Bagatelle? Notfall!

Neue Daten zeigen: Die Zahl der Notfallbehandlungen in Spitälern steigt massiv. Dafür gibt es zwei Gründe – und eine Lösung.

Statt zum Hausarzt ins Spital – der Trend bringt die Notfallstationen an die Kapazitätsgrenzen: Eine Ärztin untersucht einen Patienten.

Statt zum Hausarzt ins Spital – der Trend bringt die Notfallstationen an die Kapazitätsgrenzen: Eine Ärztin untersucht einen Patienten. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Grippe, Bauchschmerzen, Übelkeit: Heute rufen viele Patienten wegen Bagatellerkrankungen die Ambulanz. Für die Notrufzentralen bedeute dieser seit ein paar Jahren zunehmende Trend einen Mehraufwand, berichtete SRF 4 News gestern. Dies, weil die Rettungssanitäter zuerst klären müssen, ob ein Krankenwageneinsatz wirklich nötig ist.

Doch nicht nur die Leitungen der Notrufkanäle sind mit Falschalarmen verstopft, auch auf den Notfallstationen der Spitäler stehen Patienten mit nicht dringenden Erkrankungen Schlange. Konkret wird bereits mehr als ein Viertel aller ambulanten Fälle nicht mehr von Hausärzten in deren Praxis behandelt, sondern von Spitälern und Kliniken, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen. 1996 war es noch rund jeder zehnte Fall (vgl. Grafik).

Tagesanzeiger.ch/Newsnet liegen aktuelle Zahlen des Krankenkassenverbands Santésuisse vor. Demnach haben die ambulanten Notfälle in Spitälern zwischen 2007 und 2014 um 43 Prozent zugenommen. Konkret haben letztes Jahr rund 1,2 Millionen Patienten eine Schweizer Notfallstation nach spätestens 24 Stunden wieder verlassen. Eine Untersuchung des Gesundheitsobservatoriums Obsan aus dem Jahr 2013 verdeutlicht, dass besonders ältere und ganz junge Menschen zunehmend Notfallbehandlungen in Anspruch nehmen. Das wirkt sich stark auf die Kosten aus: Gemäss dem ETH-Konjunkturforschungsinstitut KOF sind sie in den letzten 14 Jahren um 120 Prozent gestiegen (vgl. Grafik). 2012 beliefen sich die ambulanten Leistungen in Spitälern und Kliniken auf knapp sechs Milliarden Franken.

Mobilität und Migranten als Gründe

Dass heute viele Patienten mit Bagatellerkrankungen den Weg in die Notfallstation statt zum Hausarzt wählen, hat zwei Hauptgründe. Zum einen ist das Patientenverhalten Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. «Ein grosser Teil der Bevölkerung hat keine persönliche Bindung zu einem Hausarzt mehr», sagt Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn. «Die Patienten sind mobiler geworden, Wohn- und Arbeitsort liegen häufig weit auseinander. Zudem sind sie stärker in den Berufsalltag eingebunden, sodass es heute schwierig ist, Termine bei Hausärzten wahrzunehmen», bestätigt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+. Notfallstationen seien dagegen jederzeit leicht zugänglich.

Zum anderen tragen gemäss Patientenschützerin Margrit Kessler auch ausländische Patienten zu den höheren Fallzahlen bei. «Viele Migranten kennen unser Hausarztsystem nicht und gehen wegen der Sprachbarriere auch mit Bagatellerkrankungen direkt auf die Notfallstation», sagt die GLP-Nationalrätin. Die Spitäler und die Krankenkassen beobachten diese Tendenz gemäss Wegmüller und Rhyn ebenfalls. Jürg Schlup, Präsident der Ärztevereinigung FMH, verweist neben diesen Gründen auf den Hausärztemangel, der die Entwicklung auf den Notfallstationen beeinflusst.

Die integrierte Hausarztpraxis als Zukunftsmodell

Die Zunahme der Konsultationen stellt die Notfallstationen vor grosse Herausforderungen: Sie müssen die Infrastruktur sowie die personellen und finanziellen Ressourcen der steigenden Nachfrage anpassen. Nur wenn sie sich organisatorisch wandeln, sind sie längerfristig für den Patientenstrom gerüstet. Darum sind neue Modelle gefragt, welche die rasche Behandlung der «echten» Notfälle sicherstellen.

Als Lösung etabliert sich zunehmend ein Konzept, bei dem Hausarztpraxen in ambulante Notfallstationen integriert werden. In der heutigen Ausgabe der Spitalzeitschrift «Competence» zieht das Spital Bülach Bilanz über das 2009 eingeführte Modell – und kommt zu einem positiven Schluss. In der Zürcher Unterländer Notfallabteilung werden alle Patienten bereits am Eingang auf die Schwere ihrer Erkrankung geprüft und dann entweder der Notfallpraxis oder -station zugewiesen. Das entlaste grundsätzlich sowohl die Notfallstation als auch die Hausärzte der Region in den Randzeiten, sagt der Leiter der Notfallstation, Christoph Schreen, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Zudem verkürze das System die Wartezeiten für die Patienten.

Doch die Zahl der Konsultationen auf der Notfallabteilung ging nur zu Beginn zurück – letztes Jahr war sie sogar noch höher als vor der Einführung der neuen Praxis (vgl. Grafik). «Eine Notfallpraxis in einem Spital hat eine gewisse Sogwirkung. Patienten machen sich nicht mehr die Mühe, zum eigenen oder zum Notfalldienst leistenden Arzt zu gehen, sondern fahren direkt ins Spital», begründet Schreen die Zunahme.

Trotzdem sehen Spitäler, Krankenkassen, Ärzte und Patientenschützer in diesem Modell die Zukunft. Denn: «Patienten lassen sich schlecht steuern. Wenn sie das Bedürfnis haben, die Notfallstation aufzusuchen, dann muss direkt vor Ort eine Lösung gefunden werden, wie dieser Nachfrage begegnet werden kann», ist Wegmüller überzeugt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.02.2015, 19:33 Uhr

Wo der erste Kontakt hergestellt wird: Telefonzentrale der Notfallstation im Berner Inselspital. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Zwei Drittel der Spitaleintritte von Kindern sind Notfälle

67'800 Kinder wurden 2012 in der Schweiz ins Spital eingeliefert – ein Fünftel davon im ersten Lebensjahr. Die Zahl der Notfälle steigt rasant. Mehr...

So könnte der Ärztemangel behoben werden

Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative wird den Ärztemangel drastisch verschärfen. Ärzte, Spitäler und Patientenvertreter sagen, wie das Problem gelöst werden kann. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...