Annäherungen an eine AKW-Katastrophe

Der «Gesamtnotfall» im AKW Mühleberg wird in der Region Bern noch bis Donnerstag geprobt. Umfassender als früher – und doch lückenhaft.

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Das erste Postauto mit Evakuierten aus der Alarmzone 1 des Atomkraftwerkes Mühleberg erreichte am Dienstag um 10.15 Uhr das Mehrzweckzentrum Pöschen in Schwarzenburg. Das zweite kurz darauf. Mit den zwei Postautos und 60 Freiwilligen, Figuranten genannt, probten die kantonalen Behörden die vorsorgliche Evakuierung der Alarmzone 1 im Rahmen der Gesamtnotfallübung Mühleberg. Vorsorglich heisst: Nachdem eine Katastrophe im AKW absehbar ist – aber noch rechtzeitig, bevor die radioaktiven Wolken entweichen.

Die Figuranten haben von der Übungsleitung Rollen zugeschrieben erhalten. Die Frau im Rollstuhl ist nicht wirklich gehbehindert. Sie streitet mit einer Frau, die ihre Rennmaus mitgenommen hat, über den Gestank des Tieres. Die Maus ist ein Stofftier.

Man versucht den Stress zu simulieren, der in einer zusammengewürfelten Gruppe von Evakuierten entstünde. Doch was empfände Figurant Hansruedi Müggler, wenn die Evakuierung echt wäre? «Wut, weil man uns nicht über die atomaren Risiken aufgeklärt hat», sagt der Pensionierte. «Und auch auf mich, weil ich mich nicht besser informiert habe.»

Gesamtnotfallübungen finden alle zwei Jahre an einem der vier AKW-Standorte in der Schweiz statt. Die aktuelle dauert drei Tage, noch bis Donnerstag. Sie ist eine Premiere. 45 Jahre nach Inbetriebnahme des AKW Mühleberg – und zwei Jahre vor seiner Abschaltung 2019 – wird erstmals die Bevölkerung einbezogen. Wenn auch nur in Gestalt einer Handvoll Figuranten. «Das ist untauglich», kritisiert Martin Forter von der Organisation Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz. «Man kann mit zwei Postautos keine Evakuierung üben.» Die ganze Bevölkerung der Alarmzonen 1 und 2 müsse in die Übungen einbezogen werden, fordern die AKW-kritischen Mediziner in der Vernehmlassung zur neuen Notfallschutzverordnung des Bundes (siehe Box).

Fährt der ÖV bei einem Unfall?

«Das wäre unverhältnismässig», sagt Andreas Gäumann vom kantonalen Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär (BSM). «Mit der Übung erproben wir vor allem das Zusammenspiel der Behörden bei einer Evakuierung.» Dies habe «insgesamt sehr gut funktioniert». Es gab bloss kleine Verzögerungen, und eine Person wurde vergessen und musste nachträglich abgeholt werden.

Falls das AKW wirklich ausser Kontrolle zu geraten drohe und man echt evakuiere, würden laut Gäumann bloss sechs Postautos eingesetzt. Denn der Evakuierungsplan für die Zone 1 sieht vor, dass nur jene Personen abgeholt werden, die nicht auf eigene Faust fliehen können. Die anderen sollen sich mit dem Auto oder mit dem regulären ÖV selber aus der Gefahrenzone entfernen, wenn die Behörden sie dazu auffordern.

Aber würde der ÖV noch fahren? «Rechtlich sind die Fahrer dazu verpflichtet», sagt Kurt Münger, Sprecher des Bundesamts für Bevölkerungsschutz. «Wir gehen davon aus, dass sie diese Aufgabe erfüllen. Aber letztlich kann niemand im Voraus wissen, wie sie sich angesichts eines Unfalls verhalten würden.»

Partielle Evakuation von Bern

In der Zone 1 (3–5 Kilometer um das AKW) leben bloss 3300 Menschen. Gemäss den neuen Vorgaben des Bundes müssten die Behörden aber auch die Evakuierung von jenen Teilen der Zone 2 (20 Kilometer um die AKW) vorbereiten, die in der Abwindzone des AKW sind. Bei Westwind wäre dies die Stadt Bern mit ihren Vororten – rund eine Viertelmillion Menschen. «Das ist in diesem Umfang nicht realistisch», sagt Gäumann.

Auf Geheiss des Regierungsrats wird aktuell ein Konzept für die Evakuierung von rund 30'000 Menschen der Zone 2 erarbeitet. Das würde zum Beispiel für Bern-West reichen. Eine grossräumige Evakuierung berge das Risiko, dass viele Menschen schutzlos im Stau steckten, wenn die radioaktive Wolke komme, so Gäumann. In Häusern, Kellern und Schutzräumen seien sie dagegen relativ gut geschützt.

Allenfalls müssten sie dann nachträglich, aus bereits verstrahltem Gebiet, evakuiert werden. Auch dies wird nun am Beispiel der Gemeinde Münsingen geübt – exemplarisch für einen verstrahlten Hotspot, wie sie auch ausserhalb der Alarmzonen auftreten können. Die Bevölkerung wird davon jedoch nichts merken – es handelt sich hier um eine reine Stabsübung der Behörden.

Erstellt: 27.09.2017, 09:17 Uhr

Streit um den Katastrophenschutz

In der Vernehmlassung zur neuen Notfallschutzverordnung fordern AKW-Betreiber eine Lockerung, Kritiker eine Verschärfung der Vorgaben für die Behörden.

Am Montag endete die Vernehmlassungsfrist für die neue Notfallschutzverordnung des Bundesrats. Darin werden die Vorgaben für die Behörden im Falle eines AKW-Unfalls neu geregelt. Ebenso wird festgelegt, dass die Behörden sich auf schwerere AKW-Unfälle als bisher vorbereiten müssen. Je schwerer der sogenannte Referenzunfall, welcher der Planung zugrunde liegt, desto anspruchsvoller wird der Notfallschutz.

Obwohl der Bundesrat nach Fukushima eine rasche Überarbeitung des Notfallschutzes versprochen hatte, dauerte es drei Jahre, bis sich eine Arbeitsgruppe von Bund und Kantonen 2014 auf das neue «Referenzszenario A4» einigte. Erstmals wird der Notfallschutz mit einem Unfall geplant, der zu radioaktiver Verstrahlung des Bodens führen würde. Bisher rechnete man mit Edelgaswolken, die zwar die Luft radioaktiv belasten, sich aber nicht am Boden ablagern. Das neue Konzept soll nun in der Notfallschutzverordnung rechtlich verbindlich festgeschrieben werden.

Als unzureichend bezeichnen die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) die Vorlage in der Vernehmlassung. Der angenommene Referenzunfall sei viel schwächer als die reale Katastrophe von Fukushima und erst recht als jene von Tschernobyl. Die Aefu kritisieren zudem, dass bloss mit einer «mittleren Wetterlage» gerechnet wird – also nicht mit ungünstigem Wetter, das die Folgen eines Unfalls verschärfen würde. Beim Notfallschutz kritisieren die Aefu, dass Evakuierungen auf gesunde, mobile Personen ausgerichtet seien. Menschen mit Einschränkungen – Behinderte, Spitalpatienten oder Gefängnisinsassen – würden in der Planung vernachlässigt.

Für Swissnuclear, den Verband der AKW-Betreiber, ist das neue Szenario A4 hingegen zu streng. Es sei «völlig unrealistisch», weil es «keinen Bezug zur sicherheitstechnischen Realität» der Schweizer AKW habe, erklärte Swissnuclear («Bund» vom 1. Juli). (st)

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