Auen, Moore und Reservate frei zur Überbauung

Umweltverbände schlagen Alarm: Ein grosser Teil der Bauzonen liegt in Schutzgebieten.

Reges Bauen im Berggebiet: Crans-Montana im Wallis. Foto: Olivier Maire (Keystone)

Reges Bauen im Berggebiet: Crans-Montana im Wallis. Foto: Olivier Maire (Keystone)

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Die Schweiz hat zu viel Bauland – doch ist alleine die Zahl der überzähligen Hektaren vielleicht nicht das grösste Problem. Das zeigt eine neue Untersuchung aus dem Wallis, Schaffhausen, Jura und Neuenburg. Es sind dies die vier Kantone mit den meisten Baulandreserven der Schweiz – so vielen, dass hier wegen des neuen Raumplanungsgesetzes voraussichtlich Bauzonen zu «tieferwertigen» Flächen zurückgestuft werden müssen (mit Entschädigung der Besitzer). Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und Pro Natura haben nun die Karten und Statistiken der vier Kantone durchkämmt, um jede einzelne Bauzone quasi dingfest machen zu können. Die Verbände kommen in der Untersuchung, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, zu beunruhigenden Befunden: Fast hundert ­einzelne Bauzonen liegen in Auen, Flach- und Hochmooren, Trockenwiesen, Jagdbann- und Amphibienlaichgebieten sowie Vogel­reservaten.

Insgesamt sind es rund 340 Hektaren Bauland, das sich mit streng geschützten Biotopen überschneidet. Dies entspricht ­einer Fläche von 500 Fussballfeldern. Über 290 Hektaren entfallen alleine auf das Wallis. «Das hat mich überrascht. So etwas dürfte es eigentlich nicht geben», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz.

«Schaden jeden Tag grösser»

Dabei sind mit den 500 Fussballfeldern erst die ärgsten Fälle erfasst. Die Autoren der Untersuchung sprechen von ­«roten Zonen», wenn ein Baugebiet in ­einem der oben erwähnten Biotope liegt. Hinzu kommt aber eine sehr viel grössere Fläche von «orangen Zonen». Gemeint ist beispielsweise Bauland, das Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN-Gebiete) tangiert oder das sich nicht organisch an Siedlungsflächen anschliesst (Inselbauzonen). In diese Kategorie fallen nach den Berechnungen der Umweltschützer über 3000 Hektaren, rund das Zehn­fache der «roten Zonen».

Da das statistische Material, auf das sich die Verbände stützten, nicht den allerneuesten Stand wiedergibt, könnten einige der «roten» und «orangen» Zonen inzwischen schon überbaut sein. Rodewald nennt als Beispiel ein grösseres Zweitwohnungsprojekt in landschaftlich sensiblem «orangem» Gebiet bei Münster-Geschinen VS: Hier sei seit der aktuellsten Erfassung bereits eine Erschliessungsstrasse gebaut worden. «Der Schaden wird mit jedem Tag grösser», resümiert Rodewald. Er und seine Mitstreiter rufen die Kantone daher zu unverzüglicher Reaktion auf. Die zuständigen Kantonsbehörden haben die Untersuchung bereits präsentiert bekommen – erforderlich sei nun, sagt Rodewald, die Situation im Einzelnen zu überprüfen und die ökologisch schädlichsten Bau­zonen unvermittelt zu eliminieren. Da eine Rückzonung eine langwierige Angelegenheit darstellen kann, ist für Rodewald das Instrument der sogenannten Planungszone angezeigt. In einem Gebiet, das zur Planungszone erklärt wird, darf nicht gebaut werden.

«Grundsätzlich die richtige Richtung»

In den betroffenen Kantonen zeigt man durchaus Gehör für die Anliegen der Verbände. Deren Untersuchung gehe «grundsätzlich in die richtige Richtung», sagt Damian Jerjen, der die Dienststelle Raumplanung des Kantons Wallis leitet. Die «roten Zonen» müssten überprüft und allenfalls zurückgezont werden. Für Jerjen sind die eruierten Zahlen aufgrund der teilweise veralteten Datenbasis allerdings zu relativieren, überdies gelte es zu bedenken: «Das Wallis ist reich an Landschaften von aussergewöhnlicher Schönheit und Vielfalt» – ein Viertel der Kantonsfläche etwa sei als BLN-Gebiet klassifiziert. «Dass es da zu Konflikten mit dem Siedlungsgebiet kommt, liegt auf der Hand.»

Ähnlich äussert sich Susanne Gatti, Chef-Raumplanerin von Schaffhausen. «Wir haben Gemeinden, die seit mehreren 100 Jahren bestehen und die sich entwickeln wollten. Die Einstufung weiter Kantonsteile zum BLN-Gebiet kam erst später.» Die Untersuchung der Verbände mache, bei aller angebrachten Vorsicht gegenüber den Zahlen, eines in jedem Fall deutlich: «Das Baugebiet in Schaffhausen ist schon sehr gross.» Die Schutzwürdigkeit der Landschaften werde ­eines der wichtigen Kriterien sein, wenn es um allfällige Rückzonungen gehe. In den nächsten Wochen will Gatti das Thema mit den Gemeinden besprechen. Diese könnten dann beispielsweise Planungszonen erlassen. Wird auch erwogen, diese Massnahme mit kantonaler Verfügungsgewalt durchzusetzen? «Ein Diktat von oben ist nicht unser Stil», sagt Gatti. Eine gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden ist ihr, wie auch anderen Raumplanern, wichtig. Aber immerhin: «Früher haben die Gemeinden einfach ihren Bauzonenbedarf bei uns angemeldet. Heute überlegen wir uns aus kantonaler Optik, wie viel es wo braucht. Das ist ein grosser Fortschritt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 22:07 Uhr

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