Aufwachen, Genossen!

Blocher attackiert das Landesstreik-Jubiläum. Höchste Zeit, dass Linke sich für eine Feier-Variante entscheiden.

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1918 streikten Tausende Schweizer Arbeiter, tagelang. Sie provozierten so zuerst eine nationale Krise, dann soziale Verbesserungen. Eigentlich ist 2018 das ideale linke Jubiläumsjahr – doch wie feiern? Sozialdemokraten und Gewerkschaftler müssen sich entscheiden, und das bald.

Variante 1: Die Gespensterjagd
Christoph Blocher weibelt bereits für seine Deutung des Jubiläums, will das alte Gespenst vom bolschewistischen Umsturz wiedererwecken. Mit seiner Attacke auf den Streikanführer Robert Grimm stiess er bei Historikern auf harschen Widerspruch – doch abgesehen vom aufwendigen Landesstreik-Dokfilm von SRF, der deutlich mit Grimm sympathisierte, hatte Blocher bisher freies Spiel. Und wenn sie möchte, kann sich die Linke das ganze Jahr lang am SVP-Patron abarbeiten: Im November will Blocher laut «Blick» eine weitere Rede zum Streik halten und eine Parade mit Soldaten in historischen Uniformen veranstalten.
Problem: Blocher bestimmt die Agenda.

Variante 2: Das Seminar
Viele Schweizer Historiker interessieren sich für das Ereignis, nicht eben klein ist ihre Sympathie für die Streikenden und ihre Ziele. Der Gewerkschaftsbund hat bereits eine Tagung veranstaltet, und es gibt Nationalfondsprojekte, die den Streik aus der Perspektive der Frauen oder der Arbeitgeber betrachten.
Problem: Je exakter der Landesstreik unter dem Mikroskop der Geschichtswissenschaft seziert und relativiert wird, desto schwieriger wird es, ihn als stimmige, kompakte Lehre für die Gegenwart unter die Leute zu bringen.

Variante 3: Der gute Mythos
48-Stunden-Woche, Proporzwahl, eventuell die AHV und sogar das Frauenstimmrecht – wer sich als Linker in blocherisch-hemdsärmliger Manier am Streik zu schaffen macht, kann sämtliche sozialen Errungenschaften seit 1918 auf den Streik zurückführen. Doch eigentlich kämpft die Linke seit Jahrzehnten gegen konservative Mythen, gegen Marignano und Co. Ob sie nun aus Opportunität selber der Mythenbildung verfällt, zeigt sich möglicherweise erst spät, allzu spät beim grossen Festakt der SP und des Gewerkschaftsbunds in Olten am 10. November.
Problem: Es kommt zum Streit mit Historikern, denen Monokausalität zuwider ist.

Variante 4: Der böse Mythos
Als Reaktion auf die Aktion der Arbeiter entstanden Bürgerwehren – und mit diesen eine neue Schweizer Rechte, die der Linken aggressiv entgegentrat. Für Historiker wie den linken Professor Hans Ulrich Jost ist sie das wahre Vermächtnis des Streiks, dessen positives Image ein Trugbild.
Problem: keine Möglichkeit für einen optimistischen Dreh der Jubiläumsfeiern.

Variante 5: Die linke Schande
«100 Jahre Landesstreik: Die verpasste Revolution?» So lautet bezeichnenderweise eine Veranstaltung an der Uni Zürich, die der marxistische Studierendenverein nächste Woche organisiert. Für radikale Linke war das Oltener Aktionskomitee eine trauriges Softie-Grüppchen, das den Streik viel zu früh abbrachen. Die Errungenschaften, die gemeinhin mit dem Streik verbunden werden, erscheinen ihnen als viel zu schwacher Trost für die verpasste Chance, die Schweiz kommunistisch einzufärben.
Problem: Das Unverständnis der Bevölkerungsmehrheit ist garantiert. Nicht einmal die Juso denkt noch so.

Variante 6: Der kleinste gemeinsame Nenner
Man einigt sich auf die vorsichtigste Deutung des Landesstreiks, denkt an den Streik als einen weiteren, kleinen, pragmatischen Schritt hin zu einer etwas sozialeren Schweiz.
Problem: eher geringer Appeal. Die Begeisterung der Genossen und die Wirkung auf Nichtgenossen bleiben in engen Grenzen.

Variante 7: Das Nicht-Ereignis
Die Idee vom Weltgeist spukte lange in den Köpfen der Sozialdemokraten und Kommunisten; die fixe Vorstellung, die Geschichte werde sich noch als Verbündete der linken Sache erweisen. Nach 1989 ist die Heilserwartung in Skepsis umgeschlagen. Sich mit Geschichte zu beschäftigen, erscheint vielen heutigen Linken als müssig, eine Instrumentalisierung als unseriös. Man will die Kräfte lieber für Zukunftsprojekte bündeln: erneuerbare Energien, Robotersteuer, Grundeinkommen, etc.

Doch das ist zu kurz gedacht. Das Streikjubiläum ist nicht nur der richtige Moment, sich der politischen Identität zu vergewissern. Es ist auch die Gelegenheit, die Menschen daran zu erinnern, wie sehr SP und Gewerkschaften den Alltag der Gewöhnlichen verbessert haben. Diese Gelegenheit zu verpassen, kann sich die Linke unmöglich leisten – zumal in Zeiten, in denen orientierungslose sozialdemokratische Landesparteien zusammenschrumpfen wie seltene Pilze in der gleissenden Sonne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 15:22 Uhr

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