Auch Millionäre dürfen in Genossenschaften wohnen

Leben die falschen Leute in Genossenschaften? Genau das sagen die Gegner der Wohnbauinitiative. Nur: Welche Klientel ist richtig?  

In der Genossenschaft Kalkbreite wohnen auch Wohlhabende – das war von Anfang an so geplant. Foto: Reto Oeschger

In der Genossenschaft Kalkbreite wohnen auch Wohlhabende – das war von Anfang an so geplant. Foto: Reto Oeschger

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Die Mieten an dieser zentralen Lage sind so tief, dass der Andrang bei der Erstvermietung riesig war. Vor allem Familien und Personen mit kleinem Einkommen finden in Zürich kaum eine bezahlbare Wohnung. Dennoch wohnen heute Millionäre in der Genossenschaft Kalkbreite. Vielleicht mehrere. Wiederholt wird vor der Abstimmung am 9. Februar bezweifelt, dass die preisgünstigen Wohnungen, welche die Wohnbauinitiative fordert, denn auch die Richtigen bekämen. Zu Recht?

Das gegnerische Komitee jedenfalls schreibt auf seiner Internetseite, jeder zehnte Genossenschafter gehöre zu den reichsten 20 Prozent der Bevölkerung. Diese 20 Prozent verdienen über 156’000 Franken pro Jahr.

«Die Vermietung steht allen Menschen offen»

Wie viele Bewohner in der «Kalkbreite» mindestens Halbmillionäre sind und über mehr als 500’000 Franken verfügen, weiss die Genossenschaft nicht – über das Vermögen müssen die Bewohner keine Angaben machen, nur über das Einkommen. Der Anteil der sehr gut Verdienenden liege aber unter dem städtischen Durchschnitt, sagt Aline Diggelmann, zuständig für die Kommunikation. Offenbar wollen nicht allzu viele Gutbetuchte auf ein Auto verzichten und in einem Grosshaushalt leben. Sie müssten sich in der «Kalki» mit maximal 32 Quadratmetern pro Person zufriedengeben.

Als die Genossenschaft 2007 gegründet wurde, schrieben ihre Mitglieder ins Reglement: «Die Vermietung steht allen Menschen offen.» Und dazu zählen auch Millionäre. «Wir streben auch innerhalb unserer Siedlung eine gute Durchmischung an; uns ist wichtig, dass das Zusammenleben funktioniert», sagt Aline Diggelmann.

Und was sagt die Stadt dazu, dass auch Vermögende in Genossenschaften wohnen? Schliesslich haben diese im Baurecht auf ihrem Land gebaut – oder durften, wie im Fall der «Kalkbreite», eine Siedlung über ein Tramdepot stülpen. Patrick Pons, Kommunikationsleiter des Finanzdepartements, sagt: «Eine gute Durchmischung beschränkt sich nicht auf tiefe Einkommen.» Genossenschaften, die Land im Baurecht erhielten, müssten 30 Prozent der Wohnungen an Haushalte mit tiefen Einkommen vergeben. Damit sei dieses Segment gut abgedeckt.

 Die Genossenschaften wollen vor allem Familien, Behinderte, Betagte und Personen mit kleinem Einkommen berücksichtigen.

Offenbar sind einzelne Millionäre in einer Genossenschaft nicht ganz falsch. Aber wer ist dann richtig? «Es ist nicht der Zweck von Genossenschaften, nur für Arme Wohnungen zu bauen», sagt Rebecca Omoregie, Vizedirektorin von Wohnbaugenossenschaften Schweiz. Sie wollten nicht, dass Ghettos entstehen. Die Genossenschaften schreiben in ihrer Charta zwar, dass sie vor allem Familien, Behinderte, Betagte und Personen mit kleinem Einkommen berücksichtigen wollen. Aber im Grundsatz wollen sie wie die «Kalkbreite» Wohnraum für alle schaffen.

Auch die «Kalkbreite» berücksichtigt vor allem Personen, die auf dem freien Markt nur schwer eine bezahlbare Wohnung finden: Ältere, Alleinerziehende, Ausländer, Behinderte, Einkommensschwache oder schwule oder lesbische Paare. Beim Zollhaus, ihrem neusten Projekt, vergibt sie die Wohnungen nach einem festen Schlüssel: Personen mit tiefem sozialen Status etwa sollen dort zu 30 Prozent vertreten sein.

Weniger Lohn, weniger gebildet

Wie gut aber erfüllen die Schweizer Genossenschaften die Grundsätze, zu denen sie sich in ihrer Charta bekannt haben? Und zählt tatsächlich jeder zehnte Genossenschafter zu den Spitzenverdienern, wie dies die Gegner der Initiative schreiben? Wie eine Nachfrage bei den Autoren der Studie zeigt, stimmen die Zahlen, aber untersucht wurde nicht das Einkommen eines «Genossenschaftsmieters», sondern jenes eines ganzen Haushalts. Dazu gehören auch Zweiteinkommen oder Lehrlingslöhne. Wie die zusätzlich angefragten Zahlen zeigen, gibt es in Genossenschaften weniger Haushalte mit hohem Einkommen (11 Prozent) als auf dem freien Wohnungsmarkt (15 Prozent), dafür mehr Haushalte mit einem Einkommen unter 78’000 Franken: nämlich 52 Prozent. Auf dem freien Markt sind es 45 Prozent.

Dieses Bild zeigt sich auch in einer Studie aus dem Jahr 2017, die das Bundesamt für Wohnungswesen bei der Forschungsstelle Sotomo des Politologen Michael Hermann in Auftrag gegeben hat. Sie kommt zum Schluss: Der durchschnittliche Schweizer Genossenschafter hat ein tieferes Bildungsniveau und ein kleineres Einkommen als der durchschnittliche Mieter. Die erwachsenen Genossenschafter sind auch älter, ortstreuer und haben öfter den roten Pass. Wegen der Lex Koller darf eine Genossenschaft gemäss Studie nur begrenzt Ausländer aufnehmen. Dennoch ist der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund gleich gross, da in Genossenschaften viele Eingebürgerte leben. Klar untervertreten sind Ausländer aus wohlhabenden Ländern.

72 Prozent aller Genossenschaftswohnungen werden zudem nur unter bestimmten Bedingungen vergeben, wie eine weitere Studie des Bundesamts 2012 ergab. Genossenschaften schreiben vor, wie viele Personen mindestens in einer Wohnung leben müssen, oder wie viel sie höchstens verdienen dürfen. Am häufigsten verschärfen die Genossenschaften den Zugang dort, wo die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen am grössten ist: in den Grossstädten. In peripheren Gebieten hingegen sind Vorgaben seltener. Dort sind Genossenschaftswohnungen auch kaum günstiger als auf dem freien Markt.

Wie Rebecca Omoregie sagt, können Genossenschaften vor allem deshalb günstige Wohnungen anbieten, weil niemand daran verdient. Die grosse Mehrheit werde in keiner Weise von der öffentlichen Hand unterstützt. Zahlen dazu sind allerdings nicht verfügbar.


Gesetzliche Grundlagen für Wohnungbauförderung

Nur neun der 26 Kantone verfügen über eine gesetzliche Grundlage, um den Wohnungsbau zu fördern – auch das Wohneigentum. Manche fördern ganz grundsätzlich preisgünstige Wohnungen (GE, VD, ZG und ZH), andere wollen explizit gemeinnützige Wohnungen fördern (BS, GE, NE, NW). Allerdings: Eine Mehrheit der Genossenschaften wird in keiner Weise von der öffentlichen Hand unterstützt. Bis zur Subventionierung gibt es verschiedene Zwischenstufen:

  • Eine Gemeinde beteiligt sich an einer Genossenschaft, indem sie Anteilscheine kauft. Als Miteigentümerin bestimmt sie mit, welche Art von Wohnungen gebaut werden, solche für ältere Personen zum Beispiel oder für Grossfamilien.
  • Eine Gemeinde gibt Land im Baurecht ab. Die Genossenschaften müssen dafür eine Reihe von Gegenleistungen erbringen, etwa Notwohnungen anbieten, kostenlos Raum für Kitas zur Verfügung stellen oder Kunst am Bau fördern. Zum Teil müssen sie auch Belegungsvorgaben machen oder einen bestimmten Teil der Wohnungen an Personen mit kleinem Einkommen vergeben.
  • Die Gemeinde vergibt günstige oder zinslose Darlehen. Diese Wohnungen gelten als subventioniert. Diese erhalten ausschliesslich Personen, die nachweislich bedürftig sind. Sie werden regelmässig kontrolliert, ob sie die Voraussetzungen noch erfüllen.

Die öffentliche Hand unterstützt Genossenschaften auch, indem sie für sie bürgt oder, wie etwa in Zug, Zonen mit einem Mindestanteil gemeinnütziger Wohnungen bestimmt und es ihnen so ermöglicht, überhaupt aktiv zu werden.

Erstellt: 03.02.2020, 11:55 Uhr

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