Hintergrund

«Bäumles Aussage ist mehr als fragwürdig»

Nationalrat Martin Bäumle verglich DNA-Tests für Asylbewerber mit dem Judenstempel. Jüdische Organisationen kritisieren die Aussage des GLP-Präsidenten als «hoch problematisch».

Wurde in einer Sonntagszeitung «sehr deutlich»: Martin Bäumle.

Wurde in einer Sonntagszeitung «sehr deutlich»: Martin Bäumle. Bild: Keystone

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Die im Nationalrat gutgeheissene Motion, wonach bestimmten Gruppen von Asylbewerbern DNA-Proben entnommen werden sollen, schlug vergangene Woche hohe Wellen. In den Medien äusserten sich verschiedene Politiker zu dem Vorhaben und äusserten teils heftige Kritik.

In der «Schweiz am Sonntag» kam auch Martin Bäumle, GLP-Nationalrat aus Zürich, zu Wort. «Was ist das Nächste? DNA-Tests für alle Männer zwischen 16 und 40 Jahren, weil diese Bevölkerungsgruppe überdurchschnittlich oft zu Gewalttaten neigt?», fragte Bäumle. «Dann wurde er», schreibt das Blatt, «sehr deutlich»: «Diesem Geist entsprang auch der Judenstempel im Zweiten Weltkrieg.»

Kritik an Bäumles Aussage

Zwischen DNA-Proben und dem Judenstempel eine Verbindung herzustellen, hält Herbert Winter, Präsident des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebunds, für «absolut unpassend». Die Situation der heutigen Asylbewerber mit jener der Juden zu vergleichen, die während des Zweiten Weltkriegs aus dem Dritten Reich flohen, sei nicht angebracht, sagt Winter gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

«Bäumles Aussage ist mehr als fragwürdig», so Winter. «Politiker sollten, selbst wenn Medien schnelle und markante Stellungnahmen wünschen, sich doch zuerst gut überlegen, was sie sagen. Das ist leider häufig nicht der Fall.»

«Es braucht Fingerspitzengefühl und Diplomatie»

Auch Frédéric Weil, Generalsekretär der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, verurteilt die Aussage Bäumles. «Solche Äusserungen sind hoch problematisch und sicher nicht adäquat für einen Politiker», sagt Weil.

Eine solche Aussage könne im politischen Alltag zwar fallen, «sie darf aber nicht», findet Weil. Ein Politiker müsse die nötige Sensibilität haben und sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst sein. «Dazu braucht es Fingerspitzengefühl, Diplomatie und Kenntnis der historischen Begebenheiten.» Hinter einer solchen Aussage stecke immer auch ein Mensch, der denke oder eben nicht denke, sagt Weil weiter. «Leider ist es nicht das erste und wird nicht das letzte Mal sein, dass so etwas geschieht.»

«Aspekte, die sich nicht vergleichen lassen»

Jacques Picard, Schweizer Historiker und Ordinarius für jüdische Geschichte, möchte die Aussage Bäumles nicht auf einer moralischen Ebene beurteilen. «Die Menschen neigen zu Vergleichen», sagt Picard, der auch Mitglied der Bergier-Kommission gewesen war. Vergleiche seien schon «per se hoch problematisch». «Man drückt damit eben nicht nur Vergleichbares aus, sondern auch immer jene Aspekte, die sich gar nicht vergleichen lassen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2013, 12:52 Uhr

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