Aufruhr im Heidiland wegen Armee-Fluglärms

Ab 2011 will die Luftwaffe im Raum Speer Trainingsflüge durchführen. In der Ferienregion zwischen Walensee und Bad Ragaz hagelt es Proteste. Man befürchtet, dass die Gäste wegbleiben.

Sorgen für rote Köpfe im Heidiland: Die PC-21-Flugzeuge.

Sorgen für rote Köpfe im Heidiland: Die PC-21-Flugzeuge. Bild: Keystone

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Werner Schnider bezeichnet sich als «eigentlich militärfreundlich». Doch so könne die Armee mit der Bevölkerung nicht umspringen, sagt der Gemeindepräsident von Walenstadt SG: «Der Unmut in der Region steigt mit jedem Tag. Und irgendwann wird es zu einem Aufstand kommen.»

Maulkorb für Gemeinden

Der Grund für den Ärger: Die Schweizer Luftwaffe will im Raum Speer ab 2011 mit dem neuen Pilatus-Ausbildungsflugzeug PC-21 Trainingsflüge künftiger F/A-18-Piloten durchführen. Dazu führte das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bis Mitte Juli eine kurze Vernehmlassung durch – aber nur in Aviatikkreisen. Die Kantonsbehörden wurden lediglich informiert, und die direkt betroffenen Gemeinden konnten überhaupt nicht Stellung beziehen.

«Dabei hätten wir eine Reihe brennender Fragen», sagt Schnider. Man wisse weder, wie häufig geflogen werde, noch, ob die Luftwaffe bereit sei, die Trainingsflüge in der Tourismusregion Heidiland «auf ein Minimum zu reduzieren». Dass die Lärmimmission «penetrant» sein werde, steht für den CVP-Politiker ausser Frage: «Der PC-21 ist zwar ein kleines Propellerflugzeug, aber es lärmt wie ein hochtouriges 125er-Motorrad.» Einschlägige Erfahrungen machte die Region bereits bei Testflügen vor einem Jahr.

Heidi-Grundwerte bedroht

Die Flüge werden zwar ein grosses Gebiet rund um den Speer tangieren. Dass sich der Protest auf das Gebiet Walensee–Sarganserland konzentriert, ist aber kein Zufall. Die Region vermarktet sich touristisch seit Jahren als Heidiland und hat sich erst kürzlich zum Ziel gesetzt, eine der führenden Wellness-Destinationen im Alpenraum zu werden. Im Zentrum sollen dabei «Heidi-Grundwerte» wie Echtheit, Gesundheit und Glück stehen.

«Wie sollen wir uns als Wohlfühlregion anpreisen, wenn es über den Köpfen der Gäste andauernd surrt?», protestiert auch Urs Roth, Gemeindepräsident von Amden SG. Der CVP-Kantonsrat hat mit einem Vorstoss bei der St. Galler Regierung interveniert. Dabei macht er auch ökologische Bedenken geltend, zumal es im Raum Speer Landschaftsschutzgebiete von nationaler Bedeutung gebe. «Es ist doch paradox», sagt Roth: «In den Ökozonen sind zeitweise sämtliche sportlichen oder gesellschaftlichen Aktivitäten verboten. Lärmige Fliegerei soll aber erlaubt sein.»

Support erhält Roth von den Umweltorganisationen. Die WWF-Sektionen der Kantone Glarus, St. Gallen und Appenzell fordern einen «gänzlichen Verzicht» auf die Trainingsflüge, «weil der Schutz nationaler Naturdenkmäler höher zu gewichten ist als die Interessen der Landesverteidigung».

«Klare Spielregeln» gefordert

Dem breiten Protest angeschlossen hat sich inzwischen auch die St. Galler Kantonsbehörde. Es sei zwar unbestritten, dass Trainingsflüge stattfinden sollen, sagt Hanspeter Wächter, Chef des Amts für Militär und Zivilschutz. «Wir forderten vom Bund aber schriftlich klare Spielregeln bezüglich Information sowie Rücksichtnahme auf den Tourismus und die Natur.» Die Intervention hatte Efolg: Am 11. Oktober findet mit Vertretern des Verteidigungsdepartements (VBS) und des Bazl eine Aussprache statt. Mit von der Partie werden mehrere Gemeindepräsidenten sein.

Präzise Planung unmöglich

Ob das Treffen zu einer Beruhigung der Gemüter beitragen wird, ist offen. Denn das Bazl und das VBS schieben den Schwarzen Peter hin und her. Für das Bazl sei entscheidend, dass mit den P-21-Flügen die Sicherheit im Luftraum gewährleistet sei und keine Lärmgrenzwerte überschritten würden, betont Sprecher Anton Kohler. Folglich seien keine raumplanerischen Massnahmen wie etwa Lärmschutz nötig.

«So gesehen ist die Bevölkerung von den Flügen nicht betroffen, auch wenn man die PC-21 hört – wie andere Flugzeuge auch.» Und für die Organisation der Flüge sei die Luftwaffe zuständig. Dort wiederum heisst es, eine präzise langfristige Planung der Flüge sei nicht möglich. «Die Feinplanung findet jeweils Anfang Woche statt», sagt Luftwaffe-Sprecher Laurent Savary. «Es kann aber auch sein, dass es im Speergebiet während zweier oder dreier Wochen keine Flüge gibt.» Mitentscheidend sei das Wetter oder ob die sechs Flugzeuge auf dem Flugplatz Emmen oder in Sitten stationiert seien – zumal im Jura und im Berner Oberland zwei weitere Übungsräume zur Verfügung stünden.

Klar bleibt somit vorerst einzig, was längst bekannt ist: Flüge wird es ausschliesslich an Arbeitstagen zwischen 8.30 und 11.50 sowie von 13.30 bis 17 Uhr geben. «Wir sind aber immer offen für Diskussionen», sagt Savary.

Erstellt: 25.07.2010, 21:37 Uhr

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