«Auch wenn ich nichts verdiene, zahle ich Hunderttausende Franken Steuern»

Der Brite Julian Worth ist Multimillionär, besitzt ein prunkvolles Chalet im Saanenland. Weshalb er es ungerecht fände, wenn die Pauschalsteuer, über die der Kanton Bern abstimmt, abgeschafft würde.

Hier am Lauenensee fühlt sich der Brite Julian Worth längst zu Hause.Wird die Pauschalsteuer abgeschafft, hat der?mehrfache Millionär aber ein Problem.Bilder Bild: Markus Hubacher

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Herr Worth, warum zogen Sie vor sieben Jahren von England in die Schweiz ins Saanenland?
Dafür gab es mehrere Gründe. Ein Grund war der Lifestyle – die Lebensqualität in der Schweiz. Die Schweiz ist ein wunderbares Land.

Aber was war ausschlaggebend?
Das kann ich so nicht sagen. Es gab keinen Hauptgrund. Es war die Summe verschiedener Gründe, die mich und meine Familie zum Entschluss brachte, in die Schweiz zu ziehen. Ein weiterer Grund war meine Tochter. Ich wollte, dass sie noch in einer anderen Sprache unterrichtet wird. Natürlich spielte auch das attraktive Steuerangebot eine wichtige Rolle beim Entscheid, ins Saanenland zu ziehen.

Sie kamen als erfolgreicher Unternehmer in die Schweiz. Sie konnten sich deshalb pauschal besteuern lassen. Wie genau verdienen Sie Ihr Geld?
Ich hatte ein Online-Unternehmen im Modebereich gegründet und betrieben. Das Unternehmen habe ich verkauft. Das brachte mir viel Geld ein.

Darf man fragen, wie gross Ihr Einkommen ist?
Das ist sehr unterschiedlich. In den letzten Jahren hatte ich, bedingt durch die Finanzkrise, kein Einkommen, sondern grosse Verluste. Ich lebte von meinem Vermögen.

Wie viel Pauschalsteuern zahlen Sie in der Schweiz pro Jahr?
So viel kann ich Ihnen sagen: Es sind mehrere Hunderttausend Franken, die ich jährlich zahle.

Dann muss Ihre Pauschale, das heisst, Ihr Lebensaufwand, grösser sein als die vom Gegenvorschlag geforderte Limite von 400'000 Franken.
Ja, das stimmt. Dazu muss man allerdings sagen, dass ich nicht repräsentativ bin in Bezug auf meine Vermögensverhältnisse. Die meisten Pauschalierten haben ein viel kleineres Vermögen als ich. Man darf übrigens eines nicht vergessen: Die Pauschalsteuer ist bloss ein Ersatz für die Einkommenssteuer. Gewinne aus Kapitalanlagen in der Schweiz versteuere ich zusätzlich wie jeder andere auch. Auch etwa die Liegenschaftssteuer bezahlen Pauschalbesteuerte regulär.

Zahlen Sie auch in anderen Ländern Steuern, zum Beispiel in England, Ihrer Heimat?
Nein, im Ausland zahle ich keine Einkommenssteuer, nur Quellensteuern.

Warum nicht? Ist Lauenen tatsächlich Ihr Hauptwohnsitz?
Ja, ganz klar. Ich verbringe den ganz grossen Teil meiner Zeit hier in Lauenen im Berner Oberland. Das ist längst meine neue Heimat geworden.

Verbringen Sie mehr als neunzig Prozent des Jahres im Berner Oberland?
Ehm (denkt nach). Nein, neunzig Prozent sind es nicht. Rund siebzig bis achtzig Prozent des Jahres verbringe ich hier. Einen kleinen Teil meiner Zeit verbringe ich auch noch in einer Gemeinde am Genfersee. Zudem bin ich jedes Jahr für einige Wochen auf Reisen.

Bald entscheidet das Berner Stimmvolk, ob die Pauschalsteuer im Kanton abgeschafft wird. Was würde die Abschaffung für Sie bedeuten?
Ganz offen gesagt: Es würde mich und viele andere Pauschalbesteuerte in Gstaad und im Saanenland enttäuschen. Irgendwie ist es merkwürdig, man hat uns mit der Pauschalsteuer angelockt, ja, regelrecht geködert. Man hat während Jahren im Ausland aktives Marketing für die Pauschalsteuer betrieben. Ich und viele andere sind dem Ruf gefolgt. Wir haben im Verlauf der Zeit hier viel investiert. Ich habe sehr viel Geld in unser Haus in Lauenen gesteckt. Und jetzt, da ich mich mit meiner Familie hier eingelebt habe, will man plötzlich die Rahmenbedingungen abschaffen, mit welchen man uns hierhin gelockt hat.

Welche Bedeutung hat denn die Pauschalsteuer für Sie überhaupt?
Es geht nicht bloss darum, dass man als Pauschalbesteuerter weniger Steuern zahlt. Der grosse Vorteil der Pauschalsteuer ist, dass ihre Berechnung sehr einfach und übersichtlich ist. Man weiss auf Jahre hinaus genau, wie viel Steuern man zahlen muss. Diese Berechenbarkeit macht sie so attraktiv. Das ist ein grosser Vorteil.

Trotzdem: Ein Ausländer mit grossem Einkommen kommt dank der Pauschalsteuer besser weg als ein Schweizer, der gleich viel verdient.
Das muss nicht in jedem Fall so sein. Ich zahle jedes Jahr genau gleich viele Steuern – auch in Jahren, in welchen meine Geschäfte verlustreich sind. Ich gehe mit der Pauschalsteuer deshalb auch ein gewisses Risiko ein. Gerade jetzt während der Finanzkrise hatte ich wie gesagt kein Einkommen. Ich habe in diesen Jahren unter dem Strich Geld verloren. Ich habe deshalb aber nicht weniger Pauschalsteuern bezahlt.

In einem Jahr, in dem Sie kein Einkommen haben, können Sie sich aber ordentlich veranlagen lassen und zahlen dann keine Einkommensteuern.
Das könnte ich rechtlich gesehen tatsächlich tun. Das ist aber von mir aus gesehen nicht Teil der Vereinbarung mit der Schweiz. Ich halte mich an den Geist der Vereinbarung.

Werden Sie Lauenen oder gar der Schweiz den Rücken kehren, wenn die Pauschalsteuer verschärft oder abgeschafft wird?
Für mich wäre ein solcher Entscheid schwerer als für andere pauschal besteuerte Ausländer im Saanenland. Denn ich fühle mich tatsächlich stark verbunden mit dieser Gegend. Wahrscheinlich würde ich meinen Steuersitz in den Kanton Waadt verlegen und dann doch nach wie vor oft nach Lauenen kommen.

Haben Sie Verständnis für jene Schweizer, welche die Pauschalbesteuerung für reiche Ausländer ungerecht finden?
Ja, natürlich habe ich Verständnis dafür. Wenn jemand auf der Strasse hört, dass reiche Ausländer weniger Steuern zahlen müssen als Schweizer, muss doch einfach das Gefühl aufkommen, dass dies ungerecht ist. Die Realität ist allerdings komplexer.

Inwiefern?
Zum einen haben die pauschalbesteuerten Ausländer viel weniger Rechte als Schweizer. Sie haben beispielsweise kein Stimm- und kein Wahlrecht. Zudem zahlen Pauschalbesteuerte ja höchstens prozentual gesehen weniger Steuern. In der Tat bezahlen sie aber sehr viel höhere Beträge als viele Schweizer. Ich selber bezahle wie gesagt mehrere Hunderttausend Franken jährlich.

Was würde der Kanton Bern verspielen, wenn er die Pauschalsteuer abschafft?
Ich glaube, dass die Gegner der Pauschalsteuer die Konsequenzen der Abschaffung massiv unterschätzen. Ich kenne viele vermögende Ausländer, die hier im Saanenland wohnen. Ich weiss von vielen, dass sie, ohne mit der Wimper zu zucken, wegziehen würden. Denn für etliche vermögende Ausländer, die viel reicher sind als ich, wäre der finanzielle Nachteil enorm gross.

Der Steuerausfall würde sich jedoch in Grenzen halten. Die Pauschalsteuern machen weniger als ein Prozent der Steuereinnahmen des Kantons Bern aus.
Darum geht es nicht. Die vermögenden Ausländer im Saanenland sind für die Region ein eminent wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn die Ausländer dort wegziehen, hat die Region ein grosses Problem. Denken Sie nur an die Hotels, Restaurants und die Läden. Aber auch an die Gewerbler, die von den vermögenden Ausländern jährlich für viele Millionen Franken Aufträge zum Ausbau der teuren Chalets bekamen. Wenn die Reichen wegziehen, wird die Wertschöpfung im Bausektor in der Region regelrecht einbrechen. Die Leidtragenden wären die Einheimischen. Sie würden sehr viel Geld verlieren.

Wo würden die reichen Ausländer hinziehen?
Viele würden wohl in einen Kanton ziehen, in welchem es die Pauschalsteuer noch gibt. Einige würden wohl ins Ausland abwandern. Sie müssen eines wissen: Nicht nur die Schweiz kennt die Sonderbesteuerung von vermögenden Ausländern. Selbst in England, meiner Heimat, gibt es eine Sondersteuer für solche Leute. Sie ist in vielen Punkten vergleichbar mit der Pauschalsteuer. Die Engländer würden sich die Hände reiben, wenn der Kanton Bern oder gar die Schweiz die Pauschalsteuer abschaffte. Viele würden in London sogar noch weniger Steuern zahlen als in Gstaad. Und in Monaco zahlen vermögende Ausländer null Steuern. Denn Monaco finanziert sich ja ausschliesslich über die Mehrwertsteuer.

Wie verliert die Schweiz, wenn sie die Pauschalsteuer aufgibt?
Die Schweiz ist ein politisches und wirtschaftliches Wunder. Das Schweizer Modell der Pauschalsteuer ist eine kleiner Teil dieser intelligenten Politik. Es gibt Leute, die wollen die Schweiz der EU angleichen. Es ist aber die Selbstbestimmung, welche die Schweiz zum Erfolg geführt hat. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, weiterhin dafür zu kämpfen, um die Einzigartigkeit der Schweiz zu erhalten.

Erstellt: 12.09.2012, 13:53 Uhr

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Beispiel Zürich

Die «fiskalische Katastrophe» ist ausgeblieben: Die Zürcher Bevölkerung schaffte die Pauschalbesteuerung auf das Jahr 2010 ab. Für den Kanton hat dies finanziell bisher rentiert.

Es geht auch ohne Pauschalsteuer: Zu diesem Schluss kommt der Lausanner Volkswirtschaftsprofessor Marius Brülhart in einem im März publizierten Beitrag für das Forum für Wirtschaftspolitik (www.batz.ch). Brülhart stützt sich dabei auf Daten zu den Zürcher Steuereinnahmen nach der Abschaffung der Pauschalsteuer im Jahr 2010.
Demnach sind etwas weniger als die Hälfte der Pauschalbesteuerten weggezogen. Dem Kanton entgingen so Steuern im Umfang von 12,2 Millionen Franken. Gleichzeitig hat Zürich aber 13,8 Millionen Franken eingenommen, weil die verbliebenen früheren Pauschalsteuerzahler stärker zur Kasse gebeten worden sind. Unter dem Strich kassierte der Fiskus also 1,2 Millionen Franken mehr.

«Die fiskalische Katastrophe ist ausgeblieben», folgert Brülhart. Im Vorfeld der Abstimmung prophezeiten Befürworter der Pauschalsteuer, dass eine Abschaffung vier von fünf Pauschalbesteuerten vertreiben würde. Brülhart hat anhand der Zürcher Daten errechnet, wie viele Wegzüge «rentieren»: Solange nicht mehr als die Hälfte der ehemaligen Pauschalsteuerzahler abwandert, dürfte eine Abschaffung «die Staatskasse per saldo nicht belasten».
Brülhart weist zudem darauf hin, dass von den Zürcher Ex-Pauschalbesteuerten bloss 13 Prozent ins Ausland umgezogen sind. Der Schluss liege deshalb nahe, dass eine «landesweite Abschaffung der Pauschalsteuer der Schweiz unter dem Strich steuerliche Mehreinnahmen bringen würde».
Neben Zürich haben auch Schaffhausen und Appenzell Ausserrhoden die Pauschalsteuer abgeschafft. Luzern, Thurgau und Sankt Gallen haben die Regeln verschärft. Die Glarner Bevölkerung hat für die Beibehaltung votiert.
Der Nationalrat debattiert morgen über eine Verschärfung der Pauschalsteuer auf nationaler Ebene. Der Ständerat hat dem bereits zugestimmt.met/azu

Besuch im Luxus-Chalet

Um zur Villa von Julian Worth zu gelangen, fährt man von Lauenen aus noch einmal ein ganzes Stück bergwärts bis ans Ende eines schmalen Strässchens. Man hat das Gefühl, hier sei das Ende der Welt nicht mehr fern.

Ein mächtiges Haus steht dort. Man kann es Villa nennen. In Wahrheit ist es aber ein gewaltiges Chalet, im Innern eher schon so etwas wie ein Palast aus massivem Tannenholz.
Der Empfang des 54-jährigen Worth ist herzlich. Man ist mit ihm per Du, noch bevor die Begrüssungszeremonie beendet ist. «I’m Julian», sagt er bereits nach drei Sätzen und bietet bald einen Kaffee an, den er selber in der Küche holt und auf der Terrasse serviert. Es scheint, dass er alleine wohnt in diesem Haus, weder Bedienstete noch Familienangehörige sind anzutreffen.

Der Schein trügt. Bedienstete gibt es zwar tatsächlich nicht. Julian Worth lebt aber mit seiner Frau hier.
Die Tochter hingegen ist mittlerweile ausgezogen. Sie lebt wieder in England.

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