Aus dem Ausland in die Kantone

Zuwanderung aus dem Ausland, Abwanderung innerhalb der Schweiz: Findet in wirtschaftlich starken Kantonen ein Verdrängungsprozess statt? Fachleute erklären, was die neuesten Zahlen des Bundes aussagen.

Zürich wächst am stärksten: Zuwanderungssaldi der Kantone.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die jüngste Statistik des Bundes zur Entwicklung der Bevölkerung bestätigt einerseits einen altbekannten und anhaltenden Trend: Die Schweizer Wohnbevölkerung wuchs auch im Jahr 2012 – und zwar um kontinuierliche 1,1 Prozent. Andererseits sind im vergangenen Kalenderjahr so viele Menschen aus der Schweiz ausgewandert wie seit 20 Jahren nicht mehr. 103'900 Personen kehrten 2012 der Schweiz den Rücken, verglichen mit dem Vorjahr ist das ein Plus von 7,7 Prozent.

Die rekordhohe Abwanderung hat zumindest eine handfeste Ursache: Ein Teil der Zunahme bei den Auswanderern lässt sich mit der Zunahme der Bevölkerung erklären: Wenn ein gleich hoher Prozentsatz einer immer grösseren Bevölkerung die Schweiz verlässt, dann steigt logischerweise auch die absolute Zahl der Auswanderer.

Wegzug von Deutschen?

Dieser rechnerische Effekt erklärt jedoch nur einen Teil des Anstiegs bei der Abwanderung. Eine Nachfrage beim Bundesamt für Statistik, das die Zahlen heute veröffentlicht hat, ergibt keine definitive Klärung, aber einige Indizien.

Da ist zum einen die wirtschaftliche Entwicklung: Vergleiche mit der Vergangenheit zeigten, dass die Wohnbevölkerung sinke, wenn sich die Konjunktur abkühle, sagt BFS-Sprecherin Fabienne Rausa: «Das ist eine wahrscheinliche Erklärung.» Welchen Einfluss weitere Faktoren haben – etwa die gezielte Animierung von Deutschen zur Rückkehr in ihre Heimat – bleibt offen.

Für die Stadt Zürich gilt laut einer Analyse von Anfang Jahr: Es kommen und bleiben weniger junge Deutsche in der Stadt als noch vor vier Jahren. Es gibt aber auch eine wachsende Anzahl Deutscher, die in der Stadt Zürich alt werden.

«Zahlen wenig aussagekräftig»

Bei genauerer Betrachtung der heute veröffentlichten Zahlen fällt auf: Die Kantone Zürich, Basel-Stadt, Waadt und Genf weisen alle einen positiven Migrationssaldo aus dem Ausland auf, während jener in und aus anderen Kantonen negativ ist. In den Kanton Zürich zum Beispiel zogen 2012 total 9818 Personen aus dem Ausland zu, während insgesamt 2196 in andere Kantone abwanderten. Belegen diese Zahlen die gefühlte Verdrängung von Alteingesessenen durch Zuwanderer?

«Die Zahlen der BFS-Statistik sind wenig aussagekräftig», sagt Peter Moser vom Statistischen Amt des Kantons Zürich. In einem Jahr bewegten sie sich im Plus, ein anderes Mal im Minus. «Die Ursachen hinter diesen Zahlen sind komplex und vielschichtig», sagt Moser. Von einer Verdrängung, wie sie in den Kantonen Basel-Stadt oder auch in Zug bekanntermassen im Gang sei, könne man aufgrund der Ergebnisse sicher nicht sprechen.

«Das müsste man vertieft analysieren», sagt auch BFS-Sprecherin Rausa. Welche Altersklassen wandern? Handelt es sich um Studenten, um Familien oder um Senioren? All diese Variablen würden in dieser jährlichen Statistik zur Schweizer Wohnbevölkerung nicht berücksichtigt. Laut Rausa ist aber für nächstes Jahr eine vertiefte Analyse geplant.

Zürich als Landebahn

Bereits getan hat dies der Stadtzürcher Statistiker Klemens Rosin. Seine oben erwähnte Analyse mit dem Titel «Zwischenhalt Zürich» kommt zu dem Schluss: Stadt und Agglomeration Zürich – und damit auch der in der Bundesstatistik ausgewiesene Kanton – dienen als «Landebahn» für Zuwanderer aus dem Ausland. Schon nach weniger als einem Jahr aber ziehen sie weiter, etwa weil sie die Familie nachziehen und ins Grüne wollen.

Eine Verdrängung von Altansässigen durch Ausländer hat Rosin nicht nachweisen können. Aber: «Wir haben festgestellt, dass in der Stadt Zürich ältere Menschen von Jüngeren abgelöst werden.» Ob es sich dabei tatsächlich um eine Verdrängung handelt, soll eine neue Erhebung zeigen. Rosin und seine Leute haben ältere Wegzüger dazu befragt, ob sie die Stadt freiwillig verlassen. Die Zahlen werden voraussichtlich Anfang nächsten Jahres veröffentlicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 18:14 Uhr

Artikel zum Thema

Immer mehr Menschen verlassen die Schweiz

Die Zahl der Auswanderer ist letztes Jahr auf über 100'000 gestiegen. Die Bevölkerung wächst aber trotzdem – nur in einem Kanton schrumpft sie. Mehr...

«Die Schweiz stösst an ihre Wachstumsgrenzen»

News In der Genferseeregion und im Jurabogen hat die Personenfreizügigkeit zu einer Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte geführt. Ist das nur ein lokales Phänomen oder ein Vorbote einer künftigen Entwicklung? Mehr...

Nebenwirkungen der Zuwanderung

Keine Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte, aber bescheidenes Lohnwachstum und ungewisse Folgen für die AHV: Die Analyse des Bundesrats zeigt auch die Nachteile der Personenfreizügigkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...