Aufruf zum Widerstand gegen Scientology

Das grösste schweizerische Zentrum der religiösen Organisation dürfe nicht an der Basler Burgfelderstrasse entstehen.

Neue Aufgabe: Thomas Erlemann will das Quartier sensibilisieren und ruft zum Widerstand gegen das Scientology-Projekt (hinten rechts) auf.

Neue Aufgabe: Thomas Erlemann will das Quartier sensibilisieren und ruft zum Widerstand gegen das Scientology-Projekt (hinten rechts) auf. Bild: Pino Covino

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«Wenn ich hier jemanden erwische, der Leute für Scientology anwirbt, bekommt er es mit mir zu tun», sagt Thomas Erlemann. Der Sozialpädagoge steht vor dem grossen Gebäude an der Basler Burgfelderstrasse 211 und doziert in die Kamera. Der Strohhut verschiebt sich vor lauter Eifer, aus den kurzen Hosenbeinen ragen seine Waden. Seit Tagen weibelt Erlemann, damit aus dem ehemaligen Implenia-Gebäude keine Scientology-Kirche, sondern ein Quartierzentrum entsteht. Dies sei um einiges sympathischer als eine Sekte, die mit massivem Druck arbeite, sagt er.

Doch alles von vorne: Die Organisation Scientology hat das Gebäude vor etlichen Jahren erstanden und will es zur grössten Schweizer Scientology-Filiale mit 150 Mitarbeitern ausbauen. Die Eröffnung soll im ersten Halbjahr 2015 stattfinden. Dagegen gab es im November 2013 Widerstand. Die Grossräte Sarah Wyss (SP) und Michel Rusterholtz (SVP) reichten eine Interpellation und einen Vorstoss ein.

Erfahrener Kämpfer

Doch da war es schon zu spät. Die Baubewilligung war am 24. Mai 2013 erteilt worden. Man habe vom Vorhaben nicht rechtzeitig Kenntnis gehabt, weil das Bauverfahren nicht unter dem Namen von Scientology gelaufen sei. «Die hatten Erfolg mit ihrer Verschleierungstaktik», sagt Rusterholtz. Nun müsse man wohl abwarten, wie es anlaufe, und dann beim ersten Anzeichen von Belästigung eingreifen, so der Grossrat.

Soweit will es Thomas Erlemann nicht kommen lassen. Als alter Kämpfer gegen das AKW Kaiseraugst und für die alte Stadtgärtnerei in Basel wisse er genug über Medien- und Öffentlichkeitsarbeit und habe Kampfinstrumente in der Hand, sagte er. Erfahrung habe er auch in der Quartierarbeit; im Gebäude solle wieder so etwas entstehen.

«Tout Bâle ist dabei»

Ihm ist bewusst, dass das aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und der Grösse der Organisation nicht einfach ist. «Ein Kampf von David gegen Goliath», sagt er. Doch unverdrossen hat er vor drei Tagen die Facebook-Seite «Julia Gauss» gestartet und zum Widerstand gegen die geplante Zentrale aufgerufen. Jetzt haben sich bereits über 450 Freunde vereint. «Von links bis rechts, tout Bâle ist dabei», dröhnt er vergnügt. Eile sei geboten, denn «wenn die Scientologen einmal mit dem Wildern beginnen, ist es zu spät.» So wird er als nächstes 5000 Flugblätter drucken lassen mit der Aufschrift: «Quartierzentrum Burgfelderstrasse jetzt!» Obwohl er selber «Basta»-Mitglied sei, habe er keine Berührungsängste. «Ich muss halt über meinen Schatten springen und auch mit der SVP zusammenarbeiten.»

Scientology-Pressesprecher Rolf Moll indes beruhigt: Das Projekt sei eine eigene Kirche für die Basler Scientologen. Man nenne es auch eine «ideale Organisation». Dort würden die gleichen Dienste geliefert wie auch in den jetzigen Räumlichkeiten am Herrengrabenweg. Allerdings habe man jetzt etwas mehr Raum zur Verfügung, um den Gästen allgemeine Informationen über die Religion zu geben. So würden in den Räumen eine Ausstellung und verschiedene LED-Screens eingerichtet. Die Arbeiten seien bereits im Gange. Er bedauert, dass es so grosse Befürchtungen von künftigen Nachbarn gibt. «Wir sind nun bereits seit Jahrzehnten am Herrengrabenweg und haben keinerlei Probleme mit den Nachbarn.» Es sei auch überhaupt nicht vorgesehen, Leute im Quartier anzuwerben.

Umstrittene Methoden

Bei Scientology sind in der Schweiz über 300 hauptamtliche Mitglieder in den Vereinen tätig; sie betreuen 5000 Scientologen. Diese Zahlen gab die Organisation an ihrem 40-Jahre-Jubiläum in Bern bekannt. In der Schweiz seien bislang fünf Scientology-Kirchen und sechs Missionen aufgebaut worden. In Zürich gebe es über 120 hauptamtliche Mitglieder, gefolgt von den Vereinen in Basel und Lausanne mit je 70 Mitarbeitenden.

Scientology ist eine religiöse Bewegung, deren Lehre auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers Lafayette Ronald Hubbard zurückgeht. In der Öffentlichkeit sind die Methoden der Mitglieder höchst umstritten. Rekrutierungsbestrebungen von Scientology, so ein Vorwurf, konzentrierten sich häufig ganz bewusst auf Menschen, die eine Krisensituation in ihrem Leben erreicht haben und deswegen besonders anfällig sind. Ausserdem habe die Organisation undemokratische und totalitäre Züge.

Erlemann fordert nun von der Regierung Basel-Stadt, dass sämtliche Baubewilligungen betreffend die Scientology-Liegenschaft an der Burgfelderstrasse sistiert werden. Ausserdem solle der Kanton die Liegenschaft zugunsten eines Quartierzentrums für die Bevölkerung kaufen. «Dieses Quartier ist bislang ein weisser Fleck auf der Stadtkarte. Das soll sich jetzt ändern», sagt er.

Erstellt: 08.07.2014, 07:25 Uhr

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