«Beim Gestalten der Note bin ich tausend Tode gestorben»

Manuela Pfrunder hat 13 Jahre lang an den neuen Schweizer Banknoten gearbeitet. In grösster Verschwiegenheit.

Die erste Note war die schwierigste: Grafikerin Manuela Pfrunder ist verantwortlich für die neue Notenserie. Foto: Urs Jaudas

Die erste Note war die schwierigste: Grafikerin Manuela Pfrunder ist verantwortlich für die neue Notenserie. Foto: Urs Jaudas

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Frau Pfrunder, haben Sie zufällig eine 1000er-Note dabei? Wir würden sehr gerne einmal eine sehen.
Leider nein. Die brauche ich im Alltag eigentlich nie.

Ist es nicht seltsam, etwas zu schaffen und es nicht zu besitzen?
Das wäre es vielleicht, wenn wir nur die 1000er-Note gemacht hätten. Es war zum Glück eine ganze Serie. Gleichzeitig ist man sich bewusst, dass es einen Unterschied macht, ob man jetzt eine 10er- oder eine 1000er-Note gestaltet. Allein das Gefühl in der Druckerei, wenn die Bogen mit den 1000ern aus der Maschine kommen und man zusammenrechnet, wie viel Geld das jetzt ist …

Muss man sich bei einer Note mit einem höheren Wert auch mehr Mühe geben? Etwas Wertigeres schaffen?
Zuerst war es einfach die zweitletzte Note unserer Serie. Aber man denkt bei der Arbeit schon daran, dass das jetzt 1000 Franken sind, und bemüht sich, sie wertiger aussehen zu lassen. Ich bin eigentlich zufrieden mit dem Resultat. Kürzlich sah ich in einer Gartenbeiz, wie jemand am Nebentisch sein Geld zählte, darunter hatte es auch einen Tausender. Das war schon sehr cool. Die Note schafft es also tatsächlich in die Portemonnaies der Leute!

Sehen Sie in solchen Momenten das Geld oder Ihre Arbeit?
Ich habe sehr lange das Geld nicht als Geld wahrgenommen. Erst als ich im Alltag erlebte, dass die Leute tatsächlich mit diesen Scheinen bezahlen, wurde es auch für mich zu Geld. Während der langen Phase der Gestaltung mit all den Entwürfen hab ich schon manchmal gezweifelt: Das soll tatsächlich unser Geld sein?

«Ich war überrascht, dass dann die meisten Reaktionen recht positiv waren.»

Also waren es lange nur Ihre Banknoten?
Ja. (lacht) Nach Veröffentlichung unserer Wettbewerbsentwürfe dauerte es elf Jahre, bis die Öffentlichkeit unsere weitere Arbeit sah. Weil alles so verschwiegen war, waren es lange nur die Banknoten unseres Teams von Gestaltern, Mitarbeitern der Nationalbank und der Druckerei. Das hat die Arbeit nicht immer einfach gemacht. Es fehlten Aussenperspektiven. Jemand, der mal sagt: Doch, du bist auf dem richtigen Weg.

Wie hält man das aus?
Irgendwie. Die Verzögerungen machten es auch nicht einfacher. Seit sechs Jahren habe ich geglaubt, jetzt dann gleich fertig zu sein. Das zehrt.

Sie haben 13 Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Was lernt man in dieser Zeit über die Schweizer und ihre Beziehung zum Geld?
Schon während der Wettbewerbsphase spürte ich, um was für einen Prestigejob es hier geht. Den Menschen ist es wichtig, wie ihr Geld aussieht. Man gestaltet etwas, das alle angeht, mit dem alle zu tun haben und mit dem alle eine Beziehung eingehen. Die Schweiz dünkt mich in dieser Beziehung schon eher speziell.

Warum ist die Beziehung speziell?
Es ist in gewisser Form eine Liebe zum Geld.


Video: «Ich fühle mich befreit»

Manuela Pfrunder über die Herausforderung, eine Geldnote zu designen – aufgezeichnet im April 2016. Video: Tamedia


Waren Sie sehr nervös, als die erste Note herauskam?
Extrem nervös – gerade weil wir so lange Verschwiegenheit wahren mussten. Als Grafikerin hatte ich schon den Anspruch und auch Stolz, mit meiner Arbeit gefallen zu wollen. Ich war dennoch überrascht, dass dann die meisten Reaktionen recht positiv waren.

In einem Aufsatz auf Ihrer Website wird argumentiert, dass der Glaube ans Geld alle anderen Narrative überlebt hat. Das ist etwas traurig.
Schon!

Stimmt es denn? In einer gottlosen Welt bleibt uns nur noch der Glaube ans Geld?
Es ist jedenfalls zu einer Alternative geworden. Und weil das so ist, machen wir es wenigstens schön!

Es ist schon verrückt, dass wir unser Vertrauen ins Geld nie hinterfragen.
Das ist beängstigend. Vor ein paar Hundert Jahren war man sehr gottesgläubig. Wenn man sich anschaut, welche Auswirkungen das hatte, zum Beispiel Hexenverbrennungen, erst dann merkt man: So einem Glauben, auch jenem ans Geld, haftet etwas Extremes an.

Das ist wahrscheinlich auch ziemlich Schweiz-spezifisch.
Der Glaube ans eigene Geld vielleicht, ja. In eine stabile Währung zu vertrauen, ist immer einfacher. Es gibt ja auch andere Beispiele. Wenn die eigene Währung nicht mehr funktioniert, wie beispielsweise in Venezuela, ist das sehr krass.

«Bei einer Kommunistin musste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich so viel Zeit in Geld investiere.»

Sie sagten mal, Geld an sich sei nicht böse.
Wenn einer, der Millionen hat und diese verschenkt, ist das ja wunderschön. Geld haben ist nicht immer schlecht, es kommt auf den Umgang an. Das Geldsystem hat uns den Wohlstand ermöglicht, wir können dem Geld nichts Böses unterstellen. Und offensichtlich sind wir nicht bereit, darauf zu verzichten.

Weil wir keine Alternativen haben?
Es gibt ja schon Ideen, die dieses System, in dem wir leben, ablösen wollen. Aber bis wir bereit sind, uns auf eine solche einzulassen, muss uns das heutige System wohl noch viel mehr wehtun.

Mussten Sie sich je rechtfertigen, dass Sie so viel Energie, so viele Jahre ins Geld investieren?
Eigentlich nur bei einer befreundeten Kommunistin. (lacht) Alle anderen haben einfach mitbekommen, wie viel ich arbeite, dass ich zu viel arbeite.

Und, was sagte die Kommunistin zu Ihnen?
Sie hat mir eigentlich die Augen geöffnet. Sie sagte: «Ist es das alles wert – fürs Geld?» Sie war die Einzige, die mir diesen Blick gab. Alle anderen fanden, dass Geld ja schon noch wichtig sei.


Video: Wie belastbar ist die 50er-Note?

Gebügelt, gewaschen, zerknittert: Die St. Galler Untersuchungsanstalt Ugra hat brandneue Noten einem Härtetest unterzogen. Video: Tamedia


Sie haben für die Gestaltung als zentrales Symbol eine Hand gewählt, weil sie für alle Menschen steht. Ist das nicht etwas komisch, wenn man sich überlegt, wie ungleich Reichtum in der Schweiz verteilt ist?
Sie meinen, ob das zynisch ist? Vielleicht schon. Aber wie sonst auch gibt es beim Geld Gegensätze, mit denen man leben muss. Auf der 50er-Note ist das Thema Erlebnis abgebildet. Da kann man sich fragen, ob nur jene Menschen angesprochen sind, die überhaupt das Geld haben, sich ein Erlebnis zu leisten. Oder die Handgeste auf der 1000er-Note: Da sieht man einen Handschlag. Das ist vielleicht etwas grenzwertig. Beim Gestalten überlegt man sich solche Dinge schon. Zu zynisch darf es nicht sein.

Sie meinen, weil der Handschlag auf der 1000er-Note etwas Verbindendes zeigt, obwohl Geld Menschen in reich und arm trennt?
Diesen Handschlag kennt man vom Vertragsabschluss. Aber es ist schlussendlich auch eine sehr ehrliche, weil passende Geste für die Tausendernote.

Wie fanden Sie überhaupt das perfekte Handmodell?
Es sollte keine Kinder- oder ältere Hand sein, weil die nicht sehr attraktiv aussehen. Wir wollten eine klassische, schöne, eine archetypische Hand. Also schauten wir im Umfeld, wer sich eignen würde. Es musste eine Person sein, die verschwiegen sein würde – zuerst dachten wir sogar an jemanden von der Nationalbank. Die sind sich Verschwiegenheit gewohnt.

«Die Rückseite der 50er-Note gefällt mir besser als die Vorderseite, sie ist filigraner.»

Jemand, der nicht sagt, dass seine Hand auf der Banknote zu sehen ist?
Genau. Wir wollten in dieser neuen Banknotenserie ja weg von Persönlichkeiten. Wenn das Handmodell dann kommt und erzählt, dass seine Hand zu sehen ist, dann ist die Note wieder mit einer Person verknüpft. Darum mussten die Models auch eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterzeichnen.

Die Hand ist also real?
Es ist eine 3-D-Umsetzung von verschiedenen realen Händen – Männer- wie Frauenhänden. Wir haben jeweils ein Gipsmodell gegossen und 3-D-gescannt. Diese aufwendige Umsetzung hat auch mit der Sicherheit zu tun: So ist es viel schwieriger, die Hand für Falschnoten nachzukonstruieren.

Wenn Sie heute Ihre erste Note, die 50er-Note, betrachten: Was würden Sie anders machen?
(schweigt lange) Die Frage ist ja, was hätte man damals, in jenem Rahmen überhaupt anders machen können. Die Rückseite gefällt mir besser als die Vorderseite, sie ist filigraner.

Haben Sie eine persönliche Rangliste der Noten?
Es gibt schon Ranglisten, aber auf ganz verschiedenen Ebenen. Bei der 200er-Note gefällt mir, dass wir den Urknall und das Cern zeigen konnten. Bei anderen Noten sind wir mit unseren Motivvorschlägen nicht immer durchgekommen, ist die Bildwahl vielleicht etwas neutraler oder traditioneller. Bei der 10er-Note gefällt mir die Feinheit des Uhrwerks, das man eigentlich nur mit der Lupe erkennt. Und mit der 50er-Note bin ich emotional sehr verwachsen, weil sie die erste der Serie war. Beim Gestalten der Note bin ich tausend Tode gestorben – darum ist die 50er-Note heute für mich am lebendigsten.

Erstellt: 12.08.2019, 21:48 Uhr

Ein Prestigeauftrag

Manuela Pfrunder war 26 Jahre alt, als sie einen der prestigeträchtigsten Grafikaufträge in der Schweiz erhielt: die Gestaltung der nächsten Banknotenserie. Elf Jahre lang arbeiteten Pfrunder und ihr Team im Verborgenen, bevor im Frühling 2016 die erste Note präsentiert wurde. Im September, wenn die neue Hunderternote vorgestellt wird, ist ihre Arbeit vollbracht.

Reden über Geld

Macht es glücklich? Oder einsam? Ist es ein notwendiges Übel? Oder lebt man besser ohne? Und warum ist es so ungerecht verteilt? Unsere Sommergespräche widmen sich dem Thema Geld. Alle bereits veröffentlichten Gespräche finden Sie in unserer Collection.

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