Aufschrei im Mittelstandsparadies

Das Ja zur Abzockerinitiative ist ein Nein zu einem neuen Geldadel.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für das «Wall Street Journal» ist die Abzockerinitiative eine «Corporate-Governance-Reform, die Amok läuft», für andere ist sie ein harmloses Symbol eines verärgerten Mittelstandes über zu hohe Boni, eine Art Minarett-Abstimmung der Linken.

Die einen sehen die Schuld der deutlichen Annahme der Initiative in einer suboptimalen Abstimmungskampagne der Economiesuisse, die anderen in einem tendenziell ungeschickten Verhalten von Daniel Vasella.

All dies ist nicht ganz falsch – und doch zu kurz gegriffen. So wie die Italiener vor Wochenfrist nicht einfach aus Jux und Tollerei zwei Clowns gewählt haben, haben die Schweizer nicht einfach aus einer Laune heraus Ja zur Minder-Initiative gesagt. Die technischen Details waren sicher nicht entscheidend, wahrscheinlich hat die Mehrheit die Unterschiede zum Gegenvorschlag bis heute nicht wirklich begriffen. Aber die grundsätzliche Botschaft des Ergebnisses ist unmissverständlich: Ein neuer Geldadel ist in der republikanischen Schweiz nicht erwünscht.

Die Schweiz ist ein Land des Mittelstandes. Es ist zwar richtig, dass es pro Einwohner betrachtet nirgends auf der Welt so viele Superreiche gibt wie bei uns. Trotzdem sind die Plutokraten nach wie vor eine verschwindende Minderheit.

Auch wenn die Schweizer nicht besonders stolz darauf sind, sind sie nichtsdestotrotz sozialer und schwedischer, als sie es selbst zugeben wollen. Die Steuerbelastung – zählt man Krankenkasse und Abgaben dazu – weist eher überdurchschnittliche Werte aus. Die Schweiz hat einen gut ausgebauten Sozialstaat, eine hervorragende Infrastruktur und einen funktionierenden Föderalismus. Sie ist mit anderen Worten ein Paradies für den Mittelstand.

Technischer Fortschritt und Globalisierung sind aber im Begriff, den Mittelstand zu bedrohen. Weltweit entsteht ein Geldadel, der sich auf geradezu unverschämte Art und Weise bereichert. Übertriebene, durch Leistung nicht zu rechtfertigende Boni sind der sichtbare Ausdruck dieser Unkultur.

Thomas Minder wollte im Namen der Aktionäre dagegen ankämpfen, die SP im Namen der Arbeitnehmer. Aber zumindest die politische Linke wird enttäuscht sein. Die Schweizer wollen keinen Klassenkampf. Hinter dem Ja zur Abzockerinitiative steckt die Erkenntnis, die der berühmte amerikanische Richter Louis D. Brandeis einst wie folgt formuliert hat: «Man kann eine Demokratie haben, oder man kann den Reichtum konzentriert in den Händen von ein paar wenigen haben. Aber man kann nicht beides haben.»

Erstellt: 03.03.2013, 15:15 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Demokratie explodiert»

Triumph für Minder: Das Volk sagt mit überwältigender Mehrheit (68%) Ja zur Abzockerinitiative. Alle sind sich einig: Die Initiative muss nun schnell umgesetzt werden. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Wie die EU gegen Abzocker vorgehen will

In der Schweiz sind hohe Managerlöhne und die Abzockerinitiative ein heisses Thema. Doch auch in der EU gibt es nun Bestrebungen für eine Bonibeschränkung. Irland reicht dazu einen Vorschlag ein. Mehr...

«Es darf auch mal sein, dass wir verlieren»

Knatsch im Dachverband und heisser Abstimmungssonntag: Economiesuisse-Boss Pascal Gentinetta reagiert auf die Kritik von «Uhrenkönig» Nick Hayek und sagt, warum er eine Niederlage am Sonntag nicht fürchtet. Mehr...

Philipp Löpfe.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...