«Beim Töten hat die Solidarität eine Grenze»

Die obligatorische Grundversicherung sei dazu da, Leben zu fördern, nicht zu beenden, sagt Elvira Bader. Sie ist Co-Präsidentin des Initiativkomitees «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache».

Elvira Bader engagiert sich an vorderster Front für die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache».

Elvira Bader engagiert sich an vorderster Front für die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache». Bild: Felix Gerber

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Wieso wollen Sie Abtreibungen nicht mitfinanzieren?
Elvira Bader: Weil sie nicht den Grundsätzen der Grundversicherung entsprechen. Das Geld in der Grundversicherung soll verwendet werden, um Leben zu retten, die Gesundheit zu fördern und Krankheiten zu heilen oder zu lindern.

Die Grundversicherung umfasst nicht nur Krankheiten, sondern auch Schwangerschaft und Geburt.
Natürlich, denn auch hier geht es darum, Gesundheit zu fördern und Leben zu retten. Abtreiben hingegen bedeutet in meinen Augen das Töten von Leben. Und das gehört nicht in die Grundversicherung. Beim Töten hat die Solidarität eine Grenze.

Es geht Ihnen also nicht darum, die Prämien zu entlasten.
Doch. Alle jammern über die hohen Prämien der Krankenkassen. Deshalb sollte man Behandlungen, die nicht unbedingt nötig sind, aus der Grundversicherung streichen. Dazu gehören die rund 11'000 Abtreibungen jährlich, die einen Betrag von gegen 10 Millionen Franken ausmachen.

Gibt es weitere Behandlungen, die Sie aus der Grundversicherung streichen wollen?
Ja, zum Beispiel Schönheitsoperationen.

Sollte man ebenfalls die Leistungen bei den Folgen von übermässigem Alkoholkonsum streichen?
Nein, diese entsprechen dem Grundsatz, Krankheiten zu heilen oder zu lindern.

Vor 12 Jahren hat das Volk mit 72 Prozent Ja gesagt zur Aufnahme von Abtreibungen in die Grundversicherung.
Das stimmt. Aber vielen war damals nicht bewusst, dass sie bei jener Abstimmung mit dem Ja zur Straffreiheit bei Abtreibungen auch gleichzeitig Ja zur Übernahme der Kosten durch die Grundversicherung sagten.

Seit dieser Abstimmung blieb die Abtreibungsrate in der Schweiz sehr tief. Wieso sehen Sie trotzdem Handlungsbedarf?
Wir greifen diese Zahlen nicht an und auch nicht die Abtreibungen. Wir wollen das falsche Konstrukt in der Grundversicherung lösen.

Sie wollen also nicht an der Straffreiheit rütteln.
Nein. Wir sind zwar traurig über den Volksentscheid von 2002, aber wir akzeptieren ihn. Wir stellen einzig die Finanzierung infrage. Wir wollen Menschen, die mit Abtreibungen ethische Probleme haben, von der Zwangsmitfinanzierung befreien.

Wenn Sie die Straffreiheit respektieren, müssten Sie als Konsequenz auch akzeptieren, dass Frauen ohne finanziellen Druck entscheiden.
Nein. Heute sind Abtreibungen nicht mehr so teuer. Der Druck ist deshalb nicht so gross, dass er die Entscheidung beeinflussen wird. Vielmehr ist im Falle einer Eigenfinanzierung eine präventive Wirkung zu erwarten, dass nämlich vermehrt auf Verhütungsmittel gesetzt wird.

Sie glauben, bei einem Ja werde es weniger Abtreibungen geben.
Das wäre ein möglicher positiver Effekt. Es gibt Studien aus den USA, wonach es weniger Abtreibungen gibt, wenn sie eigenfinanziert sind. Bei dieser Ausgangslage geht man verantwortungsvoller mit der Sexualität um.

Sie denken, Abtreibungen werden als Ersatz für Verhütung betrachtet.
Verhütungsmittel kosten Geld. Es gibt Fälle, in denen Paare aus finanziellen Gründen auf eine sichere Verhütung verzichten. Wenn man das Geld für die Abtreibungen nicht einfach einsparen möchte, dann könnte man sie für die Prävention einsetzen und Verhütungsmittel damit finanzieren. Das wäre besser.

Es würde bei weitem nicht reichen. Denken Sie, Abtreibungen werden heute zu leichtfertig gemacht?
Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche werden Lifestylegründe für eine Abtreibung anerkannt. Da müsste man doch auch anerkennen, dass es Menschen gibt, die Abtreibungen aus moralischen Gründen nicht mitfinanzieren wollen. Oder denken Sie etwa an ein junges Paar, dessen Kinderwunsch nicht erfüllt wird. Auch ein solches Paar muss mit seinen Krankenkassenprämien Abtreibungen mitfinanzieren. Das finden wir nicht richtig. Frauen, die abtreiben wollen, sind frei und bleiben frei. Die andern, die Mühe haben damit, dass mit ihren Prämien Abtreibungen bezahlt werden, sollen auch frei sein. Deshalb ist die Privatfinanzierung die Lösung.

Welche Ausnahmefälle wollen Sie gelten lassen?
Vergewaltigungen oder schwere Gefährdung des Lebens der Mutter. In solchen Fällen sollen Abtreibungen durch die Grundversicherung finanziert werden, denn dann geht es darum, Leben zu retten. Nämlich dasjenige der Mutter.

Was ist bei einem schwer behinderten Kind?
Das ist kein Ausnahmegrund. In unseren Augen sind nur jene seltenen Fälle Ausnahmen, in denen das Leben der Frau gefährdet ist.

Auch ein Kind, das nicht überlebensfähig sein würde, wäre kein Ausnahmegrund.
Nein.

Elvira Bader (58) war bis 2011 Mitglied des Nationalrates (CVP, SO). Gemeinsam mit Peter Föhn (SVP) und Valérie Kasteler-Budde (EVP) präsidiert sie das Initiativkomitee «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache».

(Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2014, 12:39 Uhr

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