«Bank Wegelin ist nicht Opfer – sie ist Täterin»

Ökonom Klaus Wellershoff fordert, dass die Finanzinstitute endlich Ernst machen mit der Weissgeldstrategie.

«Die Politik kann bloss Pflaster auf die Wunden kleben»: Blick von einer Kleinbank auf die Bundeshauskuppel.

«Die Politik kann bloss Pflaster auf die Wunden kleben»: Blick von einer Kleinbank auf die Bundeshauskuppel. Bild: Keystone

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Erneut liefert die Schweiz nach 2009 Bankkundendaten an die USA, erneut zittern die Banken, erneut schlägt die Politik Alarm. Was läuft da genau ab? Sind wir Zeugen eines Wirtschaftskrieges? Oder eines Kniefalls des Bundesrats vor den USA?
Ich mag nicht spekulieren. Die Amerikaner haben jedenfalls ein legitimes Interesse, dass US-Bürger ihre Steuerpflicht erfüllen. Sie setzen darum entsprechende Machtmittel ein, um ihre Interessen durchzusetzen.

Die USA haben ihre Interessen im Fall der UBS schon einmal durchgesetzt und vor zwei Jahren die Herausgabe von 4450 Kundendaten erzwungen. Warum kommen aus den USA trotzdem stets neue Forderungen?
Die USA bestehen darauf – auf legalistische Art und Weise, aber letztlich in ihrer Weltsicht zu Recht –, dass ihre Bürger die geschuldeten Steuern bezahlen. Das ist der Hintergrund.

Aber das ist wohl auch nur ein Teil der Wahrheit. Es stecken sicher auch protektionistische Absichten dahinter.
Dass die USA ihre Bankenindustrie schützen und sich gegenüber den Schweizer Banken besserstellen möchten, ist möglich, aber im aktuellen Fall wenig wahrscheinlich. Zu diesem Zweck müssten in den USA doch schon sehr viele Akteure gezielt zusammenarbeiten.

Sie glauben nicht an eine konzertierte Aktion gegen die Schweiz?
Sehen Sie: Der Bank Wegelin wird vorgeworfen, sie habe US-Kunden geholfen, Gelder vor der US-Steuerbehörde IRS zu verstecken. Das ist allein für die IRS schon Grund genug, hart aufzutreten. Die IRS ist eine mächtige Behörde, sie wird von allen gefürchtet – auch von den Amerikanern selbst. Bei der Credit Suisse, der Basler und Zürcher Kantonalbank und anderen Instituten geht es um noch viel mehr Geld, das die IRS zurückholen möchte. Das dürfte das Hauptmotiv für den aktuellen Konflikt sein.

Faith Whittlesey, ehemalige US-Botschafterin in Bern, kritisierte in der Basler Zeitung, der Bundesrat müsse härter auftreten und thematisieren, dass es auch in US-Bundesstaaten Steuerschlupflöcher gibt. Zu Recht?
Das lässt sich von aussen nicht beurteilen. Wir kennen die Forderungen der USA an die Schweiz nicht im Detail, wir kennen auch nicht die angedrohten Massnahmen, falls die Schweiz die US-Forderungen nicht erfüllen sollte.

In der Schweiz wird eine Globallösung für die Sünden der Banken in der Vergangenheit angestrebt. Ist das ein taugliches Vorgehen – oder eine Illusion?
Den konkreten Einzelfällen würde das wohl nicht gerecht. Aber ich kann mir vorstellen, dass die USA die ansonsten guten Beziehungen mit der Schweiz nicht weiter belasten wollen und sich deshalb auf eine solche Globallösung einlassen. Doch letztlich ist und bleibt das bloss Pflästerlipolitik.

Pflästerlipolitik – inwiefern?
Das Problem ist, dass die Schweiz eine andere Auffassung hat vom Stellenwert des Bankkundengeheimnisses als der Rest der Welt.

Die Schweiz will mit den USA aber ein Steuerabkommen schliessen, mit dem das Bankgeheimnis faktisch aufgehoben würde. Damit würde die Amtshilfe sogar auf Gruppenanfragen ausgedehnt – das ist doch ein recht grosses Entgegenkommen seitens der Schweiz.
Natürlich muss man versuchen, eine pragmatische Lösung zu finden, um den Druck aufzufangen. Aber all diejenigen Personen, die in den Schweizer Banken Verantwortung tragen für langfristige Strategien, dürfen nicht darauf vertrauen, dass die Politik für sie dauerhafte Lösungen erarbeitet. Die Politik kann bloss Pflaster auf die Wunden kleben, damit es nicht mehr so stark blutet. Aber die Strategien ändern, damit wir endlich aus dem Dilemma herauskommen – das müssen die Banken tun.

Nicht die Politiker, die Banken stehen also jetzt in erster Linie in der Verantwortung?
Genau. Derzeit haben wir es mit einem eklatanten Versagen der betroffenen Bank- und Verwaltungsräte zu tun. Für alle Bürger mit gesundem Menschenverstand ist es doch überhaupt nicht nachvollziehbar, dass es – nach all den durchlittenen Problemen mit der UBS – die Bank Wegelin gewagt hat, ihre Produkte auf ehemalige UBS-Kunden in den USA auszurichten. Da können einem die Politiker nur leid tun. Sie werden in Geiselhaft genommen und müssen deswegen Notfallübungen veranstalten. Wenn stimmt, was in den Medien verbreitet wird, müssen wir feststellen: Die Bank Wegelin ist nicht Opfer der US-Behörden – sie ist Täterin. Wobei mir scheint, dass Wegelin schon vor dieser USA-Geschichte nicht sonderlich profitabel war und vielleicht ohnehin Probleme bekommen hätte.

Die Weissgeldstrategie, von der die Banken jetzt sprechen – alles bloss schöne Worte?
So pauschal kann ich das nicht beantworten. Bei gewissen Banken mag das ehrlich gemeint sein, bei anderen nicht. Ich bin sicher, dass es vielen Bankmanagern eine Herzensangelegenheit ist, ein Geschäft zu betreiben, das sich an international gültigen Wertmassstäben misst und nicht bloss an schweizerischen.

Soll sich die Nationalbank schützend vor die Schweizer Banken stellen?
Nein, die Banken müssen ihre Probleme mit den ausländischen Steuerbehörden selber lösen. Die Nationalbank zu instrumentalisieren, damit einzelne Geschäftsbanken ein ethisch zweifelhaftes Geschäftsmodell fortführen können, wäre doch sehr, sehr seltsam.

Wie soll der Schweizer Finanzplatz der Zukunft aussehen?
Ich wünsche mir, dass die Verwaltungsräte der Banken endlich aufwachen! Und dass sie ihrer Verantwortung nachkommen. Diese Debatte wird mir viel zu leise geführt.

Erstellt: 02.02.2012, 10:29 Uhr

Ehemaliger Chefökonom der UBS: Klaus Wellershoff (47), heute Unternehmensberater in Zürich. (Bild: Keystone )

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