Studierte sind in der Schweiz bald in der Mehrheit

2020 wird es mehr Personen mit höherer Bildung geben als solche, die nur einen Lehrabschluss oder eine Matur haben. Sinken nun die Löhne?

Die Studierendenzahlen steigen kontinuierlich an: Ein Vorlesungssaal im Hauptgebäude der Universität Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Studierendenzahlen steigen kontinuierlich an: Ein Vorlesungssaal im Hauptgebäude der Universität Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Schweiz entwickelt sich zu einem Land der Hochgebildeten. Bereits nächstes Jahr werden mehr Personen über einen Tertiärabschluss verfügen als über einen Abschluss der Sekundarstufe II. Und ab 2030 wird rund jeder Zweite 25- bis 64-Jährige eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. 2017 waren es noch 43 Prozent.

Demgegenüber sinkt der Anteil Personen, die höchstens über eine Berufslehre oder eine gymnasiale Maturität verfügen, in den nächsten 20 Jahren von 45 auf 40 Prozent. Immer häufiger schliessen sie danach noch eine Tertiärausbildung an. Stabil bei rund 11 Prozent bleibt auch künftig der Anteil jener, die nach der obligatorischen Schule keine weiterführende Ausbildung machen.

Diese Prognosen stellt der Bundesrat in seinem gestern verabschiedeten Bericht zu den Folgen der demografischen Entwicklung für den Bildungsbereich. Der Analyse liegt ein Auftrag der nationalrätlichen Bildungskommission zugrunde. Demnach steigt das generelle Bildungsniveau in der Schweiz in den nächsten 20 Jahren. Das entspreche der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, schreibt der Bundesrat.

Mehr Stellen für Studierte

Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) legen das nahe: So arbeiten 70 Prozent der Personen mit einem Sek-II-Abschluss in Berufen mit einem unterdurchschnittlichen Fachkräftebedarf. Dagegen sind zwei Drittel der Tertiär-Absolventen in Berufen mit überdurchschnittlichem Bedarf tätig. Bereits in den letzten zwölf Jahren habe eine «klare Verschiebung der Stellen» stattgefunden – hin zu Jobs, für die ein Hochschulabschluss erforderlich sei, hält der Bundesrat fest. Die Nachfrage der Unternehmen nach Personen mit einer Hochschulbildung ist gemäss dem Bericht so gross, dass sie nur zu zwei Dritteln mit inländischen Arbeitskräften gedeckt werden kann – zu einem Drittel ist die Wirtschaft auf hoch qualifizierte Zuwanderer angewiesen. Der Bundesrat betont denn auch, dass das «künftige Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage» entscheidend davon abhänge, wie sich die Migration entwickle.

Der Bildungsökonom Stefan Denzler bestätigt die erhöhte Nachfrage der Wirtschaft. Deswegen seien weder die Löhne gesunken noch die Erwerbslosigkeit gestiegen, obwohl die Zahl der Hochschulabsolventen stetig zugenommen habe, sagt der stellvertretende Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Die Entwicklung hin zu mehr Tertiärabschlüssen habe in der Schweiz bereits Ende der 1990er-Jahre mit der Gründung der Fach- und pädagogischen Hochschulen eingesetzt. Zudem habe in vielen Bereichen die Professionalisierung stark zugenommen. «Für viele Berufe, die vor 20 Jahren noch auf Sekundarstufe II ausgebildet wurden, muss man heute eine tertiäre Ausbildung absolvieren», sagt Denzler. Die damit verbundene und häufig beklagte Akademisierung beunruhigt ihn nicht: «Solange der Hochschulbereich nicht am Arbeitsmarkt vorbei ausbildet, ist eine weitere Zunahme der Tertiärabschlüsse nicht problematisch.» Sowohl für Lehrabgänger als auch für Gymnasiasten bestünden je spezifische Anschlusslösungen. Zudem sei das System durchlässig. Einzig bei jenem Zehntel der Bevölkerung, das auch künftig keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II vorweisen wird, sieht Denzler Handlungsbedarf: «Häufig sind Migranten betroffen. Hier muss die Politik Lösungen finden.»

Befürchtete Folgen

Die Wirtschaft beurteilt das ähnlich – auch wenn sie Befürchtungen hegt, die Studie stärke die universitären Hochschulen über Gebühr. «Es wäre eine Fehlinterpretation, wenn man jetzt den universitären Bereich stark ausweiten würde. Nicht jeder braucht einen Uniabschluss», sagt Jürg Zellweger, Ressortleiter Bildung beim Arbeitgeberverband. «Wir sind in der Pflege, Informatik oder Technik auch auf Profis mit einer höheren Berufsbildung angewiesen.» Auch Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes, sorgt sich, dass das heute ausgeglichene Verhältnis der Studierendenzahlen zu einseitig in Richtung universitäre Hochschulen kippen könnte.

Auch dazu liefert der Bericht Prognosen – und eine Ent-warnung. Demnach steigt die Zahl der Studenten in den nächsten 20 Jahren an den universitären Hochschulen um 19 Prozent, an den Fach- und pädagogischen Hochschulen um je 25 Prozent. Was die Studierendenzahlen für die Infrastrukturen der Bildungsinstitutionen bedeuten, konnten gestern weder die Kantone noch die Hochschulen beurteilen: Man müsse den fast 100-seitigen Bericht zuerst vertieft analysieren.

Erstellt: 31.01.2019, 08:27 Uhr

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