Ausweis weg – zehnmal mehr Entzüge bei Alten

Warum die Zahl der Ü-69, die aus dem Verkehr gezogen wurden, innert 30 Jahren regelrecht explodiert ist.

Müssen alle zwei Jahre zum Eignungstest: Über 69-jährige Autofahrerinnen und Autofahrer.(Symbolbild: Keystone)

Müssen alle zwei Jahre zum Eignungstest: Über 69-jährige Autofahrerinnen und Autofahrer.(Symbolbild: Keystone)

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Wer in der Schweiz im höheren Alter noch Auto fahren will, muss seine Eignung alle zwei Jahre testen lassen. Ein Arzt prüft dann Sehschärfe, Gesichtsfeld, Hörvermögen und den allgemeinen Gesundheitszustand. Weil es in den Nachbarländern keine derartigen Kontrolluntersuchungen gibt, hat das Parlament 2016 beschlossen, das Mindestalter für medizinische Untersuchungen von heute 70 auf 75 Jahre zu erhöhen. Noch ist nicht klar, wann diese Gesetzesänderung in Kraft tritt – umstritten ist sie heute schon.

«Wir sehen in unserer medizinischen Alltagspraxis die vielen Leute, die wirklich nicht mehr ans Steuer gehören.»Rolf Seeger, Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich

So kritisierte im letzten Juni beispielsweise Rolf Seeger vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich den Parlamentsentscheid. «In der Altersgruppe 70 bis 75 Jahre stellen wir eine Zunahme von Demenzerkrankungen und Einschränkungen beim Sehvermögen fest», sagte Seeger. Viele Leute gehörten wirklich nicht mehr ans Steuer.

Daten des Bundesamts für Strassen (Astra) scheinen diese Kritik zu untermauern. Sie zeigen, dass sich die Zahl der Senioren, die ihren Führerausweis abgeben mussten, in den letzten 30 Jahren vervielfacht hat: von 673 Fällen 1987 auf 6937 Fälle 2016. Abgesehen von statistischen Ausreissern in den Jahren 2002 und 2003 verlief die Entwicklung fast kontinuierlich nach oben.

Immer mehr ältere Autolenker müssen ihren Ausweis wegen Krankheit oder Gebrechen abgeben. Im vergangenen Jahr waren es 2990 oder 43 Prozent der betroffenen Senioren. Bei 1127 Fällen handelte es sich um die Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen, welche das Parlament von der medizinischen Untersuchung ausnehmen will.

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Die massive Zunahme der Ausweisentzüge bei über 69-Jährigen hängt sicherlich mit der steigenden Anzahl von Fahrausweisentzügen insgesamt zusammen, die sich von 42’000 im Jahr 1987 auf 78’000 im Jahr 2016 erhöht hat. Hauptgrund dafür ist das Wachstum der Schweizer Bevölkerung im selben Zeitraum von gut 6,5 Millionen auf 8,3 Millionen Einwohner, das auch für immer mehr Autos und Fahrzeuglenker sorgte.

Nur dadurch lässt sich die Situation bei den Senioren aber nicht erklären. Während die jährlichen Ausweisentzüge bei den über 69-Jährigen in den letzten sieben Jahren stark zunahmen (41 Prozent), pendelten sich diejenigen bei allen Altersgruppen seit 2010 zwischen gut 75’000 und 80’000 ein.

Immer mehr Autos und Fahrzeuglenker, aber kein klar erkennbarer Trend bei den Ausweisentzügen: «Allgemein wird anständiger gefahren als früher», schlussfolgert daraus Thomas Rohrbach. Laut dem Astra-Mediensprecher könnten die steigenden Zahlen bei den Senioren mit der Verschärfung der Massnahmen zusammenhängen. «Heute ist ein Wiederholungstäter seinen Ausweis viel schneller wieder los als früher», so Rohrbach, «in erster Linie hat die Zunahme aber mit der demografischen Entwicklung zu tun.»

Die Schweizer Bevölkerung ist seit 1987 deutlich gealtert. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der Personen ab 65 Jahre 15,4 Prozent. 2008 machten sie 16,6 Prozent der Bevölkerung aus und 2015 bereits 18 Prozent (1,495 Millionen Personen). Gleichzeitig sank der Anteil der unter 20-Jährigen.

Zeigt die demografische Alterung: Prozentualer Anteil verschiedener Altersgruppen an der Schweizer Bevölkerung, 1900–2014. (Grafik: Bundesamt für Statistik)

Aufgrund der demografischen Alterung der Bevölkerung gebe es immer mehr Personen in diesem Alter und damit auch immer mehr Senioren, die einen Führerausweis besitzen würden, sagt Rohrbach. «Insbesondere bei älteren Frauen ist der Anteil an Autofahrerinnen stark gestiegen», so der Astra-Mediensprecher.

Dieser Alterungsprozess der Schweizer Bevölkerung ist eine Folge der steigenden Lebenserwartung sowie der abnehmenden Geburtenhäufigkeit und wird sich auch in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen. Bis 2045 dürfte der Anteil der über 65-Jährigen laut dem Bundesamt für Statistik auf rund 26 Prozent ansteigen.

Gleichzeitig dürfte auch die Zahl der Ausweisentzüge bei Senioren weiter zunehmen – es sei denn, die am 1. Juli 2016 vollzogene Anpassung der Mindestanforderungen an Fahrzeuglenkende hat Auswirkungen. Anstelle des direkten Entzugs kann es neu auch nur Beschränkungen des Fahrausweises geben. Zum Beispiel kann der Ausweis nach einem Vergehen nur noch für bestimmte Strecken oder Regionen gültig sein. Möglich sind auch Beschränkungen bezüglich der Höchstgeschwindigkeit oder der Strassen (zum Beispiel keine Autobahnen mehr).

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2017, 17:33 Uhr

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