Auch für «Transkulturelle Kompetenzen» gibt es einen Master

Der Weiterbildungsmarkt ist unübersichtlich geworden. Nun drohen drastische Einschnitte.

Das Angebot bei der Weiterbildung ist gross und bisweilen komplizierter als die Schulungsunterlagen. Foto: iStock, Getty Images

Das Angebot bei der Weiterbildung ist gross und bisweilen komplizierter als die Schulungsunterlagen. Foto: iStock, Getty Images

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Der Schweizer Weiterbildungsmarkt ist ein Milliardengeschäft: Im Jahr 2007 errechneten Wissenschaftler ein Volumen von 5,3 Milliarden Franken oder 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das Angebot, das mittlerweile noch weiter gewachsen sein dürfte, reicht von Ethikkursen, Lebensmittelsicherheit, Migra­tionsrecht bis zu Personalmanagement. Auch die Hochschulen, also die Universitäten und Fachhochschulen, sind Anbieter auf diesem Markt. Sie richten sich vor allem an Akademiker, die sich weiterbilden wollen. Dennoch konkurrenzieren die Hochschulen in verschiedenen Bereichen die Anbieter der höheren Berufsbildung. Die höhere Berufsbildung ist dazu da, um die Wirtschaft mit Fachkräften zu versorgen. Bei verschiedenen Berufen – etwa im Managementbereich oder in der Erwachsenenbildung – überschneiden sich die Angebote.

Das gilt auch für das Personalmana­gement: Personalfachleute haben nicht nur Dutzende Institutionen der höheren Berufsbildung und Hochschulen zur Auswahl, sondern auch verschiedene Diplome zu sehr unterschiedlichen Preisen. Sie können sich zum Beispiel drei Semester berufsbegleitend an einem Institut auf die Berufsprüfung vorbereiten und sich nach bestandener Prüfung «eidgenössisch diplomierter Leiter HR» nennen. Kostenpunkt: 20'000 Franken. Wer es akademischer mag, meldet sich an der Hochschule für Wirtschaft Zürich für den ebenfalls berufsbegleitenden Master of Advanced Studies (MAS) in ­Human Resources Leadership an. Kostenpunkt: 30'000 Franken für eineinhalb Jahre. Die Universität St. Gallen bietet ein Certificate of Advanced Studies (CAS) in «Human Resources: Recht und Gesprächsführung», das 15 Tage dauert und 12'500 Franken kostet.

Grosse Qualitätsunterschiede

In den Medien ist immer wieder von ­einem «Weiterbildungsdschungel» die Rede. Aber auch Unternehmen beschäftigt das Thema. «Für uns ist es in manchen Bereichen schwieriger geworden, den Wert der einzelnen Abschlüsse einzuschätzen», sagt Christian Kehler, der für den Beraterkonzern KPMG jeden Tag Personal einstellt. Die Qualität der Ausbildung und die erforderlichen Leistungen unterschieden sich teilweise stark.

Nun müssen sich die Hochschulen auf Regulierungsmassnahmen gefasst machen, die drastische Folgen haben könnten. Am 1. Januar ist das Hochschul­förderungs- und Koordinationsgesetz (HFKG) in Kraft getreten. Darin steht ein bemerkenswertes Ziel: Auf dem Weiterbildungsmarkt müssten Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Konkret heisst das: Die höhere Berufsbildung darf gegenüber den Hochschulen nicht benachteiligt werden.

Die Regelungen sind noch nicht beschlossen. Es wird um einheitliche Titel, Qualitätssicherung oder die Anforderungen an die Kursteilnehmer gehen. In der Botschaft zum HFKG schlug der Bundesrat eine drastische Massnahme vor: Es wäre möglich, den Hochschulen zu ­verbieten, ähnlich lautende Titel oder Weiterbildungen wie die höhere Berufsbildung anzubieten, heisst es dort. Die neuen Regelungen erlassen wird der Hochschulrat, das vom neuen Gesetz ­bestimmte hochschulpolitische Organ. Ende Februar tagt das Gremium, das aus Bildungsminister Johann Schneider-Ammann und den 14 Bildungsdirektoren der Trägerkantone von Universitäten und Fachhochschulen besteht, zum ­ersten Mal.

Hinter den Kulissen bringen sich die Interessenvertreter in Stellung. Da sind auf der einen Seite die Vertreter der ­höheren Berufsbildung. Sie fordern strengere Regeln für die Hochschulen. «Das Ausbildungsangebot der höheren Berufsbildung gerät immer stärker in Bedrängnis durch die Universitäten und Fachhochschulen», sagt André Schläfli, Geschäftsführer des Dachverbands der Weiterbildung (SVEB).

«Wir sind nicht gegen die Weiterbildungsmaster der Hochschulen», sagt Andreas Schubiger, Rektor am Zentrum für berufliche Weiterbildung St. Gallen. Damit die Hochschulen die höhere Berufsbildung nicht konkurrenzierten, brauche es aber strengere Aufnahmeregeln. Um ihre MAS-Kurse zu besetzen, nähmen die Hochschulen heute zu viele Leute auf, die die formalen Anforderungen – ein Hochschulabschluss – gar nicht erfüllten. «Gegen akademisch klingende Titel haben die höheren Berufsschulen keine Chance», sagt er. Viele Berufsleute seien sogar bereit, dafür ein paar Tausend Franken mehr zu bezahlen.

«Gegen einseitige Bevorzugung»

Auf der anderen Seite sind die Vertreter der Universitäten und Fachhochschulen. Sie möchten verhindern, dass sie ihr Weiterbildungsangebot zusammenstreichen müssen. Es sei allerdings wichtig, dass das Konkurrenzverhältnis der verschiedenen Weiterbildungsanbieter diskutiert werde, sagt Andreas Fischer, der für das Weiterbildungsangebot der Universität Bern verantwortlich ist. Auch müsse diskutiert werden, wie weit es für einen MAS zwingend einen Hochschulabschluss brauche.

Den Vorwurf, die Universitäten würden aus Geldgier zu viele Berufsleute ohne genügende Qualifikationen aufnehmen, weist Fischer zurück. An der Universität Bern würden pro Kurs mit 20 bis 25 Teilnehmenden bloss ein bis zwei Personen ohne Hochschulabschluss aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung aufgenommen. «Wenn nun aber die Hochschulen gewisse Weiterbildungen nicht mehr anbieten dürfen, ist das eine einseitige Bevorzugung der höheren Berufsbildung.» Aus der Sicht Fischers hat die höhere Berufsbildung bereits einen entscheidenden Vorteil: Sie verfügt auch künftig über den geschützten Titel «eidgenössisch anerkannt». Die MAS der Hochschulen hingegen seien nicht geschützt und würden auf dem privaten Weiterbildungsmarkt für alles Mögliche verliehen: «Es gibt beispielsweise einen privaten MAS in Transkulturellen Kom­petenzen und Ethik.» Eine solche Ausweitung des Masterangebotes bereite den Universitäten Sorge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2015, 20:25 Uhr

Tertiärbildung

Hochschulen und Berufsbildung

Die Tertiärbildung, die Ausbildung im Anschluss an eine Lehre oder Matur, ist in zwei Kategorien aufgeteilt:

Die erste ist die Hochschullandschaft . Sie besteht aus den universitären Hochschulen (zum Beispiel die Universitäten Zürich oder Bern) und den Fachhochschulen. Die Unis betreiben Grundlagenforschung. Die Fachhochschulen sind stärker auf die Berufspraxis ausgerichtet. Die Abschlüsse heissen für alle gleich: Bachelor und Master. In der Weiterbildung vergeben die Hochschulen sogenannte Master of Advanced Studies (MAS). Seit dem 1. Januar gelten neu für alle Hochschulen die gleichen Rahmenbedingungen. Diese sind im Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz (HFKG) festgehalten.

Die zweite Kategorie ist die höhere Berufsbildung . Diese versorgt die Wirtschaft mit Fachkräften. Sie baut auf der beruflichen Erfahrung der Absolventen auf, die gewöhnlich eine Lehre gemacht haben. Die höhere Berufsbildung gibt es in zwei Formen: als Bildungslehrgänge an höheren Fachschulen und als eidgenössische Fachprüfungen.

Von Anja Burri


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