Bar jeder Vernunft

Die emotionale Diskussion über die Abschaffung des Bargelds löst Angst- und Abwehrreflexe aus. Hilfreicher wäre es, die Chancen zu sehen.

Auslaufmodell mit hohem emotionalem Potenzial: Bargeld. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Auslaufmodell mit hohem emotionalem Potenzial: Bargeld. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Bargeld ist ein Anachronismus, den abzuschaffen, ein Segen ist? Den Griechen, die am Wochenende in den Warteschlangen vor den Bancomaten standen, muss die Idee absurder vorgekommen sein als die Vorstellung, Wolfgang Schäuble werde jedem von ihnen persönlich aus seinem Portemonnaie über klamme Zeiten hinweghelfen. In Athen ist ein Vorrat an Geldscheinen und Münzen zu einer Überlebensversicherung geworden.

Dabei ist es gar nicht lange her, dass der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger mit seinem Abschaffungsszenario internationales Echo auslöste. Er erklärte, Bargeld hemme nur den Zahlungsverkehr, fördere Steuerhinter­ziehung und Schwarzarbeit. Euros, Dollars und Franken würden darum besser abgeschafft und durch elektronisches Bezahlen mit Kärtchen und Handys abgelöst.

Damals, ein paar Wochen bevor Reisebüros ihren Kunden rieten, sich in den Ferien auf Mykonos lieber nicht auf Visa oder Mastercard zu verlassen, schien Bofingers Vorschlag zwar gewagt, aber eine Diskussion wert. Der Wirtschaftsweise war auch nicht der Erste, der die Idee ventilierte. Ernst zu nehmende Ökonomen wie Harvard-Professor Kenneth Rogoff, der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers und Willem Buiter, der Chefökonom der Citigroup, haben schon ausführlich und eloquent über die Bargeldabschaffung nachgedacht. Eine Versammlung der Notenbanker in Basel diskutierte im Mai den Vorschlag.

Banken fürchten Einkäufe am Kiosk

Warum erhoffen sich Wissenschaftler, Noten- und andere Banker Vorteile vom ausnahmslos bargeldlosen Zahlungsverkehr? Sie nennen drei Gründe. Zentralbanker, die in ihrer Hilflosigkeit schon Negativzinsen eingeführt haben, um das An­häufen von Geld unattraktiv zu machen, fürchten, dass Guthaben in Notenbündel umgeschichtet werden. Diesen kann die schleichende Enteignung durch Negativzinsen nichts anhaben. Die übrigen Banker erhoffen sich vom bargeldlosen Zahlungsverkehr mehr Profit aus Zahlungsverkehrsgebühren. Schliesslich ist jedes am Kiosk gegen Bargeld verkaufte Zigarettenpäckli für die Banken eine entgangene Gelegenheit, mitzu­kassieren. Und zu guter Letzt glauben Ökonomen wie Bofinger an eine Eindämmung von Drogenhandel, Überfällen und anderen illegalen Geschäften, die dunkle Gestalten im Schutz der Anonymität barer Münzen und Noten abwickeln.

Der Beifall für Bofinger war enden wollend und die Kritik absehbar. In der Schweiz setzten sich «Blick» («Wir lassen uns unser Münz nicht wegnehmen!») und NZZ («Bargeld ist geprägte Freiheit») ins selbe Schnellboot publizistischer Empörung. Es mischt den Reflex gegen jede Bedrohung des Althergebrachten mit einem Liberalismus, der in der Anonymität, die das Bargeld bietet, eine Garantie für die Freiheit des Einzelnen sieht. Jedes Hunderternötli ein Freiheitsbrief, jeder Gedanke an seine Ab­­schaffung ein Angriff auf bürgerliche Rechte.

Diese Sicht beruht auf einem Missverständnis: dass Bargeld, und nur Bargeld, Anonymität im Geldverkehr bieten kann. Die elektronische Zahlungsabwicklung legt, so glaubt man, immer eine Datenspur, die sich Banken, Staat oder?– noch schlimmer – Hacker für ihre kommerziellen, staatsschützerischen oder verbrecherischen Zwecke nutzen können.

All das mag heute und in naher Zukunft noch zutreffen. Es wäre aber bar jeder Vernunft zu glauben, dass das so bleiben wird. Die Technik hat schon viele Bedürfnisse befriedigt. Sie wird auch das Grundbedürfnis nach anonymitäts­geschützter Freiheit befriedigen können.

Erste Vorboten sind schon zu erkennen. Möglich ist bereits heute die Ausgabe von Zahlkarten, die keine Rückschlüsse auf die Herkunft zulassen. Noch grössere Bedeutung kommt dem elektronischen Zahlsystem Bitcoin zu. Geschaffen haben es freiheitsliebende Programmierer der globalen Open-Source-­Bewegung. Bitcoin ermöglicht anonyme Zahlungen auf der ganzen Welt. Ironischerweise liegt genau in diesem Umstand eine Hauptkritik an dem neuen Zahlungsmittel: Es lasse die Verschleierung finsterer Geschäfte zu. Was die einen an Banknoten und Münzen preisen, ist anderen an Bitcoin suspekt.

Bargeld schafft sich selber ab

Unabhängig aller Abschaffungsdebatten steuert die technische Entwicklung ohnehin unaufhaltsam auf die Abschaffung des Bargelds zu. Die Banken preisen neue Zahlmethoden via Handy an. Dabei sind ihnen Technologiekonzerne wie Apple schon wieder einen Schritt voraus. Sie machen das Bezahlen mit der Armbanduhr möglich – was im Land der Uhren bald Nach­ahmer finden wird.

Die Geschichte des Fortschritts bleibt beim Bargeld also so wenig stehen wie in allen anderen Lebensbereichen. Aber akademische Debatten über die Abschaffung des Bargelds anzuzetteln, bewirkt genau das Gegenteil der guten Absicht: Sie lösen Angst- und Abwehrreflexe aus. Diese haben beim heutigen Stand der Technik (und des Eurozerfalls) vielleicht noch eine Berechtigung. Längerfristig aber ist es destruktiv, die Vorteile einer Welt ohne Bargeld durch die vorausseh­baren Reflexe der Technikfeindlichkeit und eines fundamentalistischen Liberalismus verschleiern zu lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2015, 23:01 Uhr

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