Ausländer kommen leichter an die Schweizer Unis

Das Bundesgericht schränkt die Autonomie der Schweizer Hochschulen ein. Der Rektor der Universität Basel spricht von einem «sympathischem Urteil».

Universitäten konnten bis anhin frei entscheiden, welche ausländischen Zeugnisse sie akzeptieren und welche nicht.

Universitäten konnten bis anhin frei entscheiden, welche ausländischen Zeugnisse sie akzeptieren und welche nicht. Bild: Keystone

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Ein Urteil des Bundesgerichts schränkt die Autonomie der Universitäten ein, was die Zulassung ausländischer Studenten anbelangt. Es stützt dabei das Prinzip der Hochschulmobilität.

Wer an einer Schweizer Universität studieren will, braucht ein eidgenössisch anerkanntes Maturitätszeugnis oder ein ausländisches Äquivalent. Heutige Praxis ist es, dass die Universitäten weitgehend selber entscheiden, welche ausländischen Zeugnisse sie akzeptieren. Sie stützen sich dabei auf die Empfehlung der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten.

Gesuche abgelehnt

Ein Urteil des Bundesgerichts stellt diese Praxis nun grundlegend infrage. Es beruft sich dabei auf die Lissaboner Konvention über die Anerkennung von Qualifikationen im Hochschulbereich in der europäischen Region. 49 Staaten haben die Konvention ratifiziert, darunter auch die Schweiz. Der Bundesrat ist der Konvention, wie die NZZ gestern schrieb, im Alleingang, ohne Genehmigung des Parlaments beigetreten. Seit 1999 ist sie hierzulande in Kraft.

Den Fall zur Behandlung brachte ein Deutscher, der 2012 zweimal um Zulassung zum Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Luzern ersuchte. Er verfügte über zwei Zeugnisse der Berufsoberschule Augsburg, die ihn – in Kombination – zum Studieren an deutschen Universitäten berechtigen. Die Universität Luzern lehnte seine Gesuche gleichwohl ab, mit der Begründung, dass der Kandidat die Zulassungsvoraussetzungen in den Naturwissenschaften nicht erfülle. Das Kantonsgericht stützte diesen Entscheid.

Ein Urteil mit «wenig Effekt»

Das Bundesgericht jedoch gibt nun dem Deutschen recht. Es hält fest, dass die Bestimmung der Lissaboner Konvention unmittelbar anwendbar sei, und dass ausländische Studenten mit den entsprechenden Zeugnissen einen einklagbaren Anspruch auf Zulassung an einer Schweizer Universität haben. Es gelte prinzipiell die Gleichwertigkeit der Hochschulreifezeugnisse, hält das Bundesgericht fest. Der Zugang zu den Schweizer Universitäten dürfe Bewerbern aus den Konventionsstaaten nur dann verweigert werden, wenn die Universitäten bei den Reifezeugnissen von ausländischen Bewerbern wesentliche Unterschiede zur Schweizer Matura nachweisen können. Dabei dürfe nicht ein zu strenger Massstab angewendet werden, es «sollen Sinn und Zweck der Hochschulmobilität im europäischen Raum nicht übermässig erschwert werden», schreibt das Bundesgericht.

Das Urteil vom 13. März dieses Jahres kam für die Universitäten unerwartet. Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, glaubt aber, «dass das Urteil de facto wenig Effekt haben wird». Solche Fälle wie den des Deutschen würden kaum ein Prozent der ausländischen Gesuche ausmachen, währenddessen die meisten ausländischen Studienbewerber über die üblichen Reifezeugnisse verfügen würden.

Schweizer Maturität höherstehend

Das Urteil bezeichnet er persönlich als «sympathisch»: «Ich bin für ein liberales, tolerantes Zulassungssystem. Die Selektion soll dann an den Universitäten durch Prüfungen und Lehrpläne stattfinden.» Diese Selektion werde sich nach angelsächsischem Vorbild noch verstärken, ist Loprieno überzeugt, und die Bedeutung der juristischen Zulassungsbedingungen werde somit letztlich marginaler werden. «Die Autonomie der Universitäten wird nicht eingeschränkt», meint Loprieno.

Dieter Wüest, Leiter des Rektorats der ETH Zürich, hält es für möglich, dass die heutige Praxis der ETH Zürich in Widerspruch zum Urteil des Bundesgerichts stehe. Dies gelte es nun zu prüfen. Da das Bachelorstudium an der ETH Zürich auf Deutsch sei, käme das Gros der ausländischen Bewerber aus deutschsprachigen Ländern. Diese würden in der Regel auch über akzeptable Reifezeugnisse verfügen, so Wüest.

In der Praxis kein Problem, steht das Urteil derzeit gleichwohl schräg in der Landschaft: in einer Zeit, in der hierzulande über eine Erhöhung der Anforderungen für die Matura diskutiert wird, wird die Zulassung für ausländische Studenten an den Schweizer Unis noch lascher. Loprieno sagt, er teile die Auffassung nicht, dass die Maturität in der Schweiz schwieriger werden müsse: «Unsere Maturität ist qualitativ höherstehend als die der Nachbarländer. Wir sind jetzt schon viel selektiver.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.04.2014, 12:48 Uhr

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