«Arbeit ist die beste Ablenkung vom Schmerz»

IV-Chef Stefan Ritler verteidigt die harte Praxis der Invalidenversicherung, die das Parlament nun nochmals verschärft. Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt sei sozialer als die Finanzierung von Renten.

«Ein medizinisches Grundproblem ist kein Freipass für eine Rente»: IV-Chef Stefan Ritler.

«Ein medizinisches Grundproblem ist kein Freipass für eine Rente»: IV-Chef Stefan Ritler. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange Zeit war die IV zu grosszügig bei der Gewährung von Renten. Nun hat man den Eindruck, die IV wende eine überharte Praxis an. Erfüllt die IV noch den Anspruch, eine soziale Absicherung für arbeitsunfähige Menschen zu sein?
Auf jeden Fall. Die Gerichte und der Gesetzgeber haben die Rentenpraxis verschärft. Im Gegenzug haben wir jedoch in die Wiedereingliederung investiert. Das ist volkswirtschaftlich und sozialpolitisch besser, als einfach Rentenleistungen zu finanzieren.

Die Rentenentscheide sind teilweise unverständlich: Einem Koch, dem ein Bein amputiert wurde, der Herzprobleme und Depressionen hat, wurde die Rente abgesprochen. Muss man heute querschnittgelähmt sein, um eine IV-Rente zu erhalten?
Selbst Querschnittgelähmte haben nicht von vornherein Anspruch auf eine Rente. Ein medizinisches Grundproblem ist kein Freipass für eine Rentenleistung. Ich könnte meine Arbeit auch als Querschnittgelähmter machen. Ich bekäme aber allenfalls einen Beitrag an den Rollstuhl. Beim Beispiel des Kochs scheint es klar, dass er nicht mehr im angestammten Beruf arbeiten kann. Aber es ist durchaus möglich, dass es für ihn eine angepasste Beschäftigung gibt, mit der er gleich viel wie als Koch verdient. Um eine solche Beschäftigung zu finden, bietet die IV Integrationsmassnahmen und Umschulungen an. Die IV ist aber keine Bundesfürsorge, sie ist und bleibt eine Versicherung.

Vor drei Jahren wurde die Integration verstärkt. Das Motto lautet nun: Eingliederung vor Rente. Wie erfolgreich ist die IV damit?
Die 5. IV-Revision ist seit 2008 in Kraft. 2007 konnten rund 6000 IV-Bezüger eingegliedert werden. 2009 waren es bereits 9000. Für so viele Menschen konnte die IV eine Anschlusslösung finden. Die Zunahme zeigt uns, dass die Investition in die Wiedereingliederung erfolgreich ist. Die eigentliche Erfolgsmessung, also ob jemand schliesslich einen Arbeitsplatz hat, können wir nicht liefern. Diese Angaben haben wir nicht.

Wie sieht die Rentenentwicklung 2010 aus?
Wir haben die definitiven Zahlen noch nicht. Aber die Zahl der Neurenten ist nochmals leicht zurückgegangen.

Wir reden von angeschlagenen Menschen. Welche Arbeitsplätze können diese überhaupt erhalten? Sind das geschützte Arbeitsplätze, die staatlich subventioniert werden?
Nein, wir gehen davon aus, dass diese Leute im ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Die geschützten Arbeitsplätze gehen meistens nur an Leute, die eine volle Rente haben und deren Existenz somit gesichert ist.

Mit der laufenden Revision, die im März vom Parlament verabschiedet wird, sollen zusätzliche 17'000 IV-Rentner eingegliedert werden. Gibt es diese Arbeitsplätze überhaupt?
Die Zahl von 17'000 Personen wird immer als so monströs dargestellt. Wir gehen davon aus, dass der heutige Rentenbestand um 5 Prozent reduziert werden kann. Das sind 12'500 Vollrenten, verteilt auf 17'000 Personen. Diese müssen über einen Zeitraum von sechs Jahren integriert werden. Schon heute reduzieren wir bei 2300 Personen pro Jahr die Rente, weil sie wieder einer Arbeit nachgehen können. Natürlich können wir die strukturellen und konjunkturellen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt nicht beeinflussen. Aber wir appellieren an die soziale Verantwortung der Arbeitgeber und bieten finanzielle Anreize, um diese Menschen anzustellen. Mit der Revision 6a hat der Arbeitgeber kein finanzielles Risiko, wenn er jemanden mit einer gesundheitlichen Einschränkung anstellt.

Zusätzlich zur IV muss auch die Arbeitslosenversicherung laufend für schwer vermittelbare Menschen Stellen finden. Da ist doch der Arbeitsmarkt überfordert.
Ich sehe die Schwierigkeiten schon. Natürlich stellt der Arbeitsmarkt gewisse Anforderungen. Aber statt zu sagen, warum diese Eingliederung nicht möglich ist, sollten wir unsere Energie dafür verwenden, die Eingliederung möglich zu machen.

Um 17'000 Personen einzugliedern, stellt die IV 200 Mitarbeiter an. Stehen Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis?
Tatsächlich entstehen in den ersten Jahren Mehrausgaben bei der IV. Wenn wir die Leute tatsächlich bei der Eingliederung begleiten wollen, ist das personalintensiv. Aber wenn man davon ausgeht, dass diese Menschen sonst durchschnittlich während rund 20 Jahren Rentenleistungen beziehen, lohnt sich die Investition.

Landen diese IV-Rentner am Schluss nicht einfach bei der Sozialhilfe?
Nein. Der übliche Weg verläuft von der Arbeitslosenversicherung über die Sozialhilfe zur IV. Nur ein kleiner Teil gelangt von der IV in die Sozialhilfe. Parallel zum Rückgang der Neurenten bei der IV ging auch die Zahl der Sozialhilfebezüger seit Jahren zurück. Man kann also nicht behaupten, die strengere Praxis der IV führe einfach zu mehr Sozialhilfebezügern.

Schmerzpatienten und Leute mit einem Schleudertrauma verlieren den Rentenanspruch. Sind als Nächstes psychisch Kranke an der Reihe?
Wir reden nicht von klassisch psychisch Kranken. Diese können weiterhin eine Rente erhalten. Wir reden von Menschen mit Befindlichkeitsstörungen. Psychiatrisch kann nicht klar ausgewiesen werden, was vorliegt. Zwei Drittel dieser Leute sind nicht in medizinischer Behandlung, erhalten aber trotzdem eine IV-Rente. Durch eine Rente wird der Zustand nicht besser. Wir wollen diesen Menschen Unterstützung bei der Eingliederung anbieten.

Gibt es das Schleudertrauma aus Ihrer Sicht gar nicht?
Zum Schleudertrauma möchte ich Folgendes sagen: In der Westschweiz gibt es diese Diagnose praktisch nicht. Im umliegenden Ausland auch nicht, weil damit keine Versicherungsleistungen bezogen werden können. Die Diagnosen kommen vor allem im Grossraum Basel-Zürich vor, wo die sogenannten Geschädigtenanwälte ihre Büros haben. Auch ich weiss von Menschen, die nach einem Schlag auf die Halswirbelsäule bei gewissen Belastungen Schmerzen haben. Meine Feststellung ist aber auch hier: Die Rente nimmt diesen Schmerz nicht. Es stellt sich aber die Frage, ob die Betroffenen medizinisch adäquat behandelt worden sind.

Aber mit diesem Schmerz kann man unter Umständen nicht arbeiten.
Das schliessen wir nicht grundsätzlich aus. Wir stellen uns aber zuerst die Frage, was kann jemand gegen die Schmerzen unternehmen? Leute mit Schmerzen sagen doch oft: Die Arbeit ist die beste Ablenkung von meinem Schmerz. Wenn man sich zu Hause in sozialer Isolation immer mit seinen Schmerzen beschäftigt, wird es noch schlimmer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2011, 22:23 Uhr

IV-Renten

Auch Ständerat will Überprüfung

Auch die kleine Kammer will eine systematische Überprüfung von IV-Renten, die Menschen mit medizinisch unerklärlichen Beschwerden beziehen. Der Ständerat ist gestern den entsprechenden Beschlüssen des Nationalrats gefolgt. Die Räte werden die IV-Revision 6a in der Märzsession bereinigen. Ziel ist es, das defizitäre Sozialwerk jährlich um 500 Millionen Franken zu entlasten. Dazu werden 17'000 Renten aufgehoben und die Bundesbeiträge an die IV neu berechnet. Der Revision wird eine weitere folgen, mit der nochmals 800 Millionen gespart werden.(br)

Artikel zum Thema

Von der IV um Tausende Franken geprellt

«Sozialbetrug» für einmal umgekehrt: Die Invalidenversicherung zahlt einer schwerbehinderten Frau über Jahre zu tiefe Leistungen. Wegen der Verjährung bleibt ein Teil des Geldes verloren. Mehr...

Burkhalter krebst zurück

Rund 500 Millionen jährlich sollte die Invalidenversicherung in den nächsten Jahren sparen. Nach dem erbitterten Widerstand der Behindertenverbände lockert Bundesrat Didier Burkhalter die Sparbremse. Mehr...

Nationalrat gegen Behindertenquote

Die Invalidenversicherung muss jährlich fast 3000 Rentner in den Arbeitsmarkt integrieren. Das Parlament will dies ohne eine Verpflichtung für die Arbeitgeber tun. Mehr...

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ganz schön hart: Zwei Männer trainieren am Strand von Vina del Mar in Chile (19. September 2017).
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...