Beamte geben sich Bestnoten und Lohnerhöhungen

Noch nie wurden die Bundesangestellten von ihren Chefs so gut beurteilt – fast alle kassieren mehr Lohn und hohe Prämien.

Gute Bewertung, besserer Lohn: Für Bundesangestellte gibts eine quasi automatische Lohnerhöhung. Sybmbolfoto: iStock/PeopleImages

Gute Bewertung, besserer Lohn: Für Bundesangestellte gibts eine quasi automatische Lohnerhöhung. Sybmbolfoto: iStock/PeopleImages

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Die tausendfach geführten Gespräche drehen sich um Sachverstand, Teamarbeit und Arbeitsziele. Am Ende setzt der Chef das entscheidende Kreuz ins Formular: Es wird die Höhe des Salärs des Mitarbeiters bestimmen.

Wird die Arbeit eines Bundesangestellten Ende Jahr mit einem «sehr gut» bewertet, folgt eine Lohnerhöhung von drei bis vier Prozent. Beurteilt der Vorgesetzte die Arbeit als «ungenügend», steht eine Lohnsenkung um bis zu vier Prozent zur Debatte.

Doch das ist selten, sehr selten sogar: In den Augen der Führungspersonen des Bundes, der ungezählten Sektionsleiter, Stabs- und Kanzleichefs, ist alles in allerbester Ordnung. Der Bund kann auf eine auffallend tüchtige Belegschaft zählen. Nur 0,3 Prozent der Beschäftigten sind Problemfälle – 96 Prozent erledigen ihren Job gut bis sehr gut und haben deshalb nach den gültigen Reglementen des Bundes eine Lohnaufbesserung zugute.

Die Zahl der lohnrelevanten Bestnoten steigt

Allein letztes Jahr hat der Bund so seinen 38'223 Angestellten nach den Beurteilungsgesprächen 41,6 Millionen Franken mehr Lohn zugesprochen. Durchschnittlich kam jeder auf einen quasiautomatischen Anstieg des Jahreslohns von 1088 Franken – allfällige Teuerungs-, Funktions-, Zusatz-, Arbeitsmarkt-, Orts- und Sonderzulagen nicht eingerechnet. In einigen Fällen lag der Jahreszuschlag bei 7000 Franken und mehr.

Die Zahl dieser lohnwirksamen Spitzenbewertungen ist in der Bundesverwaltung in den letzten Jahren stetig gewachsen. Das zeigt eine Auswertung aller Mitarbeitergespräche und Personalbeurteilungen der Jahre 2015 bis 2018.

So nahm die Anzahl Bestnoten («sehr gut») zwischen 2015 und 2018 um 3,1 Prozent auf insgesamt 17,5 Prozent zu. Die allermeisten Bundesangestellten (2018: 78,5 Prozent) haben die Sitzungszimmer nach dem Gespräch mit dem Chef mit einem ebenfalls einträglichen «gut» (Lohnplus: 1,5 bis 2,5 Prozent) verlassen.

Jetzt wollen Politiker das System umkrempeln

Auffällig ist im Vergleich das Aussendepartement EDA. Unter Vorsteher Ignazio Cassis bewerteten die Vorgesetzten am meisten Angestellte (19,8 Prozent) mit einem «sehr gut». Im Wirtschaftsdepartement – damals unter Bundesrat Johann Schneider-Ammann – bekamen nur halb so viele (9,5 Prozent) die Bestnote.

Auch wegen solch schwer erklärbaren Differenzen steht das in den Augen des Bundesrats «angemessen ausgestaltete» Verwaltungslohnsystem im Parlament immer wieder in der Kritik. Bürgerliche Politiker machen «mangelhafte Beurteilungsschemas» und ein System «wild wuchernder Zuschläge» aus. «In einem Betrieb, in dem kaum jemandem gekündigt werden kann, ist eine Auszahlung für Loyalität und Treue absurd und weltfremd», beanstandete etwa SVP-Politiker Franz Grüter in einer Nationalratsdebatte.

Der neuste Vorstoss – er datiert vom September – kommt aus der Finanzkommission des Nationalrats: Sie hat den Bundesrat damit beauftragt, eine Entkoppelung der Lohnentwicklung von der jährlichen Leistungsbeurteilung zu prüfen. Eine Stossrichtung, die von verwaltungsexternen Fachleuten wie dem Zürcher Personalexperten Matthias Mölleney oder dem Berner Public-Management-Professor Adrian Ritz unterstützt wird. Die Lohnfrage untergrabe oft das Mitarbeitergespräch, sagt Ritz im Interview.

Einige Ämter vergeben Prämien mit der Giesskanne

Eine Auswertung der jetzt offengelegten Daten zeigt, dass es in der Umsetzung des Lohnsystems des Bundes grosse Unterschiede zwischen den Verwaltungseinheiten gibt. Auffällig kulant zeigt sich beispielsweise die in Genf stationierte Zentrale Ausgleichstelle (ZAS). Deren Angestellte sind dafür besorgt, dass AHV- und IV-Renten fristgerecht ausbezahlt werden. Tonnenweise werden im Amt mit über 800 Mitarbeitenden Bescheinigungen eingescannt und Rentenabrechnungen verschickt. Bekannt ist: Die hier Beschäftigten haben deutlich längere Krankenabsenzen als andere Angestellte der Bundesverwaltung. Noch nicht bekannt war: In keiner anderen Verwaltungseinheit wurden die Angestellten so oft mit Bestnoten beurteilt. Über ein Drittel kassierte 2018 ein «sehr gut» (34,7 Prozent). Dieser Wert liegt deutlich über dem Verwaltungsdurchschnitt von 17,5 Prozent.

Auch die Eidgenössische Finanzverwaltung unter Direktor Serge Gaillard ist wenig zurückhaltend, wenn es um die eigenen Saläre geht: 26,9 Prozent der Angestellten wurden mit der Bestnote beurteilt.

Die pflegliche Einschätzung im Mitarbeitergespräch führt heute dazu, dass Bundesangestellte kontinuierlich in der Lohnleiter aufsteigen – bis sie das Maximum ihrer Lohnklasse erreicht haben. Dann ist mit dem Lohn-Automatismus Schluss.

Ist das Lohnmaximum erreicht – bei der Hälfte der Bundesangestellten ist dies heute der Fall –, dienen breit verteilte Prämien als Motivationsspritzen. 20 bis 40 Prozent, in einigen Fällen fast die ganze Belegschaft, profitieren davon.

Eigentlich wären diese Leistungsprämien laut Bundespersonalverordnung für «überdurchschnittliche Leistungen und besondere Einsätze» reserviert. In der Verwaltungswirklichkeit gilt diese Vorgabe kaum. 11'907 Leistungsprämien schüttete der Bund im Jahr 2018 aus – seit 2015 profitierten noch nie so viele von einem solchen Zustupf (33,9 Prozent der Beschäftigten). Das kostete 27,1 Millionen Franken, 1,9 Millionen mehr als im Vorjahr.

Auf 2279 Franken belief sich eine durchschnittliche Prämie. Etliche Amtsstellen bezahlen indessen deutlich mehr. Auffällig grosszügig ist das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF). Mit grosser Regelmässigkeit richtet die Bundesstelle, welche die Schweiz in Steuer- und Finanzfragen gegen aussen vertritt, für Verwaltungsverhältnisse hohe Prämien aus. 2018 waren sie 2,5-mal so hoch wie im Bundesdurchschnitt, nämlich 5667 Franken.

Man arbeite «mit sehr schlanken Strukturen» unter hohem zeitlichen und politischen Druck, heisst es. Entsprechend seien die Leistungen, die im Bereich international versierter Finanz- und Steuerexperten trotzdem nicht mit marktüblichen Löhnen in der Privatwirtschaft mithalten könnten.

Auch das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) hat seinen rund tausend Mitarbeitenden letztes Jahr Prämien im grossen Stil ausgeschüttet. 89 Prozent erhielten 979 Franken aus dem Topf, der eigentlich für Sonderleistungen reserviert wäre. Ähnliches geschah auch zwei Jahre zuvor. «In Anbetracht der hervorragenden Resultate bei dem Kollektivziel» habe man sich dazu entschlossen.

Das Umweltamt ist mit Lob und Geld zurückhaltend

Allerdings gibt es in der Verwaltung des Bundes auch «die anderen», diejenigen, die Bestnoten nur sehr sparsam vergeben: das Bundesarchiv etwa. Hier bekamen im Durchschnitt der letzten Jahre nur 5,3 Prozent der Belegschaft eine Spitzenbewertung. Auch im Bundesamt für Bauten und Logistik (5,1 Prozent) und im Bundesamt für Wohnungswesen (5,3 Prozent) wurden nur einzelne zum Helden der Arbeit gekürt.

Mit Abstand am kritischsten beurteilt werden die Angestellten des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Gerade mal einem Prozent der Angestellten wurde hier mit einer Top-Bewertung die Option auf eine saftige Gehaltserhöhung gegeben. Bescheiden war das Amt auch bei der Vergabe von Leistungsprämien: 2017 gabs praktisch nichts, im Folgejahr weniger als die Hälfte von dem, was beim Bund üblich ist.

Wieso diese Zurückhaltung? Man trage der Tatsache Rechnung, «dass die Löhne der Bundesverwaltung im Vergleich mit der ­Privatwirtschaft in den meisten ­Bereichen konkurrenzfähig sind», schreibt das Amt auf Anfrage. Und: Dass hier Steuergelder eingesetzt werden, «mit denen sorgsam umzugehen ist».



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Erstellt: 15.12.2019, 09:46 Uhr

Das sagen die Ämter

«Das EDA achtet sehr auf eine hohe Qualität der Mitarbeiterbewertungen.»

Carole Wälti, Sprecherin Aussendepartement

«Wir sind ein 24-Stunden Betrieb. Pikettdienste sind im Vergleich zu den anderen
Bundesämtern bei uns Normalität»

Barbara Galliker, Leiterin Kommunikation MeteoSchweiz

«armasuisse Immobilien legt Wert auf eine fokussierte Ausschüttung von Leistungsprämien.»

Jacqueline Stampfli, Stv. Leiterin Kommunikation Armasuisse

«Wir verteilen die Leistungsprämien relativ breit, weil gute Leistungen in Teams erbracht werden.»Eva Gori, Verantwortliche Kommunikation Zentrale Ausgleichsstelle (ZAS)

«Dass jede fünfte Person in einer Organisation sehr gute Leistungen aufzeigt, ist
nicht aussergewöhnlich.»

Stefan Hofer, Armeesprecher

«Im Bereich von international versierten Finanz- und Steuerexperten können wir
nicht mit marktüblichen Löhnen in der Privatwirtschaft mithalten.»

Mario Tuor, Leiter Kommunikation Staatssekretariat für internationale
Finanzfragen (SIF)

«Wir budgetieren seit zehn Jahren immer mit demselben Betrag für
Leistungsprämien.»

Patrick Teuscher, Leiter Kommunikation Eidg. Steuerverwaltung (ESTV)

«Wir haben einen hohen Anteil Personen, welche insbesondere in Projektarbeiten
die Erwartungen übertreffen.»

Philipp Rohr, Verantwortlicher Kommunikation, Eidg. Finanzverwaltung (EFV)

«Wir hielten uns bei der Vergabe der Leistungsprämien immer an die Vorgaben.»

Sonja Uhlmann-Haenni, Leiterin Direktionsstab und Mediensprecherin Bundesamt
für Informatik (BIT)

«Die Entwicklung der Leistungsprämien verläuft klar degressiv und entspricht
unserer heutigen Auffassung der gezielten Honorierung der Leistungen.»

Peter Minder, Leiter Kommunikation Finanzdepartement

«Das System hat klare Nachteile»

Experte Adrian Ritz zum Lohnmechanismus.


Adrian Ritz ist Professor für Public Management an der Uni Bern. Foto: Felix Peter

Herr Ritz, Bundessaläre steigen quasi automatisch. Sind die Löhne im Vergleich so schlecht, dass ein solcher Mechanismus nötig ist?

Die Anstellungsbedingungen in der Bundesverwaltung sind konkurrenzfähig zu denjenigen der Privatwirtschaft. Das gilt insbesondere für untere Funktionsstufen. Zudem ist die Arbeitsplatzsicherheit höher, der Wettbewerbsdruck und die Dynamik sind geringer.

Und bei Fach- und Führungskräften?

Hier hat der Druck des Arbeitsmarkts in den letzten Jahren zugenommen. Der Bund steht in Konkurrenz zu SBB, Post oder Swisscom, aber auch zur Privatwirtschaft. Die Pendlerströme zwischen Bern und Zürich haben den Wettbewerb über den Grossraum Bern hinaus verschärft. Gerade bei der Anstellung von Spezialisten – und davon gibt es in der Verwaltung viele – ist es schwieriger geworden.

Dann ist die heutige Praxis mit sicherer Lohnerhöhung doch genau das Richtige, um konkurrenzfähig zu sein.

Es ist wichtig, dass die öffentliche Hand kein Lohndumping betreibt. Wir brauchen qualifizierte und motivierte Verwaltungsangestellte, sonst nehmen Ineffizienz, Bürokratie und Korruption zu. Das System, das heute angewendet wird, hat aber auch klare Nachteile.

Was soll schlecht sein an regelmässigen ­Lohnerhöhungen? Zufriedenere Mitarbeitende sind doch auch bessere Mitarbeitende.

Nein, nicht primär zufriedenere, sondern engagiertere Mitarbeitende sind besser. Es gibt eben auch resignative Arbeitszufriedenheit. Das heisst, man richtet es sich bequem ein. Nehmen die Arbeitsanforderungen über die Zeit ab und ist der Lohnanstieg eine Selbstverständlichkeit, dann wirkt sich dies negativ aus. Die Verwaltung ist heute aber gefordert. Externe Ansprüche haben zugenommen, die Probleme sind komplexer. Da braucht es leistungsfähige und innovative Mitarbeitende.

Um solche Prozesse zu fördern, richtet der Bund Leistungsprämien aus …

… wobei die Prämienvergabe hinterfragt werden muss. Profitiert ein Drittel der Belegschaft davon, ist zweifelhaft, ob die Prämien sachgerecht eingesetzt werden. Es könnte auch eine Kompensation sein, da viele wegen des automatischen Lohnanstiegs zuoberst am Lohnband anstehen. Dabei könnten gerade Prämien wichtige Anreize darstellen.

Was müsste sich konkret ändern?

Heute untergräbt die Lohnfrage oft das Mitarbeitergespräch. Es spitzt sich auf die Frage zu, ob jemand im nächsten Jahr mehr Lohn zugute hat oder nicht. Eine Möglichkeit ist, Lohnanstieg und Mitarbeitergespräch zu entkoppeln. Dabei muss der regelmässige Gehaltsanstieg nicht völlig verschwinden. Zentral ist, dass Personalgespräche als Instrument genutzt werden, um bei jedem Verwaltungsmitarbeitenden einen Entwicklungsprozess anzustossen.

Martin Stoll

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