Asbest-Urteil: Ein Dorf schweigt

In Niederurnen GL, dem Sitz der Eternit AG, mehrten sich ab den 50er-Jahren die Todesfälle. Trotzdem wurde die Asbestfrage verdrängt.

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Als Maria Roselli im glarnerischen Niederurnen mit Recherchen über das Schicksal der Asbestopfer begann, stiess sie auf Ablehnung. Die Eternitwerke seien seit 1995 asbestfrei, die Geschichte sei ein alter Zopf, man müsse jetzt vorwärts schauen, beschied der damalige Gemeindepräsident Fritz Zweifel 2002 der Journalistin und Buchautorin.

Eine Anfrage beim Niederurner Pfarramt wurde ähnlich beantwortet. Es sei ein Thema, über das man nicht rede, wurde ihr dort sinngemäss mitgeteilt. Dass dies stimmt, hat Roselli in den Jahren darauf selber erfahren, und sie hat die Erfahrungen in ihrem 2007 erschienenen Buch «Die Asbestlüge – Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe» zusammengefasst.

Todesursache nicht hinterfragt

Die 1903 gegründete Eternit AG war ein Jahrhundert lang einer der wichtigsten Arbeitgeber im Kanton Glarus, in der Asbest-Blütezeit beschäftigte die Firma rund 1000 Mitarbeiter. Darunter auch Temporärarbeiter, Saisonniers, Bauern im Winter oder Schulkinder während der Sommerferien. Der Umgang mit Asbest war noch nicht als gefährlich erkannt worden, bis sich in Niederurnen ab den 50er-Jahren plötzlich die Todesfälle häuften. «Zeitzeugen berichten, man habe das als normal angeschaut und die genaue Todesursache nicht hinterfragt», sagt Roselli.

Rosellis Recherchen waren oft Anlass für heftige Streitereien in den Familien der Opfer, wie sie auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erzählt. Es gab ein paar wenige Betroffene, die sich für Gespräche mit der Autorin bereit erklärten. Doch meistens hatten sie Familienangehörige, die noch in der Eternit beschäftigt waren und deshalb um ihren Job bangten. Der Pressesprecher des ehemaligen Eternit-Eigentümers Stephan Schmidheiny habe sie bei den Recherchen sehr genau beobachtet und mit Druckversuchen auf ihre Arbeit reagiert, sagt Roselli. Man habe sie zum Beispiel in der Redaktion der Zeitung «Work», für die sie schrieb, zu diskreditieren versucht. Peter Schürmann, Sprecher von Stephan Schmidheiny, verneint dies. «Ein Mediensprecher ist nicht dazu da, andere zu behindern, der Vorwurf ist daher absurd.»

Anfrage aus Turin bewirkte nichts

An der Glarner Justiz ging die Asbestfrage vorüber. Zwar ging bei den Glarner Justizbehörden 2002 ein Rechtshilfegesuch aus Turin ein. Ein Hinweis, bei dem die Behörden von sich aus hätten aktiv werden müssen, wie Roselli sagt. Sie hätten dafür noch zwei Jahre Zeit gehabt. 2004 lief die Verjährungsfrist ab, nachdem die Eternitwerke seit 1994 asbestfrei gewesen waren. Doch der Untersuchungsrichter habe nichts unternommen. Und eine vom Verein für Asbestopfer angestrengte Strafuntersuchung stellte das Verhöramt 2006 wegen Verjährung ein. Gleichzeitig richtete die Eternit AG eine Stiftung für Asbestopfer in finanzieller Not ein. Mit dem Kapital von 1,25 Millionen Franken sollte Leuten geholfen werden, die durch eine asbestbedingte Krankheit in finanzielle Not geraten sind.

«Der Wille zur Aufarbeitung war im Kanton Glarus bisher nicht vorhanden», sagt Roselli. Sie hält es für möglich, dass das Turiner Asbest-Urteil Bewegung in die Angelegenheit bringt. Nur schon eine Registrierung der Asbestopfer, wie dies im italienischen Casale Monferrato gemacht wurde, wäre ein Schritt, sagt Roselli.

Milliarden, nicht Millionen

Beat Jost, der sich als Journalist jahrzehntelang mit den Asbestfolgen in der Schweiz befasst hat, sagt: «Es ist klar, jede kulante Anerkennung dieser grössten Industriekatastrophe hätte noch mehr Forderungen zur Folge.» Das sei der Grund dafür, weshalb das «Kartell derjenigen, die sich aus dem Asbeststaub machen wollen», mauere und die Opfer nicht entschädigen wolle. Rund 700 Todesopfer haben die Produktion und Anwendung von Asbest bisher in der Schweiz gefordert, weitere 3500 werden erwartet. Die Krankheit kann bis zu 30 Jahre nach dem Kontakt mit dem Baustoff ausbrechen.

Jost, der heute bei der Gewerkschaft Unia tätig ist, fordert ein öffentliches Register der asbestverseuchten Gebäude in der Schweiz und einen Fonds für die Opfer, an dem sich die Familie Schmidheiny, die Suva sowie die öffentlichen Auftraggeber beteiligen sollten. «Die 1,25 Millionen Franken Stiftungskapital der Eternit-Stiftung sind zu mager. Wir reden über allfällige Entschädigungen in Milliardenhöhe», sagt er.

Das bringt die Toten nicht zurück

Sowohl Roselli als auch Jost begrüssen das Urteil in Italien. Jost sagt allerdings: «Es wäre gut, wenn es gelänge, die Asbestfrage aufzuarbeiten, ohne dafür jemanden ins Gefängnis zu bringen.» Die hohe Haftstrafe führe lediglich dazu, dass die Verantwortung mit allen «juristischen Finten» zurückgewiesen wird. Jost plädiert dafür, den juristischen Aspekt von den berechtigten Ansprüchen der Opfer auf Wiedergutmachung zu trennen. «Die Asbestverseuchung und deren Aufarbeitung sind vorrangig ein politisches Thema, dem sich die Schweiz dringend stellen muss.»

Fritz Zweifel, ehemaliger Niederurner Gemeindepräsident von 2000 bis 2010, sieht es anders. «Wozu?», beantwortet er die Frage nach einer Aufarbeitung der Asbest-Altlast. Das bringe die Toten nicht zurück und mache die Asbestkranken nicht wieder gesund. Eine wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen der Region und dem zweitgrössten Arbeitgeber des Kantons stellt er in Abrede. «Alle hacken jetzt auf der Eternit rum, dabei haben wir überall Asbest, und in einigen Ländern ist es noch nicht einmal verboten. Die Eternit hingegen ist seit 1994 asbestfrei.»

«Nach Schweizer Recht ist das Thema verjährt», sagt Peter Schürmann. Die Schweiz habe die Verarbeitung von Asbest 1990 verboten. Stephan Schmidheiny habe zudem 1989 alle Eternit-Beteiligungen mit Rechten und Pflichten verkauft.

Erstellt: 15.02.2012, 15:23 Uhr

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