Auch Muslime staatlich anerkennen

Die Anerkennung muslimischer Gemeinschaften braucht Zeit, aber sie ist notwendig für das Zusammenleben in der Schweiz.

Teil der schweizerischen Gesellschaft: Schweizer Muslime demonstrierten unter dem Motto «pas touche a mon pays» in Bern gegen das libysche Herrschaftssystem. (6. März 2010) Bild: Béatrice Devènes

Teil der schweizerischen Gesellschaft: Schweizer Muslime demonstrierten unter dem Motto «pas touche a mon pays» in Bern gegen das libysche Herrschaftssystem. (6. März 2010) Bild: Béatrice Devènes

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sich gegen die Idee einer staatlichen Anerkennung von Muslimen ausgesprochen. Zu viele Gesichter habe der Islam in der Schweiz, warnte TA-Kirchenexperte ­Michael Meier und prognostizierte ein Chaos von politischen und rechtlichen Problemen. Er hat recht, wenn er feststellt, dass das Zusammen­leben der Religionsgemeinschaften für alle Gesellschaften eine grosse Herausforderung darstellt. Der Blick in die Geschichtsbücher belegt das eindrücklich. Aber sollen wir deswegen den Kopf in den Sand stecken und hoffen, die Probleme lösten sich von selbst?

Ich stelle die staatliche Anerkennung einzelner muslimischer Gemeinschaften zur Diskussion, weil wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Vor wenigen Jahren hat der Kanton Zürich zwei jüdische Gemeinschaften anerkannt und 1963 die katholische Körperschaft. Erinnern wir uns nur daran, mit wie viel Argwohn man in den Nachkriegsjahren den katholischen Zuwanderern aus dem Süden begegnete. Und doch wurden aus Fremden bald Freunde, ohne dass der Staat viel dazu beige­tragen hätte. Denn eine Gemeinschaft, die sich respektiert und wertgeschätzt fühlt, entwickelt selbst eine starke integrierende Wirkung gegenüber ihren Mitgliedern und gegenüber der Gesellschaft, die sie anerkennt.

Die Identität von Menschen ist nie nur die ihrer Religion. Auch alle Neuankömmlinge in der Schweiz haben individuelle Vorstellungen vom Leben und Wünsche, wie sie dieses gestalten wollen. Trotzdem dürfen wir die Bedeutung von Glaubensgemeinschaften nicht unterschätzen, auch wenn diese vielgestaltig, zersplittert und nicht in unserem Sinn organisiert sein mögen. Religionsgemeinschaften sind für Migrantinnen und Migranten Orte des Ankommens in einer neuen Gesellschaft. Religionsgemeinschaften sind Brücken zwischen Herkunft und Ankunft.

Es wäre darum ein Fehler, diesen Gemeinschaften keine Aufmerksamkeit zu schenken. Denn immerhin hat sich die Zahl der Musliminnen und Muslime in der Schweiz seit 1970 mehr als verzwanzigfacht. Ihr Anteil an der Schweizer Bevölkerung liegt heute bei rund fünf Prozent. Aber immer noch mehr als die Hälfte der Zuwanderer sind Christen. Auch sie finden Aufnahme, vielleicht gerade weil sie wissen, dass ihr Glaube hier akzeptiert und anerkannt ist.

Beiträge zum Religionsfrieden in der Schweiz

Ich rede keiner sofortigen Anerkennung von muslimischen Gemeinschaften das Wort. Ich sehe die Anerkennung als Orientierungshilfe. Und ich plädiere dafür, die Chancen zu sehen und die Gefahren einer Ausgrenzung nicht zu verdrängen. Sehen wir die Anerkennung doch als Ziel am Horizont. Bis es so weit ist, sollen sich angestammte und neu zugezogene Bevölkerungsteile näher kennen lernen.

Dieses Kennenlernen geschieht am besten ganz praktisch über den türkischen Essensstand am Quartierfest, kulturübergreifende Projekte in Schulen oder die Seelsorge in Spitälern und Gefängnissen. Das sind einfache, aber grosse Beiträge zum Religionsfrieden in der Schweiz.

Die Integrationskraft der Schweiz und ihrer christlichen Kultur ist stark. Die Religionsgemeinschaften verweben sich mit unserer Gesellschaft und es entstehen muslimische Gemeinschaften mit starker Schweizer Prägung. Ebenso, wie die Christen im Südsudan ihren Glauben völlig anders praktizieren als die Christen in der Schweiz, bilden sich hier muslimische Gemeinschaften nach Schweizer Art, die sich der hiesigen Bevölkerung nicht fremd, sondern zunehmend vertraut präsentieren.

Das alles braucht Zeit. Anerkennungswillige Gemeinschaften müssen diese Zeit nutzen, sich demokratisch und innerhalb unserer rechtsstaatlichen Grundsätze zu organisieren. Sie müssen belegen, dass sie sich aus der Schweiz heraus finanzieren und dass ihre Imame Ausbildungen genossen haben, in denen Grundsätze wie die Gleichberechtigung der Geschlechter akzeptiert sind. Wenn das alles gegeben ist, steht als letztem Schritt einer staatlichen Anerkennung durch die Zürcher Stimmberechtigten nichts mehr im Weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2016, 23:45 Uhr

Jacqueline Fehr
Die Zürcher Regierungsrätin (SP) ist Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern – und damit Zürcher Kirchenministerin.

Artikel zum Thema

Soll man den Islam verkirchlichen?

Analyse Die Linke schlägt vor, Muslime staatlich anzuerkennen. Nur: Dazu fehlt die politische Akzeptanz. Und der Islam in der Schweiz ist zu stark fragmentiert. Mehr...

CVP-Präsident will Islam nicht als Landeskirche anerkennen

Gerhard Pfister hat sich zur Idee der SP geäussert, den Islam als Religionsgemeinschaft offiziell anzuerkennen und so zu reglementieren. Für Pfister ist das der falsche Weg. Mehr...

Der steinige Weg zur Anerkennung der Muslime

Schweizer Muslime wollen den öffentlich-rechtlichen Status einer Landeskirche und ein Islam-Zentrum an der Universität Freiburg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...