Armee muss Bauern Wasser bringen

Wenn die Kühe fast verdursten: Die herrschende Trockenheit führt zu einer prekären Situation für Alphirten.

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Gleich kommt er wieder: der Helikopter, der vor wenigen Minuten den Mann in Leuchtorange abgesetzt hat. Aufgeregt stehen zwei Knirpse in der prallen Sonne. Was für ein Gaudi! Sie ahnen nicht, welches Unheil den Einsatz der Ecureuil-Maschine von Heli-Linth im Chueboden bei Unterwasser SG nötig macht.

Bereits zum dritten Mal befestigt der Flughelfer in Leuchtorange in der sengenden Hitze einen grossen Wassertank an die Transportleine. Weitere 800 Liter nimmt der Helikopter mit hoch zur Alp auf dem Windenpass. Dort ist dem Bauern das Wasser für seine Tiere ausgegangen – ohne die Hilfe des Helikopters wären sie bei dieser Dürre verloren gewesen.

Seit fast 100 Jahren hat es in der Schweiz zwischen April und Juli nie mehr so wenig geregnet. Es blieben aber nicht nur lang anhaltende Schauer aus. Meteo Schweiz registriert zudem die wärmste April–Juli-Periode seit Messbeginn. In ganz Europa herrscht Dürre, selbst im Wasserschloss Europas ist es zu trocken. Es droht grosse bis sehr grosse Waldbrandgefahr. Viele Gemeinden haben die Dorfbrunnen abgestellt, halten ihre Einwohner zum Wassersparen an.

Die Luftwaffe springt als Wasserspender ein

Das Knattern des Rotors kündigt die Rückkehr des Helis an. «Schau, er bringt den einen Tank wieder mit!», frohlockt der kleinere Knirps. Kaum hat der leere Tank den Boden berührt, hängt bereits ein voller an der Transportleine. Die Zeit drängt. Denn just in der Hochsaison der Helikopterunternehmen häufen sich seit einer Woche die Anfragen der Bauern für Wassertransporte und bringen sie an ihre Kapazitätsgrenzen. Zudem wirkt sich die grosse Dürre auf ihre Flugwege aus: «Wir dürfen nur noch an ganz wenigen Orten ­Wasser aufnehmen», sagt Patrick Rüesch, stellvertretender Geschäftsführer von Heli-Linth. «Statt bis zum nächsten Weiher müssen wir zuweilen bis zum Walen- oder Bodensee fliegen.»

Das verursacht höhere Kosten für die Bauern, die pro Flugminute an die 40 Franken bezahlen. In Härtefällen oder wenn die privaten Unternehmen ausgelastet sind, springt deshalb die Luftwaffe ein – an fünf Orten war sie heuer bereits mit Wassertransporten im Einsatz. Für die Landwirte sind die Flüge der Armee kostenlos. Sie bilden aber die Ausnahme, denn das Militär darf private Unternehmen nicht konkurrenzieren.

«Es kommt vor, dass Helifirmen Aufträge freiwillig an die Armee abtreten, denn die Situation ist für die Bauern auf den Alpen prekär, da wollen wir keine finanziellen Härtefälle provozieren», sagt Martin Candinas, Präsident der Swiss Helicopter Association.

Video: Helikopter bringt Wasser

Der Hubschrauber von Heli-Linth bringt einem Älpler Wasser für das Vieh.

Zwölf Tanks hat der Helikopter an diesem Nachmittag zur Alp geflogen. Noch ein letztes Mal kehrt er zurück. «Er muss den Mann in Leuchtorange holen», belehrt der grössere den kleineren Knirps und wischt sich schnell den Schweiss von der Stirn. Tapfer klammern sich die Buben an ihre Räder, an denen der Abwind der Rotoren rupft. Staub wirbelt auf.

Trockene Erde fliegt auch zig Kilometer weiter südlich durch die Luft. Regionalforstingenieur Matthias Kalberer und Revierförster Mattiu Cathomen beugen sich an einem Hang bei Tamins GR über ein Loch, das sie in ein Wiesenbord geschlagen haben. Ein sogenanntes Bodenprofil. Damit analysieren die Fachleute, wie trocken der Grund ist, und leiten davon die Waldbrandgefahr ab.

«Wenn das Feuer fängt, wirkt es wie Brandbeschleuniger.»

«Mit Beobachtungen an verschiedenen Stellen ergänzen wir seit kurzem die Berechnungsmodelle, die uns zur Verfügung stehen», sagt Kalberer. Denn manchmal versickere das Wasser schneller als erwartet. Er greift in die oberste Schicht mit altem Gras und Laub. «Alles völlig ausgetrocknet.» Sein Gesicht ist ernst. Der Förster neben ihm ergänzt: «Wenn das Feuer fängt, wirkt es wie Brandbeschleuniger.»

Aber auch die unteren Erdschichten enthalten an diesem Ort kein Wasser mehr. Kalberer zerreibt eine Hand voll mit den Fingern. «Wäre da noch etwas Feuchtigkeit, könnte ich Kügelchen formen und bekäme dreckige Hände.» Stattdessen fliegt die trockene Erde durch die Luft. Ein zweites Bodenprofil schlägt der Förster in bewaldetes Gelände. Für gewöhnlich bleibt hier die Streuauflage aus Nadeln und Blättern länger feucht, weil sie vor der Sonne geschützt ist. «Da ist nichts mehr», sagt Cathomen trocken.

Mehr Löschwasserbecken an unwegsamen Hanglagen

Zurück im Büro, legen die beiden Männer ihre Beobachtungen Andrea Kaltenbrunner dar. Beim Bündner Waldbrandkoordinator fliessen alle Informationen zusammen. Er will an diesem Donnerstagnachmittag die Massnahmen für den Nationalfeiertag festlegen: «So können die Leute und die Gemeinden ihre Feiern planen.» Dafür speist er Werte der Wetterstationen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag oder Wind in ein kanadisches Waldbrandindex-System. Dieses berücksichtigt die Daten von 52 Tagen und stuft so die Brennbarkeit von Holzteilen ein. Was wiederum Kaltenbrunner erlaubt, konkrete Rückschlüsse auf die Waldbrandgefahr der Region zu ziehen.

Aufgrund seiner Berechnungen und der Rückmeldungen der fünf Waldregionen hat der Kanton Graubünden vor wenigen Tagen grossräumig ein absolutes Feuerverbot im Wald und in dessen Nähe erlassen. In den Bündner Südtälern ist wie im Kanton Tessin sowie im Wallis ein absolutes Feuerverbot im Freien in Kraft. In den übrigen Deutschschweizer Kantonen sind Feuer in und um Wälder untersagt.

Die Dürre fordert ihren Tribut

Weil die Experten künftig häufiger mit solchen Trockenperioden rechnen, rüstet Graubünden nun auf: An trockenen und unwegsamen Hanglagen entstehen in den kommenden Jahren zusätzliche künstliche Becken, wo Helikopter Löschwasser fassen können. Zwei davon sollen die Schutzwälder der Stadt Chur besser erschliessen.

Matthias Kalberer ist aus seinem Büro heraus auf die Rheinbrücke getreten, blickt zum Ufer, wo die Dürre ihren Tribut fordert: Die Birken haben bereits ihre Blätter abgeworfen. «So weit ist es normalerweise erst etwa im Oktober.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 21:14 Uhr

Hitze und Trockenheit wirken sich auf alle Bereiche aus

Überlebenskampf

Der Schweizerische Fischereiverband rechnet mit einer Tragödie: Steigt die Temperatur des Rheins um zwei Grad, verenden Tausende Äschen, die zu einer Population von nationaler Bedeutung gehören. Aber auch im Kanton Aargau sind Fische inzwischen in Not: Bereits dreimal mussten notfallmässig Bachabschnitte abgefischt werden. Die Verantwortlichen rechnen mit weiteren Einsätzen. In Luzern ist bereits eine Strecke von insgesamt 15 Kilometern Fliessgewässer abgefischt worden. «Die Situation ist schlimmer als im Hitzesommer von 2003», sagt Philipp Amrein von der Abteilung für Natur, Jagd und Fischerei.


Fehlendes Futter, ausbleibende Pilze

Auf den Alpen gehen dem Vieh Futter und Wasser aus. Deshalb holen Bauern die Tiere schon zurück. Doch im Flachland wächst vielerorts kein Gras mehr. In Teilen des Kantons St. Gallen haben darum erste Landwirte ihre Kühe eingestallt und ernähren sie mit dem Winterfutter. «In einigen Betrieben wird ein Drittel des Winterfutters fehlen», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauern­­verbands. Diese Bauern seien gezwungen, für mehrere Zehntausend Franken Futter zu kaufen, sofern es verfügbar sei. «Falls nicht, müssen die Landwirte dieses Jahr mehr Tiere schlachten.» Die Weinbauern gewinnen der Dürre Positives ab: Die Reben leiden weniger unter Pilzbefall als in regenreichen Jahren.


Weniger Feuerwehren, mehr Einsätze

In diversen Kantonen musste die Feuerwehr bereits zu Waldbränden ausrücken. «Das sind Indizien dafür, dass es gefährlicher wird», sagt Philipp Gerold von der Walliser Dienststelle Wald. Darum haben einige Bündner Feuerwehren Wasser in Güllefässern an wasserarmen Orten bereitgestellt. Im Tessin sind zusätzlich rund 300 Bergfeuermänner auf Pikett. Auch wenn die Löschkräfte bei Engpässen auf Hilfe ihrer Nachbarn zählen können, stellt die hohe Waldbrandgefahr während der Ferien die Milizkorps vor personelle Herausforderungen. Zumal die Zahl der Feuerwehrleute seit zehn Jahren zurückgeht: Von 113'715 auf 85'164. Die Einsätze haben in dieser Zeit indes zugenommen: von 64'865 auf 72'785.


Gemeinden verbannen Böller

Migros und Coop haben Vulkane, Raketen und Böller in vielen Filialen aus den Regalen geräumt, Lidl und Aldi mancherorts auch. Grund sind Verbote für Feuerwerke. Fast alle Kantone haben das Abbrennen in und um Wälder untersagt, betroffen sind auch die traditionellen Höhenfeuer. Im Wallis, dem Tessin oder Glarus gelten gar allgemeine Verbote. Zudem verbieten auch viele Gemeinden auf ihrem Gebiet das Abbrennen komplett, darunter Winterthur ZH, Wil SG und Baden AG. Andere Städte wie Luzern oder Bern wollen morgen entscheiden. Sicher ist, dass in der Bundesstadt das Feuerwerk und auch das Höhenfeuer auf dem Gurten entfallen werden.


Schiffe und AKW drosseln Betrieb

Viele Gewässer sinken auf historische Tiefststände. Die Thur führt diesen Monat so wenig Wasser wie zuletzt 1949, das Gleiche gilt für den Zuger- und den Vierwaldstättersee. Der Pegel des Greifensees sank kürzlich so weit, dass Schiffe nicht mehr überall anlegen konnten. Am Bodensee ist die Strecke zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein wegen des tiefen Wasserstands nicht befahrbar, ab morgen auch jene von Rorschach nach Altenrhein. Genug Wasser führt die Aare, allerdings bei einer kritischen Temperatur für verschiedene Fischarten. Seit Montag wird nun die Leistung des AKW Mühleberg gedrosselt. Damit sich die Aare, mit deren Wasser der Reaktor gekühlt wird, nicht noch mehr aufwärmt.


Luftwaffe erhöht ihre Bereitschaft

Auch die Schweizer Luftwaffe reagiert auf die prekäre Trockenheit auf der Alpensüdseite. Sie hat wegen der hohen Waldbrandgefahr ihre Bereitschaft erhöht. «Wir haben einen Helikopter ins Tessin vorpositioniert», sagt Peter Bruns, Oberst im Generalstab der Luftwaffe. Dies verkürze die Reaktionszeit im Ernstfall. Die Helikopter der Luftwaffe unterstützen die Feuerwehren nur, wenn sie die zivilen Behörden anfordern. Im vergangenen Jahr kamen sie in der Schweiz sechs- und im Ausland dreimal zum Einsatz. Insgesamt warfen sie mit ihren sogenannten Bambi-Buckets fünf Millionen Liter Wasser über den Flammen ab.

(pia/gpr)

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