Porträt

Baschi, der Profi

Der 35-jährige FDP-Grossrat Baschi Dürr wird am Sonntag zum Basler Sicherheitsdirektor gewählt – als Drogenliberalisierer und Dienstverweigerer.

Erzliberal und seltsam unfassbar: Der Basler FDP-Grossrat Baschi Dürr. (28. Oktober 2012)

Erzliberal und seltsam unfassbar: Der Basler FDP-Grossrat Baschi Dürr. (28. Oktober 2012) Bild: Keystone

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Baschi Dürr denkt schnell, spricht schnell und handelt schnell. Seit er auf der Welt ist, lebt auf der Überholspur: Einschulung ein Jahr zu früh, Matur mit 18, Wirtschaftsstudium mit 22 abgeschlossen, Wahl in den Grossen Rat mit 26, erstmals Vater mit 27, mit 29 Präsident der Finanzkommission, zum zweiten Mal Vater mit 33 und nächsten Sonntagabend gewählter Regierungsrat und Sicherheitsdirektor von Basel-Stadt mit 35. Und auch das nur, weil er sich nach dem Tod seines Parteikollegen Peter Malama nicht dazu entschied, als Nachrückender in den Nationalrat einzuziehen. Nationale Bekanntheit erlangte der Sohn eines Wirtschaftsanwaltes vergangenen Sonntag, als die «NZZ am Sonntag» seine Ankündigung, er werde sich auch als Regierungsrat einen halben Tag pro Woche um Kinder und Wäsche kümmern, auf die Frontseite hievte.

Flexibler Ultraliberaler

Dürr, beruflich als Basler Aussenstation der PR-Agentur Farner tätig, hat einen Coup gelandet: «Natürlich hatte das einen Werbeaspekt.» Nachdem er im ersten Wahlgang schon das beste Ergebnis unter den Nichtgewählten erzielt hatte, wird er im zweiten Wahlgang noch die eine oder andere linke (Frauen-)Stimme einheimsen können. Dass der Entscheid für ein Regierungsratsamt immer ein Entscheid gegen das Familienleben ist, tut da nichts mehr zur Sache.

Das weiss PR-Profi Dürr, der zu seinen Studienzeiten bei einem Lokalradio und der NZZ gearbeitet und das Kunststück geschafft hat, in Basel fast keine politischen Feinde zu haben. Diesen Umstand verdankt er einer gewissen Unfassbarkeit. So ist er gleichzeitig bei der Rüstungsberaterin Farner tätig und als Dienstverweigerer verurteilt, weil er den Offiziersvorschlag nicht akzeptierte. Er redet von Familienzeit, ist aber dagegen, dass ärmere Familien mehr Unterstützung erhalten. Er wird Sicherheitsdirektor, will aber weniger in die öffentliche Sicherheit investieren. Er ist für das Ausländerstimmrecht, aber gegen verstärkte Integrationsleistungen. Er lädt im Wahlkampf zum Biertrinken ein, bezahlt das Bier aber nicht. Und er kann nicht darüber reden, für wen er arbeitet, da ihm sonst die Konkurrenz die Kunden abwerben würde.

Als Erzliberaler ist er gegen jegliche Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten. Er ist für straffreien Drogenkonsum und gegen den EU-Beitritt. Er ist gegen strenge Waffengesetze, will die Wehrpflicht abschaffen und einen Ausbau der Staatsquote verhindern.

Das falsche Departement

Als wichtigste politische Errungenschaft Dürrs gilt die Durchsetzung der Schuldenbremse, die er 2010 mit einer eigens gezimmerten bürgerlichen Mehrheit gegen den Willen der rot-grünen Regierung durchgebracht hatte. Seine Tätigkeit als Präsident der Finanzkommission (Fiko) wird allgemein gelobt. «Dürr hat diese Aufgabe ernst genommen und war immer gut informiert», sagt Ex-Fiko-Kollege und SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Nur die SPler feixen, dass man als Aufsichtskommissionspräsident unter Finanzdirektorin Eva Herzog (SP) nicht viel machen müsse und noch viel weniger falsch machen könne.

Sosehr seine Fähigkeiten als Parlamentarier geschätzt werden, so fraglich ist, ob Dürr im Sicherheitsdepartement glücklich werden kann. Dürr, dessen Führungserfahrung sich nach eigenen Angaben auf das Freelancen bei Farner PR Basel und damit auf «zwischen eine und fünf Personen» beschränkt, muss plötzlich eine Staatsanwaltschaft und ein Polizeikorps von mehreren Hundert Personen führen, das sich einen Sicherheitsdirektor auch als Patron und Identifikationsfigur wünscht.

Dürr umgeht heikle Sicherheitsfragen

Das wird für Dürr nicht einfach, der sich gerne mit dem Satz «Doppelt so viel Polizei gibt nicht halb so viel Kriminalität» zitieren lässt und eher weniger als mehr Geld in die öffentliche Sicherheit investieren will. Erschwerend kommt in Basel eine Öffentlichkeit hinzu, in der sich mit der «Basler Zeitung» und TeleBasel gleich zwei Medien dem Thema Sicherheit verschrieben haben. Diese werden sich am neuen Sicherheitsdirektor Baschi Dürr genauso austoben, wie sie es am scheidenden Hanspeter Gass getan haben. Der gab seinen Rückzug kurz nach einer von der Polizei mitorchestrierten Kampagne gegen ihn bekannt. Dazu Dürr: «Die Wirkung auf die Medien ist in der Politik sehr wichtig, das ist sie immer.» Solche Sätze sagt Dürr oft. Und damit nichts.

SP-Ratskollege Tobit Schäfer kritisiert, dass Dürr zu komplizierteren Geschäften, die anstehen, keine Stellung bezieht. «Nein zu Überwachungskameras und Nein zum Hooligan-Konkordat sind gut, aber wie sieht es mit der Reorganisation der Staatsanwaltschaft aus? Mit der neuen Gerichtsordnung? Wie mit der polizeiunabhängigen Beschwerdestelle?», fragt Schäfer. Und Dürr sagt nichts. Entweder «laufen noch Untersuchungen», oder er möchte «zu konkreten Geschäften noch nichts sagen».

Einen Grossteil der für ihn heiklen Sicherheitsfragen umgeht Dürr im Wahlkampf, weil er gleichzeitig für das Amt des Stadtpräsidenten kandidiert. Zwar bleibt er chancenlos, aber er kann bei öffentlichen Auftritten und in den Medien über die vermeintlichen Versäumnisse Guy Morins (Grüne) reden, statt über Sicherheit. Damit das auch in der letzten Wahlkampfwoche garantiert so bleibt, sagt er: «Ich bleibe schon heute einen halben Tag zu Hause und versuche, dies auch als Regierungsrat zu tun.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2012, 10:13 Uhr

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