Hintergrund

Auf die Uniform gezielt – und einen Menschen getroffen

Dario Brunner* hatte einen Helm auf, das Visier runtergeklappt, den Pfefferspray im Anschlag, als die Chaoten von «Tanz dich frei» anrannten. Die Geschichte eines Polizisten, der im Einsatz verletzt wurde.

Angriffe gegen Polizisten häufen sich, seit 2000 hat sich ihre Zahl verdreifacht: Polizist in Bern bei der «Tanz dich frei»-Demo.

Angriffe gegen Polizisten häufen sich, seit 2000 hat sich ihre Zahl verdreifacht: Polizist in Bern bei der «Tanz dich frei»-Demo.

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Der Polizist sah Flaschen und Steine auf sich zufliegen. 20 seiner Kollegen wurden verletzt in dieser Nacht. Kollegen, mit denen er oft im Einsatz gestanden habe. Es treffe ihn selber stark, sagt der 29-Jährige. Es sei eine ganz andere Anteilnahme. Jetzt, wo er wisse, wie sich eine solche Verletzung anfühle und welche Zweifel sie auslöse.

Es ist mehr als ein Jahr her. Der Stein traf Dario Brunner nur Zentimeter unterhalb des linken Auges. Mit voller Wucht schlug er auf der Wange des Polizisten auf. Der Stein riss die Haut auf, zertrümmerte den Unterkiefer, brachte Dario Brunner an den Rand einer Ohnmacht. In diesem Moment habe er nicht mehr gedacht, er habe nur noch funktioniert, sagt Dario Brunner.

«Ich versuchte, mich irgendwie zu schützen.» Er rannte los, weg von der Schlägerei, zurück zum Einsatzwagen. «Ich nahm noch das Funkgerät und forderte Verstärkung an. Beim Sprechen merkte ich plötzlich: Mein Kiefer war verschoben.» Er habe in den Rückspiegel des Polizeiautos geschaut und das Blut auf seiner blauen Uniform gesehen.

Es begann als Routine-Einsatz

Wo und wann diese Geschichte spielt, dürfen wir nicht bekannt geben. Das war Voraussetzung für das Interview. Die Polizei fürchtet, das Verfahren gegen die Täter könnte beeinflusst oder Dario Brunner in Gefahr gebracht werden.

Begonnen hat der Einsatz mit einer Klage, wie es sie jedes Wochenende gibt: zu viel Lärm. Die Polizei traf auf Partyvolk, alkoholisiert, enthemmt und angriffslustig. «Sie haben uns provoziert», sagt Dario Brunner. «Sie machten sich ein Spiel daraus, die Grenzen auszuloten.»

Er kenne solche Situationen. Langsam baue sich eine Spannung auf, innert Sekunden könne sie sich lösen. «Eine Aussage oder eine Bewegung eines Polizisten genügt, um eine unglaubliche Dynamik auszulösen.» Im konkreten Fall habe ein Mann mit einem Gegenstand gedroht, ein Polizist griff zum Schlagstock – Eskalation. Etwa fünfzehn Partygänger gingen auf die Polizisten los, mit Steinen, Holzstücken, Pfefferspray, sogar mit Bauabschrankungen. «In der Dunkelheit und im Chaos habe ich den Überblick verloren», sagt Dario Brunner. Im Augenwinkel habe er den Stein noch auf sich zufliegen sehen.

Mehr Gewalt gegen Beamte

Fälle wie jener von Dario Brunner seien nur die Spitze eines traurigen Phänomens, sagt Stefan Blättler, Kommandant der Berner Kantonspolizei. Die Gewalt gegen Beamte habe ein Ausmass angenommen, das nicht mehr akzeptabel sei. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der registrierten Delikte gegen Beamte verdreifacht, wie aus der polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht.

Im Kanton Bern wurden 2012 im Schnitt jeden Tag zwei Fälle registriert, bei denen Beamte bedroht oder angegriffen wurden. Eine interne Umfrage der Kantonspolizei zeigt: Von zehn Mitarbeitern werden sechs im Verlauf eines Jahres mindestens einmal körperlich angegriffen, inklusive Büroangestellte. Neunzig Prozent der Berner Polizeibeamten werden beleidigt oder bedroht.

Die Polizei scheint dem Phänomen ratlos gegenüber zu stehen: Die Motive der Angreifer sind so unterschiedlich, wie die Angreifer selber. Der eine ärgert sich über eine Busse, der andere wirft an einer Demonstration eine Flasche, der Dritte pöbelt den Polizisten im Vollrausch an.

Der Stein traf den Falschen

Im Fall von Dario Brunner liegt ein Motiv nahe: Der Täter hatte mit dem Stein seinem Ärger Luft gemacht, vielleicht dem Ärger über die Regeln oder die Polizei als Institution. Er hatte auf die Uniform gezielt – und den Menschen getroffen, der darin steckte. Dario Brunner, den Familienvater, der gerne Velo fährt und auf Jazz steht. Eine Sinnlosigkeit, die Dario Brunner beschäftigt hat. «Mit einem Stein kann man jemanden töten. Die Hemmschwelle der Angreifer lag so tief – das ist für mich unbegreiflich.»

Am Anfang habe er nicht viel gespürt, erzählt er. «Erst als ich in der Ambulanz lag, liess das Adrenalin nach. Mir wurde schlecht.» Drei Stunden lang wurde Dario Brunner operiert. Die Chirurgen fixierten den dreifachen Bruch mit einer Platte. «Das Schlimmste war, dass ich mich vier Wochen lang nur noch flüssig ernähren konnte.» Auch dass er nicht arbeiten konnte, beschäftigte ihn.

Genau heute liegt Dario Brunner wieder im Operationssaal. Die Platte wird aus seiner Wange entfernt – eines der letzten Überbleibsel des Vorfalls verschwindet. Übrig bleibt eine kleine Narbe. Die Verletzung habe er gut verdaut, sagt Brunner. Er ist zurück im Aussendienst. Er wollte unbedingt wieder nach draussen, zu den Leuten, und helfen – auch wenn die Familie Angst hat.

Die Bilder kehren zurück

Er funktioniere heute nicht anders als vorher, sagt Dario Brunner. Vielleicht würde er früher auf Abstand gehen, wenn er angegriffen würde. «Aber ich gehe jetzt nicht immer mit dem Gedanken in den Einsatz, dass es mich jederzeit wieder treffen könnte. Sonst müsste ich den Beruf wechseln.»

«Tanz dich frei» habe er gut überstanden. Es sei etwas anderes, wenn die Fronten so klar seien und man genau wisse, dass links und rechts ein Kollege steht. Doch die Bilder von jener Nacht seien wieder zurückgekehrt. Wieder wurde er angegriffen, wieder war es dunkel – und wieder traf ihn etwas am Kopf. Eine Flasche zerschellte auf seinem Helm. Passiert ist nichts, doch im Moment habe er gedacht: «Bitte nicht schon wieder ich.»

* Name geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.05.2013, 12:07 Uhr

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