Hintergrund

Auf Wildschwein gezielt, Mann getroffen

Kaum hat die Jagd begonnen, mehren sich Negativmeldungen: Jäger schiessen auf Jäger, andere treffen Tiere nicht tödlich. Die Jäger fürchten um ihren Ruf. Wie sie nun ihr Image aufbessern wollen.

Die Jagd ist nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit: Das wollen die Jäger den Laien in Kursen und bei Anlässen vermitteln.

Die Jagd ist nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit: Das wollen die Jäger den Laien in Kursen und bei Anlässen vermitteln. Bild: Nicola Pitaro

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Zwei Brüder aus dem Oberwallis sind mit dem Jeep unterwegs zu ihrer Jagdhütte im Unterwallis, als plötzlich auf ihr Auto geschossen wird. Einmal, ein zweites Mal. Sie geraten in Panik. Der Lenker versucht angestrengt, sich auf die Strasse zu konzentrieren – sie ist schmal, der Berg abschüssig. Sie fahren weiter. Als sie aber nach einer Kurve dieselbe Höhe passieren, knallen erneut Kugeln in ihr Auto. Die Männer rufen die Polizei. Man werde sich der Sache annehmen, heisst es dort. Es taucht aber nie ein Polizist auf. Schliesslich erreichen sie ihre Hütte, unverletzt. Nur wenige Minuten später nähert sich ein Mann, ein Jäger und offensichtlich alkoholisiert. Er habe 17-mal auf sie geschossen, prahlt er.

Geschildert wurde diese Episode in der Westschweizer Zeitung «Le Matin». Kaum hat die Jagd begonnen, tauchen regelmässig ähnliche Berichte in den Medien auf und zeichnen ein wenig vorteilhaftes Bild der Jäger: Sie erscheinen als schiesswütige, dem Alkohol zugeneigte und folglich treffschwache Amateure. Wiederholt wird ihnen vorgeworfen, dass sie verbotene Tiere schiessen, zu viele Tiere schiessen oder dass sie diese nur anschiessen würden.

Appenzeller Bless erlegt

Das Schweizer Fernsehen berichtete etwa, dass allein die Jäger im Kanton Graubünden während der dreiwöchigen Hochjagd im September 800-mal Schweisshunde anfordern müssen, weil sie ein Tier so schlecht getroffen haben, dass es noch fliehen konnte. Die Jäger sind verpflichtet, das Tier zu suchen und zu erlegen, damit es nicht lang leiden muss. Dennoch stossen Wanderer während der Jagd immer wieder auf tote Rehe oder Hirsche, die an einer Schussverletzung starben. Tierschützer im Kanton Graubünden haben deshalb eine Volksinitiative lanciert und fordern unter anderem, dass Jäger regelmässig ihre Treffsicherheit testen lassen müssen oder dass die Alkoholkonzentration im Jägerblut nicht höher sein darf als in jenem von Autofahrern (TA vom 25. 9.).

Gleichzeitig werden auch die gravierendsten Fälle aus dem Vorjahr aufgearbeitet, manche vor Gericht. In Villeneuve etwa ging vor einem Jahr ein Dutzend Männer auf Wildschweinjagd. Als sie zu einem Maisfeld kamen, sahen sie, wie sich etwas Schwarzes zwischen den Pflanzen bewegte und laut schnaubte. Einer der Jäger schoss. Als sie sich der Gestalt näherten, realisierten sie, dass sie kein Wildschwein angeschossen hatten, sondern einen Mann. Er hat einen schwarzen Kehrichtsack auf dem Rücken getragen. Der Schuss hatte ihn so schwer verletzt, dass er mit dem Helikopter ins Spital geflogen werden musste. Im Kehrichtsack fand die Polizei später Cannabispflanzen, die der Angeschossene offenbar im Feld eines fremden Bauern angepflanzt hatte.

Für Entrüstung sorgte im vergangenen Dezember auch jener Jäger, der im Thurgau einen Appenzeller Sennenhund erschoss, als dieser zwei Rehen nachjagte. Die Besitzerfamilie des Hundes suchte noch Tage nach ihm; sie wusste nicht, dass er erschossen worden war. Nun machten Ostschweizer Medien bekannt, dass am Ende der Hundehalter eine Busse bezahlen musste, weil er gegen das Hunde- und Jagdgesetz verstossen hatte; er war bereits verwarnt worden, weil sein Hund Tiere jagte. Deshalb war der Jäger nach Thurgauer Gesetz auch berechtigt, den Appenzeller abzuschiessen.

Jäger pflegen den Lebensraum

Ob der Jäger im Recht war oder nicht: Dem Berufsstand schaden solche Zwischenfälle. Das sagt auch David Clavadetscher, Geschäftsführer des Dachverbands Jagd Schweiz. Jäger wie jene im Unterwallis seien aber schwarze Schafe, wie es sie in jeder Gemeinschaft gebe. Gerade unter Jägern spiele die soziale Kontrolle in der Regel gut – meist gingen sie in Gruppen auf die Pirsch. «Ich jedenfalls möchte nicht mit jemandem im Wald unterwegs sein, der betrunken und zugleich bewaffnet ist.»

Viele Leute, so sagt David Clavadetscher, würden sich ein falsches Bild von den Jägern machen. Die Jagd selber ist nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. Sie pflegen, damit sie jagen können, auch den Lebensraum des Wildes. Eine Jagdgesellschaft etwa sorgt sich um einen Ameisenhaufen und schützt ihn vor Parasiten, eine andere pflegt Hecken und eine dritte rettet Rehkitze vor Mähmaschinen.

Nur erfährt die Öffentlichkeit nichts davon, sondern liest nur, wenn Jäger aufeinander schiessen. Mehrere Jagdgesellschaften haben deshalb im September eine Informationsoffensive gestartet. Im Aargau luden Jäger Schulklassen in ihre Hütte, in Luzern führten sie fünfzig Veranstaltungen durch, von der Hubertusmesse bis zum Kochkurs. «Wir haben nichts zu verstecken», sagt Clavadetscher. Seiner Ansicht nach sind die Jäger im Gegenteil professioneller geworden. In mehreren Kantonen stellen sie sich bereits freiwillig einem Schiessnachweis, wie ihn Tierschützer in Graubünden fordern. Ab 2015 wird er in der ganzen Schweiz obligatorisch sein. Die Jäger haben laut Clavadetscher selber ein Interesse daran, gut zu treffen; sie finden sonst keinen Metzger, der ihnen das zerschossene Fleisch abkauft.

Unter scharfer Beobachtung

Erst letzte Woche stand ein Jäger in Glarus vor Gericht. Er hat eine Gämse angeschossen, sich aber nicht genug bemüht, das verwundete Tier im felsigen Gelände ausfindig zu machen und vor dem qualvollen Tod zu bewahren. In Graubünden, dem grössten Jagdkanton, komme es jedes Jahr zu etlichen Fehlschüssen, sagt Jagdinspektor Georg Brosi: 10'000 Tiere werden pro Jahr erlegt, 800 davon nur angeschossen. Von diesen wiederum können Jäger 400 aufspüren und erlegen, 200 finden sie tot, 200 gar nicht. Auf diese stossen Wildhüter später auf Kontrollsuchen. «Oft finden wir heraus, wer es war – die Jäger kontrollieren einander», sagt Brosi.

Wie er beobachtet, sind die Jäger in den vergangenen Jahren weder besser noch schlechter geworden. Sie werden aber viel schärfer beobachtet als früher. «Die kleinste Fehlleistung wird kritisiert.» Brosi hat eine Erklärung dafür: Die Bevölkerung wisse nicht mehr, wie die Natur funktioniere, und blende aus, dass Tiere töteten. Die Jagd aber konfrontiere sie – oft unerwartet – damit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2013, 07:41 Uhr

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