht typisch. In der ganzen Schweiz werden nur 20 Prozent des Trinkwassers aufwendig aus Seen und Flüssen aufbereitet – der Rest kommt aus Grund- und Quellwasser. 70 Prozent der Schweizer Wasserversorger verteilen mehr oder weniger unbehandeltes Grundwasser als natürliches Trinkwasser an die Haushalte, gereinigt und gefiltert allein vom Boden.

«Dass wir das machen können, ist ein grosses Privileg», sagt Paul Sicher vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches. Der Verein wacht über die Trinkwasserqualität des Landes. Dass das Ursprungswasser aber auch in Zukunft so unaufbereitet nutzbar bleibe, sei keine Selbverständlichkeit, sagt Sicher.

Schon heute leben wir mit Pestiziden im Grundwasser. Die Nationale Grundwasserbeobachtung des Bundes entdeckte an jeder fünften untersuchten Grundwassermessstelle zu viele Pestizide oder deren Abbauprodukte. An Grundwasserfassungen in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft wurde der kritische Wert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gar bei 70 Prozent der Messstellen überschritten. Auch wenn, so sagt Paul Sicher, für den Menschen keine Gefahr bestehe und das Grundwasser weiterhin «einwandfrei» sei, so sei es doch «besorgniserregend», dass immer neue Stoffe im Wasser gefunden würden, teilweise auch Jahre nach dem Verbot einer Substanz. Auch wisse man «über die Cocktailwirkung mehrerer Stoffe selbst in Kleinstkonzentrationen» zu wenig. Sein Verein fordert deshalb wirksame Massnahmen zur Sicherung des Grundwassers – etwa ein Pestizidaustragungsverbot in Schutzzonen um Trinkwasserfassungen.

Zu 100 Prozent rein ist das Wasser auch in einer stark aufbereitenden Stadt wie Zürich nicht. «Wasser trägt immer den Fingerabdruck seiner Umwelt», sagt Andreas Peter von der Qualitätssicherung. Künstlicher Süssstoff wie Acesulfam beispielsweise lasse sich nur schwer neutralisieren. Im Grundwasser ist mit den Hinterlassenschaften der industriellen Vorfahren zu verhandeln, etwa Substanzen aus der Textilindustrie. Und auch Mikroplastik, also etwa winzigste Inhaltsstoffe von Zahnpasta, seien nachweisbar – einfach in «sehr vernachlässigbaren» Mengen, sagt Peter.

Mehr als übers Trinkwasser nehmen wir Pestizide sowieso über Früchte und Gemüse auf. Bei Kontrollen durch die Labore der Kantonschemiker wiesen 2016 etwa 80 Prozent der kontrollierten Lebensmittel Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf, besonders Importe aus Asien, Grüntee aus China, Sellerie aus Thailand. Das betraf auch Bioprodukte, in geringerem Masse.

Trotzdem ist das Wasser und seine Sauberkeit viel eher Thema. Wasser sei eben emotional, sagt Hans Gonella vom Zürcher Wasserwerk. «Auch deshalb, weil man ihm so ausgeliefert ist.» Es gibt keine Alternative, keine Auswahl, keine teure Bio- und keine Budgetvariante. Nur ein Hahnenwasser. Es muss gut sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 19:21 Uhr

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