Atomlager in weiter Ferne

Das Bundesamt für Energie muss seinen Fahrplan für die Atommüllentsorgung aufgeben. Ein Endlager gibt es nicht 2030, sondern frühestens 2050.

Einige potenzielle Tiefenlager-Standorte sind noch wenig erforscht: Niederhöri im Gebiet Zürich Lägern. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Einige potenzielle Tiefenlager-Standorte sind noch wenig erforscht: Niederhöri im Gebiet Zürich Lägern. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Nach Jahren erfolgloser Bemühungen der nationalen Atommüll-Genossenschaft Nagra um den Bau eines End­lagers für schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA) am Nidwaldner Wellenberg übernahm 2008 das Bundesamt für Energie (BFE) die Federführung im schwierigen Dossier der Schweizer Atommüll-Entsorgung. Mit dem Sachplan geologische Tiefenlager sollte es unter Bundesführung vorwärtsgehen. Das BFE legte ein ehrgeiziges Programm vor, das bis spätestens 2018 zur Erteilung einer Rahmenbewilligung und bis frühestens 2030 zur Inbetriebnahme eines Lagers hätte führen sollen.

Sechs Jahre später und noch vor dem Abschluss der zweiten Etappe des Verfahrens ist der Ehrgeiz verflogen: Unmittelbar vor den Osterfeiertagen gab das BFE diskret in seinem Newsletter «Tiefenlager» bekannt, dass für die Schweizer Atommüllentsorgung ab sofort neue Fristen gelten: Statt 2030 könne ein SMA-Lager frühestens 2050 in Betrieb gehen – eines für den besonders gefährlichen hochaktiven Abfall (HAA) gar erst 2060. Die praktische Verdoppelung der verschiedenen Fristen war dem Bundesamt dabei nicht einmal eine offizielle Pressemitteilung wert. Eine Revision des Fahrplans hatte im Januar erstmals Nagra-Geschäftsleiter Thomas Ernst ins Gespräch gebracht.

Zahlreiche Probleme

Überraschend kommt die Ankündigung aber nicht. Seit der Aufnahme der Arbeiten am Sachplanprogramm 2008 hatten sich die Schwierigkeiten angehäuft: Der Stand der geologischen Kenntnisse in den sechs ausgewählten potenziellen Standortgebieten war sehr unterschiedlich. Dem relativ gut erforschten Untergrund von Benken im Zürcher Weinland standen viel weniger abgeklärte Gebiete etwa nördlich der Lägern und am Bözberg gegenüber.

Zu den geologischen Problemen kamen politische: Die zur Akzeptanzschaffung gegründeten Regionalkonferenzen an den möglichen Standorten diskutierten – statt bloss über konkrete Schritte bei der Realisierung eines Tiefenlagers – auch über die Sicherheit solcher Anlagen. Kantonale Stellen mischten sich ein, dazu stellte sich eine grundsätzliche Frage: Sollen Standorte von Oberflächenanlagen eines künftigen Tiefenlagers bereits evaluiert werden, bevor der Untergrund zur Atommülleinlagerung überhaupt als geeignet gilt? Die vom Sachplan gesetzten Fristen gerieten zunehmend ins Wanken.

«Aus heutiger Perspektive ist davon auszugehen, dass sich das Verfahren über eine doppelt so lange Zeit erstreckt», schreibt Michael Aebersold, Projektleiter für das Tiefenlager-Auswahlverfahren beim BFE jetzt im neusten Newsletter «Tiefenlager». Die Annahmen des Sachplans seien «zu optimistisch» gewesen, «vor allem wegen der Komplexität und des Pioniercharakters des Verfahrens sowie der sinnvollen aber aufwändigen Mitwirkung der Kantone und Regionen. Deshalb hat das BFE den Zeitplan gemeinsam mit den weiteren Akteuren überprüft», so Aebersold. Die Nagra werde ihre provisorische Standortwahl voraussichtlich erst im Jahr 2020 treffen. Die Rahmenbewilligung für ein Tiefenlager könnte der Bundesrat somit wohl frühestens im Jahr 2027 erteilen. Danach folgen die Beratung im Parlament, eine absehbare Volksabstimmung und Einsprachefristen, bevor nach 2040 mit dem Bau eines SMA-Tiefenlagers begonnen werden kann. Dessen Inbetriebnahme dürfte demnach frühestens 2050 erfolgen.

Die lokalen und regionalen Gegner eines Atomlagers mögen angesichts der in ferne Zukunft vertagten Baupläne aufatmen. Für Walter Wildi, den Ex-Präsidenten der Bundes-Fachkommission zur Sicherheit von Atomanlagen und Vater des gültigen Schweizer Tiefenlagerkonzepts, kommt der neue Fahrplan hingegen einer «Demission» der Bundesverantwortlichen von ihrer Aufgabe und einem Abgeben der Verantwortung für die Entsorgung gleich.

«Lange Zeiträume»

«Der Sachplan nukleare Tiefenlagerung ging mit Fristen sehr locker um und war von Anfang an unrealistisch», sagt er. «Nun haben Nagra und BFE zu Erfahrungswerten aus den bisherigen Verfahren seit der Gründung der Nagra im Jahr 1972 zurückgegriffen und gerechnet. Das Problem dabei ist: Ein Teil der Fristen ist an administrative und politische Prozesse gebunden, aber lange nicht alle. Für die anderen Fristen ist einerseits das sinnlos lange Verfahren nach Sachplan und anderseits die schlechte Organisation der Nagra und der Bundesbehörden verantwortlich.» Die Politik sollte nach Ansicht Wildis verbindliche Daten vorgeben und dann die Institutionen und Prozesse diesen realistischen Terminen anpassen. Für die Inbetriebnahme eines SMA-Lagers schlägt er das Jahr 2035, für das Hochaktiv-Lager 2040 vor.

Von «langen Zeiträumen» und vielerlei «Unwägbarkeiten» des Verfahrens spricht auch BFE-Projektleiter Aebersold. Der Weg zu einem oder zwei Tiefenlagern sei in der Tat lang. «Aber er wird – soweit planbar – zum Ziel führen», ist er überzeugt.

Erstellt: 02.05.2014, 02:48 Uhr

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