Aussenseiter mit grosser Lobby

Bislang erhielten die Opfer der Fürsorgepolitik bei ihrem Kampf um späte Anerkennung kaum Unterstützung. Mit der Lancierung der Wiedergutmachungsinitiative hat sich das geändert.

Knaben in der Erziehungsanstalt Sonnenberg in Kriens LU, 1944. Foto: Paul Senn (FFV, Kunstmuseum Bern, Dep. GKS)

Knaben in der Erziehungsanstalt Sonnenberg in Kriens LU, 1944. Foto: Paul Senn (FFV, Kunstmuseum Bern, Dep. GKS)

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Lange schauten Politik und Gesellschaft weg, wenn es um die Aufarbeitung der Schweizer Fürsorgepolitik ging. Parlamentarische Vorstösse scheiterten, Forderungen wurden abgelehnt und Akten blieben unter Verschluss. Den Betroffenen fehlte eine breite Lobby. Das hat sich mit der Wiedergutmachungsinitiative, die letzte Woche lanciert wurde, geändert. Erstmals können die Betroffenen auf ein weitverzweigtes Netzwerk zählen. Hinter der Initiative, die einen Entschädigungsfonds von einer halben Milliarde Franken sowie eine umfassende historische Aufarbeitung vorsieht, stehen Know-how, Einfluss und Geld.

Das Geld kommt vom geistigen Urheber der Initiative, dem Zuger Unternehmer Guido Fluri. Dieser blickt auf eine eigentliche Tellerwäscherkarriere zurück. Geboren als uneheliches Kind einer 17-jährigen Serviertochter, lebte Fluri zeitweise in Heimen. Seine Lehre als Spengler brach er ab. Später machte er im Immobiliensektor ein Vermögen. Nun will er den Betroffenen helfen. Allein für das Jahr 2014 hat die Guido-Fluri-Stifung rund eine Million Franken zugunsten der Kampagne budgetiert. Das ist im politischen Betrieb der Schweiz eine respektable Summe. Lanciert etwa die SP ein neues Volksbegehren, stehen der Partei rund 250'000 Franken zur Verfügung.

«Beobachter» ist Medienpartner

In publizistischer Hinsicht erhält die Initiative Support vom «Beobachter». Die Zeitschrift, die dem deutschen Verlagshaus Axel Springer gehört, fungiert ganz offiziell als Medienpartner. Der jüngsten Ausgabe des Magazins liegt ein Unterschriftenbogen bei, die Initiative ist Titelthema, und im Editorial fordert Chefredaktor Andres Büchi die rund 850'000 Leser dazu auf, das Begehren zu unterstützen. Angesprochen auf das nicht alltägliche Engagement sagt Büchi, die Aufarbeitung der Fürsorgepolitik sei Kernthema der Zeitschrift. In der Tat waren es in den 70er-Jahren Recherchen des «Beobachters», die das Ende des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» einläuteten. Das Hilfswerk der Pro Juventute hatte Schweizer Fahrenden ihre Kinder weggenommen. In den 80er-Jahren wurden die Betroffenen entschädigt. Nun gehe es darum, ein weiteres dunkles Kapitel der Fürsorgepolitik aufzuarbeiten, sagt Büchi. Seine Zeitschrift will dazu beitragen, indem sie die Initiative journalistisch eng begleitet.

Politisch haben sich Fluri und seine Mitstreiter früh um eine breite Abstützung bemüht. Waren es in der jüngeren Vergangenheit vorab Linke wie SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, die sich für eine Aufarbeitung eingesetzt haben, gehört nun eine Reihe bürgerlicher Politiker dem Initiativ- und Unterstützungskomitee an. Mit Christian Wanner, Doris Fiala und Ständerat Joachim Eder stehen etwa drei prominente Vertreter der FDP hinter dem Volksbegehren. Die Fäden im Hintergrund zieht dabei die Beratungsagentur Furrer & Hugi. Die Botschaft, welche die bürgerlichen Politiker vermitteln sollen, ist klar: Bei der Wiedergutmachungsinitiative handelt sich nicht um ein parteipolitisches Anliegen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Ständerat Eder etwa spricht von einer moralischen Frage mit überparteilicher Bedeutung.

Bereits 20'000 Unterschriften

Wie gut die Maschinerie der Initianten läuft, zeigte sich am ersten Sammeltag. Schweizweit kamen am vergangenen Samstag rund 20'000 Unterschriften zusammen. Dass die Initiative trotz breitem Support einen schweren Stand haben könnte, ist den meisten Beteiligten allerdings bewusst. Sie sehen in der Initiative vorab ein Mittel, um den Druck auf Parlamentsmehrheit und Bundesrat zu erhöhen. Diese hatten sich zuletzt dagegen gesträubt, einzelne Opfergruppen finanziell zu entschädigen. Bundesrätin Simonetta Sommaruga konnte den Betroffenen deshalb am runden Tisch keine Zusagen für substanzielle Zahlungen machen. Stattdessen sollen Betroffene, die sich in einer finanziellen Notlage befinden, Geld aus einem Soforthilfefonds der Kantone erhalten. Zur Initiative selbst äussert sich Sommarugas Justizdepartement (EJPD) zum jetzigen Zeitpunkt bloss zurückhaltend. Das Begehren zeige, wie bedeutend das Thema sei, heisst es im EJPD lediglich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2014, 06:27 Uhr

Guido Fluri

Der Unternehmer und frühere Heiminsasse unterstützt die Initianten mit 1 Million Franken.

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