Geri Müller rief zweimal die Berner Polizei an

Der Grünen-Nationalrat ist von seinen Aufgaben als Stadtammann von Baden vorläufig entbunden worden. Über die Anhaltung seiner Ex-Geliebten durch die Polizei existieren unterschiedliche Versionen.

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Der Badener Stadtammann und Grünen-Nationalrat Geri Müller muss seine Führungs- und Repräsentativaufgaben vorläufig abgeben. Dies habe der Stadtrat bereits am Sonntagabend und zwar gemeinsam und mit Einverständnis von Geri Müller entschieden, sagte Vizeammann Markus Schneider laut der «Aargauer Zeitung» vor den Medien. «Geri Müller hat einen gefassten Eindruck gemacht, obwohl die Situation für ihn natürlich nicht einfach ist und er mit dem Rücken zur Wand steht», sagte Schneider weiter. Müller solle nun Zeit erhalten, um das weitere Vorgehen zu überdenken. Zu gegebener Zeit werde er an die Medien treten.

Müller soll im Stadthaus von Baden Nacktselfies gemacht und an eine Frau geschickt haben. Dies berichtete die «Schweiz am Sonntag». Die Bernerin war laut dem Bericht die Geliebte Müllers gewesen. Gegenüber der Zeitung gab die Frau an, Müller habe sie unter Druck gesetzt, Nacktbilder und Chats von ihm zu löschen. Müller liess hingegen via Anwalt ausrichten, er sei von der Frau unter Druck gesetzt worden. Diese habe gedroht, «Privates an die Medien und Drittpersonen weiterzugeben.»

Frau von Polizei aufgegriffen

Neben der Frage, ob er sich tatsächlich im Stadthaus nackt fotografierte, wird Müller auch erklären müssen, wieso er wegen der Frau die Polizei alarmierte. Am letzten Mittwoch wurde die Bernerin in der Altstadt von Baden von der Polizei angehalten und zur Befragung auf den Posten mitgenommen. Wie Polizeisprecher Nicolas Kessler bestätigt, hatte Müller am Mittwochabend zweimal bei der Berner Kantonspolizei angerufen. Beim ersten Anruf um 20.30 Uhr meldete er, die Frau sei suizidgefährdet. Beim zweiten gab er an, sie sei unterwegs nach Baden. Von Bildern oder Chats sei keine Rede gewesen, sagt Kessler.

Die Beamten in Bern gaben die Meldung auf den zweiten Anruf Müllers hin an die Aargauer Kantonspolizei weiter, welche wiederum die Stadtpolizei Baden informierte. Diese griff die Frau vor einem Haus in der Badener Altstadt auf und nahm sie auf den Posten mit. Eine Suizidgefährdung habe nicht festgestellt werden können, sagt Roland Pfister, Sprecher der Aargauer Kantonspolizei. Ebenso hätten Nachfragen bei der Frau und bei Geri Müller ergeben, dass niemand eine Strafanzeige einzureichen wünsche.

Unklar bleibt, wieso überhaupt die Frage aufkam, dass Müller eine Strafanzeige gegen die Frau einreichen könnte. Sprecher Pfister will dies wie auch die weiteren Einzelheiten der Befragung nicht kommentieren. Laut der «Schweiz am Sonntag» vermutete die Frau, der Stadtammann habe die Stadtpolizei losgeschickt, um ihr das Handy wegzunehmen. Laut Pfister handelte die Badener Polizei aber einzig aufgrund der Meldung aus Bern.

Staatsanwaltschaft sieht keinen Anlass für Verfahren

Wie Radio 1 berichtet, sieht die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft keinen Anlass für ein Strafverfahren gegen Geri Müller. Weder der Straftatbestand der Nötigung noch derjenige des Amtsmissbrauchs sei gegeben.

«Eine Nötigung würde vorliegen, wenn Geri Müller zu der Frau gesagt hätte: ‹Gib mir die Bilder, ansonsten füge ich dir Leid zu›». Dies sei jedoch, gestützt auf die Aussagen der Frau, nicht der Fall gewesen. Da sich der Anfangsverdacht der Nötigung damit nicht bestätigt habe, sehe die Staatsanwaltschaft keinen Grund ein Strafverfahren zu eröffnen, sagte der stellvertretende Leiter der Aargauer Oberstaatsanwaltschaft, Daniel von Däniken dem Zürcher Radiosender.

Anzeige gegen Ex-Geliebte

Müller reichte schliesslich am Donnerstag via Anwalt doch noch eine Anzeige ein, worauf die Berner Polizei eine Hausdurchsuchung bei der Frau vornahm. Laut der «Schweiz am Sonntag» beschlagnahmten die Beamten Telefon und Computer der Frau – weil sie Gespräche mit Müller ohne dessen Einverständnis aufgezeichnet haben will. Der Zeitung gegenüber gab die Frau an, sie habe dies zu ihrem Selbstschutz getan.

Der Berner Polizeisprecher Kessler will weder zum Inhalt der Anzeige noch zu Beschlagnahmungen Auskunft geben.

«Die Bilder liegen mir vor»

Laut Medienrechtler Peter Studer ist das öffentliche Interesse in diesem Fall vorhanden. «Geri Müller ist Nationalrat und Stadtammann von Baden – volksgewählt», sagt er im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Es seien offenbar «nicht jugendfreie» Bilder in Amtsräumen und sogar im Nationalratssaal gemacht worden. Hinzu komme noch die merkwürdige Kriminalgeschichte um seine Ex-Geliebte, die in Baden von der Polizei gestellt wurde.

Die Affäre ins Rollen gebracht hat Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag». Dass er selbst die Geschichte geschrieben hat, ist für ihn «nicht aussergewöhnlich», wie er gegenüber dem Branchenmagazin «Persönlich» sagt. Über seine Quellen spricht Müller nicht, bestätigt aber nochmals: «Ja, die Bilder und die Chat-Protokolle liegen mir vor.» Von Geri Müller habe er – der auch in Baden wohnt – keine Reaktion erhalten.

«Er muss dafür geradestehen»

Kurz mit Geri Müller telefoniert hat Jonas Fricker, Präsident der Grünen Aargau. Mehr, als im schriftlichen Communiqué stehe, habe er ihm jedoch nicht gesagt, sagt er gegenüber Radio SRF. Die Grünen Aargau und das Team Baden würden sich klar vom Verhalten distanzieren, das dem Ansehen und der Integrität der Stadt oder einer Behörde schaden könnte, fügt er an.

Wenn die Vorwürfe stimmten, müsse Müller «die Konsequenzen ziehen», sagte er. Worin diese Konsequenzen bestehen, wollte er gegenüber Radio SRF nicht genauer ausführen. «Wir können niemanden zum Rücktritt zwingen», sagte Fricker nur. Er erwartet, dass Müller selber an die Öffentlichkeit geht, um die Sache aufzuklären. «Er muss dafür geradestehen.»

Die Mutterpartei, die Grüne Partei der Schweiz, erwartet von Nationalrat Geri Müller eine klärende Stellungnahme zu den am Wochenende aufgetauchten Nackt-Selfie-Vorwürfen. Wie es mit seiner politischen Laufbahn weitergehe, müsse Müller gemeinsam mit seiner Kantonal- und Kommunalpartei entscheiden. Intime Fotos im Büro aufzunehmen sei ein Fehler, heisst es in einer Mitteilung der Grünen. Dies gelte umso mehr, wenn es sich um ein Regierungsgebäude handle.

In einer früheren Version dieses Artikels stand, es habe sich um eine junge bzw. 21-jährige Frau gehandelt. Richtig ist: Die Frau ist 33 Jahre alt. (wid/mw/sda)

Erstellt: 18.08.2014, 09:20 Uhr

Umfrage

Ist Geri Müller noch tragbar als Nationalrat und Stadtammann?

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59.6%

Das hängt von den genauen Umständen ab.

 
30%

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