Barras plötzlicher Tod stellt die Lega vor ein Personalproblem

Nach nur sechsmonatiger Amtszeit ist der Tessiner Staatsrat Michele Barra im Amt verstorben. Der Verlust trifft die Lega hart.

Nach seiner Wahl in den Staatsrat: Michele Barra (r.) neben seinem Vorgänger Marco Borradori im Regierungsgebäude in Bellinzona.

Nach seiner Wahl in den Staatsrat: Michele Barra (r.) neben seinem Vorgänger Marco Borradori im Regierungsgebäude in Bellinzona. Bild: Keystone

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Letzte Woche hatte der 60-jährige Barra seine schwere Krankheit öffentlich gemacht, als er auf die Ausübung seines Amts bis auf weiteres verzichtete. Sein Tod am Sonntag kam gleichwohl überraschend und erschüttert das Tessin. Niemand hatte damit gerechnet, dass er den Kampf gegen den Tumor so schnell verlieren würde. Nach einwöchigem Spitalaufenthalt war er am Freitag nach Hause zurückgekehrt und ist im Kreise seiner Familie in Ascona gestorben. Barra hinterlässt seine Frau und drei Kinder im Alter zwischen 21 und 27 Jahren.

Für die Lega dei Ticinesi ist es der zweite schwere Schlag in diesem Jahr. Im März war Lega-Gründer Giuliano Bignasca überraschend gestorben. Sein Bruder Attilio sprach denn auch von einem Annus horribilis.

Direkte und unkomplizierte Sprache

Barra war erst seit Ende April im Amt und hatte das Bau- und Umweltdepartement übernommen, als Nachfolger von Marco Borradori, der zum Stadtpräsidenten von Lugano gewählt worden war. Sein unkonventioneller Stil hatte Erstaunen hervorgerufen, ihm aber zusehends auch Sympathien eingetragen. Als gelernter Maurer und späterer Bauunternehmer pflegte er eine direkte und unkomplizierte Sprache. Barra wetterte gegen den langsamen Rhythmus der Kantonsverwaltung und unterstützte die Autodemo der Lega auf der Autobahn A 2 Ende Juli gegen die «Landvögte von Bern». Sein Einstand in der Regierung stand allerdings unter keinem guten Stern. Wenige Tage zuvor musste er wegen Trunkenheit am Steuer den Fahrausweis abgeben. «Ich war ein Idiot», kommentierte er sein Verhalten.

Heimliche Videoaufnahmen Barra zeigte keine Hemmungen, sich in departementsfremde Dossiers einzumischen. So präsentierte er im Juli im Rahmen einer Medienkonferenz Massnahmen gegen die «Invasion» von selbstständigen und entsandten italienischen Arbeitern – obwohl für diese Angelegenheit das Wirtschaftsdepartement zuständig ist. Zu diesem Thema hatte er privat eine Studie in Auftrag gegeben. Die Kollegen reagierten pikiert; der Regierungspräsident ermahnte ihn.

Medialer Druck

In den letzten beiden Wochen war Barra im Zusammenhang mit einem mutmasslichen Erpressungsfall unter medialen Druck geraten. Der Besitzer eines von den Behörden geschlossenen Bordells soll versucht haben, Barra mit heimlichen Videoaufnahmen, auf denen ein Mitarbeiter seines Departements zu sehen war, unter Druck zu setzen. Barra hatte sich nach einem Treffen mit dem mittlerweile verhafteten Sexclubbesitzer in einem Brief an seine Regierungskollegen für die Legalisierung von Bordellen ausserhalb von Bauzonen starkgemacht. Von einer solchen Regelung hätte auch das besagte Etablissement profitiert. Das Schreiben liegt bei der Staatsanwaltschaft.

Angesichts des überraschend schnellen Todes von Barra dürfte die vermeintliche Affäre im Bordellmilieu allerdings kaum mehr für Schlagzeilen sorgen. Das Interesse der Öffentlichkeit wird sich auf die Nachfolgefrage konzentrieren. Wer wird neuer Staatsrat? Der Sitz gebührt gemäss Tessiner Proporzsystem der Lega. Eine Ersatzwahl ist nicht vorgesehen. Die Lega kann eine Person nominieren, wenn die Gewählten verzichten. Nach dem Tod von Bignasca und dem Verzicht von Nationalrat Lorenzo Quadri war Barra im April nachgerückt, obwohl er bei den Kantonswahlen von 2011 nur auf dem fünften Platz gelandet war. Nun gibt es keinen gewählte Kandidaten mehr.

Zali möglicher Nachfolger

In dieser Situation befanden sich schon andere Parteien. So wurde Dick Marty (FDP) 1989 Staatsrat, ohne gewählt zu sein. Er beendete damals seine Karriere als Staatsanwalt. Dieses Szenario könnte sich wiederholen, denn bei der Lega gilt der Jurist und Strafrichter Claudio Zali als wahrscheinlichster Nachfolger für Barra. Zali ist allerdings eine umstrittene Persönlichkeit. «Er ist nicht der König der Empathie, aber sehr fähig», sagte selbst Lega-Koordinator Attilio Bignasca. Es zeigt sich einmal mehr: Die rechtspopulistische Bewegung feiert zwar Wahlerfolge. Doch sie hat Mühe, Persönlichkeiten von Statur für die Übernahme politischer Ämter zu rekrutieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2013, 22:00 Uhr

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