Axpo hat «Vertiefungen» im Herzen von Beznau I entdeckt

Über seinen Fund hat der Stromkonzern die Öffentlichkeit nicht informiert.

Die letzte Schleuse vor dem Reaktor: Auf dem Bild ist Beznau 2 zu sehen, baugleich zu Beznau 1. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die letzte Schleuse vor dem Reaktor: Auf dem Bild ist Beznau 2 zu sehen, baugleich zu Beznau 1. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Seit bald 900 Tagen steht Beznau I still. Grund für den ungewöhnlich langen Betriebsunterbruch ist ein Fund im Sommer 2015. Damals stiess die Axpo auf «Unregelmässigkeiten» im Stahl des Reaktordruckbehälters, dem Herzstück der Anlage – dort, wo die nukleare Kettenreaktion abläuft. Laut Axpo handelt es sich um Aluminiumoxideinschlüsse, um fehlerhafte Materialstellen also mit einer Grösse von wenigen Millimetern; Kritiker sprechen von Schwachstellen.

Seine Entdeckung teilte der Stromkonzern, der den Nordostschweizer Kantonen gehört, im Juli 2015 der Öffentlichkeit mit. Unerwähnt liess er dagegen einen zweiten Befund im Reaktordruckbehälter. In dessen Stahlplattierung hatten Axpo-Experten während der seit März 2015 laufenden Revisionsarbeiten «einzelne, geringfügige Vertiefungen» registriert, wie die Axpo auf Anfrage bestätigt. Von Kratzern oder Kerben will sie nicht sprechen.

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Hätte Axpo den zweiten Befund über «einzelne, geringfügige Vertiefungen» im Reaktordruckbehälter der Öffentlichkeit mitteilen sollen?




Axpo hatte anderen «Fokus»

Dass sich der Stromkonzern in der Öffentlichkeit über die «Vertiefungen» ausgeschwiegen hat, begründet Sprecher Antonio Sommavilla mit den besonderen Umständen, die damals geherrscht hätten: «Unser Fokus lag primär auf der Kommunikation im Zusammenhang mit den Aluminiumoxideinschlüssen.» Die Umweltorganisation Greenpeace vermag diese Erklärung nicht zu überzeugen: Seit 2015 würden Fakten verheimlicht und Probleme verharmlost, sagt Atomexperte Florian Kasser. Im Beznau-Dossier habe die Axpo jegliche Glaubwürdigkeit verloren.

Der Stromkonzern bestreitet dies. Er versichert, er sei mitnichten untätig geblieben. Sämtliche Auffälligkeiten seien untersucht und bewertet worden. «Auf die Funktion beziehungsweise die Integrität des Reaktordruckbehälters haben die Vertiefungen keine Auswirkungen», resümiert die Axpo. In sicherheitstechnischer Hinsicht seien sie «nicht relevant». Zusätzliche Untersuchungen zeigen laut der Axpo: Selbst wenn die Plattierung der Innenwand gänzlich fehlen würde, wäre die Integrität des Reaktordruckbehälters nicht beeinträchtigt.

Greenpeace-Experte Kasser sagt dazu, es hänge vom Ausmass des Schadens ab, wie gross das Risiko sei. Die vier bis fünf Millimeter dicke Plattierung stelle einen wichtigen Schutz gegen die Korrosion der Stahlwand dar. «Beschädigungen sind problematisch, weil sie das Risiko einer Abnutzung der Stahlwand erhöhen.»

Atomaufsicht sieht kein Risiko

Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) hat Kenntnis vom Fall. Die Untersuchung der Axpo hat sie eigenen Angaben gemäss begutachtet und akzeptiert. Die Befunde hat sie als Vorkommnis bewertet, und zwar auf Stufe 0 der Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES), also der tiefstmöglichen. Die Vertiefungen sind nach Darstellung des Ensi nichts Aussergewöhnliches und waren schon vor 2015 bekannt. Dank verbesserter Messtechnik habe sie die Beznau-Betreiberin 2015 aber erstmals genauer ausmessen können. Zum Vorschein gekommen seien drei bewertungspflichtige Befunde, deren Tiefe etwa die halbe Dicke der Plattierung betrage. Die Vertiefungen, resümiert das Ensi, stellten «keine Beeinträchtigung für den sicheren Betrieb des Reaktordruckbehälters» dar. Die Ursache dafür liege meist in der Herstellung – eine Analyse, welche die Axpo teilt.

Die Axpo rechnet damit, Beznau I am 31. Oktober wieder hochfahren zu können. Im November letzten Jahres hat sie eigenen Angaben gemäss den Nachweis erbracht, dass die Sicherheit der Anlage gewährleistet sei. Das Ensi hat die Prüfung dieses sogenannten Safety Case bis heute nicht abgeschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 23:56 Uhr

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