Bauer ohne Boden

Der Walliser Bernard Rappaz bezahlte für seinen Kampf zur Legalisierung von Cannabis einen hohen Preis. Der Staat liess seinen Hof verkaufen, nun ist er auf Sozialhilfe angewiesen.

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Es war ein Geschenk der besonderen Art, das die Walliser Justiz Bernard Rappaz kurz vor Weihnachten zukommen liess: eine Rechnung über 44'000 Franken. Heute, ein halbes Jahr später, hängt das Papier noch immer in der Küche. «Das ist angeblich die Summe, die ich der Justiz für meinen letzten Prozess schulde», empört sich Rappaz.

Ginge es nach seinem Willen, bekäme der Staat von ihm keinen Rappen mehr. «Der Staat hat mir alles genommen, was ich hatte», sagt Rappaz. «Er hat meinen Hof und mein Land verkauft und mit dem Erlös meine Schulden getilgt. Heute bin ich arbeitslos und lebe von der So­zialhilfe – zum ersten Mal in meinem Leben.» Dass er der Allgemeinheit auf der Tasche sitzt, ist Rappaz unangenehm. Es hätte nie so weit kommen dürfen, findet er, aber man habe ihm nie die Chance gegeben, seine private Situation selber zu regeln. Aber das erstaunt den 61-Jährigen nicht: «Ich habe versucht, den Hanf zu liberalisieren, darum hat man mich zu einem politischen Gefangenen gemacht.»

Peter Bodenmann, einst Präsident der SP Schweiz und Walliser Staatsrat, geht die Formel «politischer Gefangener» zwar etwas zu weit, aber auch er ist überzeugt: «Rappaz wurde überproportional hart angefasst. In jedem anderen Kanton wäre die Justiz verhältnismässiger mit ihm umgegangen.» Und sein Anwalt Aba Neeman sagt: «Er führte einen ideologischen Kampf und glaubte, die Welt verändern zu können. Das gelang ihm nicht.»

Mit sich und der Welt im Reinen

«Heute bin ich ein Bauer ohne Boden», sagt Rappaz. Körperlich hat er sich gut erholt. Familie und Freunde halten zu ihm. Rappaz erlebt die Leute ganz allgemein als «freundlich und solidarisch». Auf der Strasse bedanken sich Passanten bei ihm mit: «Merci, Monsieur, für das, was Sie für uns getan haben!» Er stellt klar: «Im Moment, in dem ich mich zum Anbau von Hanf entschied, war für mich klar, dass ich dafür notfalls ins Gefängnis gehen würde.»

Den Eindruck, er sei mit sich und der Welt im Reinen, vermittelt Rappaz auch in seiner Autobiografie «Pionnier!», die letztes Jahr im Lausanner Verlag ­Favre erschien. Das Buch schrieb er im Gefängnis. Darin zeichnet er seinen Kampf als Bauer, Umweltschützer, Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivist, Globalisierungskritiker nach – einen Kampf, den er in den 70er-Jahren begonnen hatte und der vor rund sechs Jahren eskaliert war.

Seinen Lauf nahm der Fall Rappaz im November 2008, als ein Dreiergremium des Walliser Kantonsgerichts den Unterwalliser wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilte. Rappaz hatte trotz Verbot Hanf mit einem zu hohen THC-Gehalt angebaut und verkauft. Es schien, als hätten die Walliser Richter mit dem Hanf­bauern Rappaz die Geduld verloren und Härte markieren wollen.Keine Rolle gespielt haben dürfte dabei ein Vorfall, der lange zurückliegt: Im Januar 1985 überfielen Rappaz und ein Freund die Kantonalbank in Saxon und erbeuteten 180'000 Franken, was eine milde Gefängnisstrafe nach sich zog. 2008 ging es einzig und alleine um seinen andauernden Kampf um die Hanf­liberalisierung.

Den Behörden war Rappaz’ Aufbegehren offenkundig lästig. Nur schon die Tatsache, dass er in seiner freimütigen Art verkündete, gelegentlich einen Joint zu rauchen, und der Allgemeinheit empfahl, dasselbe zu tun, empfanden die Gesetzeshüter als Provokation. Dies erst recht, nachdem die Polizei auf seinen Feldern Hanfpflanzen vernichtet hatte – und andernorts bereits neue sprossen.

Rappaz spaltete die Schweiz

Die Strafe von fünf Jahren und acht Monaten Freiheitsentzug akzeptierte Rappaz nicht. Er weigerte sich, ins Gefängnis zu gehen. Doch die Walliser Richter blieben hart. Am 20. März 2010 liess die Justiz Rappaz verhaften und übergab ihn dem Strafvollzug. Rappaz tat sogleich, was er bei früheren Aufenthalten im Gefängnis praktiziert hatte: Er trat in den Hungerstreik. Landesweit berichteten Medien über den hungernden Hanfbauern, der die Schweiz emotional spaltete.

Der Walliser Staatsrat war ratlos, wie er sich verhalten sollte. Eine gesetzliche Handhabe für Häftlinge im Hungerstreik gab es damals (noch) nicht. Die Ärzte signalisierten, zu einer Zwangsernährung nicht bereit zu sein. Worauf die Angst keimte, Rappaz würde sich zu Tode hungern. SP-Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten, damals Justizdirektorin, erinnert sich: «Wenn Bernard Rappaz einen Entscheid gefällt hatte, kommunizierte er ihn eine Viertelstunde später per Medienmitteilung. Die Journalisten belagerten uns mit Fragen, auf die wir zu Beginn keine Antworten hatten.» Der Hungerstreik habe sie «einige Energie» gekostet. Als Rappaz’ Geisel habe sie sich aber nie gefühlt.

Nach 50 Streiktagen brachte man den Häftling aus dem Wallis nach Genf in die Gefangenenabteilung des Universitätsspitals. Esther Waeber-Kalbermatten entschied, ihn in Genf zu besuchen, um ihn vom Hungerstreik abzubringen. Sie sagte sich: «Egal, was passieren wird: So werde ich mir nicht vorwerfen müssen, nicht alles in meiner Macht Stehende getan zu haben, um ihn zu retten.» Eine Stunde lang stand sie am Bett von Rappaz, der bis auf die Knochen abgemagert war. Was der Hungernde der Justizdirektorin damals nicht sagte: Auch wenn er seine Gesundheit aufs Spiel setzte, er hatte nie die Absicht zu sterben. Der Plan war aber riskant. Rappaz hätte jederzeit die Kontrolle über sich selber verlieren können.

Anwalt rechnete mit Tod

Das Hungern erlebte Rappaz als ein «Gefühl, als würde man seinen eigenen Körper verlassen». Jedenfalls hatte er bei jedem Mal, wenn die Krankenschwester in Genf sein Zimmer betrat, den Eindruck, als müsste er zu sich selbst zurückkehren, um sie zu begrüssen.

Wie ratlos die Walliser Behörden im Fall Rappaz waren, zeigen seine Stationen im Strafvollzug. Nach dem Aufenthalt im Universitätsspital Genf durfte er für rund zwei Wochen nach Hause, musste zurück in ein Gefängnis nach Sion, begann im Mai 2010 seinen zweiten Hungerstreik samt dreitägigem Flüssigkeitsentzug, kam zurück nach Genf, wurde im Helikopter ins Berner Inselspital geflogen, konnte wieder nach Hause, musste im August 2010 im Wallis erneut ins Gefängnis, wo er den dritten Hungerstreik ankündigte und 120 Tage lang durchhielt – wobei sich die Ärzte nun definitiv weigerten, ihn zwangsweise zu ernähren. Die Justiz gab sich unnachgiebig, da lenkte Rappaz plötzlich ein und brach den Streik ab. «Ich entschied, zu leben statt zu sterben. Das hatte ich meiner Tochter so versprochen.»

Anwalt Aba Neeman war erleichtert. Er hatte schlaflose Nächte durchlitten, weil er glaubte, sein Klient würde sich umbringen. Einst 90 Kilogramm schwer, wog Rappaz noch die Hälfte. Neeman sagte sich: «Nun liegt alles in seiner eigenen Verantwortung.» Rappaz kommentiert die Aktionen von damals mit dem ihm eigenen Humor: «Ich entschuldige mich, aber ich lebe immer noch.»

Pläne für ein Leben in Nepal

Im August 2012 hatte er die Hälfte seiner Haftstrafe verbüsst. Er begann, tagsüber auf einem Biolandwirtschaftshof in Brig zu arbeiten; in seiner Zelle musste er nur noch die Nächte verbringen. Im Februar dieses Jahres wurde Rappaz auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen und wusste zunächst nicht, wohin er gehen sollte, er hatte ja kein Zuhause mehr. Kurzerhand stellte er drei Wohncon­tainer in einer Lagerhalle auf. Sie gehörten zu einer Firma, an der er beteiligt gewesen war, die aber inzwischen in Konkurs ging. In den ersten Container hat er eine Dusche und WC eingebaut, in den zweiten eine Küche, im dritten schläft er. Es wirkt alles ziemlich improvisiert und wenig komfortabel. Doch Rappaz ist das egal: «Ich habe nie hohe Ansprüche gehabt.» Er schätzt die Einfachheit, ist glücklich, wenn er zum Fliegenfischen in die Berge gehen kann, ohne Wasser und Verpflegung.

Nun will er Neues anpacken. Er spricht vom Plan, nach Nepal zu gehen, wo er schon fünfmal war. Speziell gefallen ihm dort die Toleranz und Offenheit gegenüber Fremden: «Buddhisten, Christen, Hindus und Muslime leben in Frieden zusammen.» Seine Wurzeln würde er jedoch nicht gänzlich kappen wollen. Einmal Bauer, immer Bauer – so versteht sich Rappaz, so sähe er sich auch in Nepal. Noch sind die Pläne aber vage. Der Walliser kann sich vorstellen, Geld zu sammeln, eine NGO zu gründen und eines Tages Quinoa anzubauen sowie Apfel- und Aprikosenbäume zu pflanzen. Er erwägt aber auch, in der Schweiz Fastenseminare abzuhalten, um den Leuten die Angst vor dem Hunger zu nehmen.

Auch Rappaz fragt sich manchmal: Hat sich sein Kampf um die Hanflibe- ralisierung gelohnt? Werden in der Schweiz die Drogengesetze bald gelockert? Wird er gar einmal als Vorreiter für eine neue Drogenpolitik gefeiert? Der Walliser mag nicht spekulieren. Dass gerade aus den USA Zeichen für eine Liberalisierung kommen, hat er nicht erwartet – und es stimmt ihn zuversichtlich.

Bernard Rappaz, Pionnier!, Éditions ­Favre, Lausanne 2013. 386 S. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2014, 07:32 Uhr

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