Beim Verkehr ist Klimaschutz rasch effektiv

CO2-Emissionen könnten beim Verkehr kurzfristig schneller reduziert werden als bei Gebäuden und in der Industrie. Helfen könnte besonders ein Umstieg auf Hybridfahrzeuge.

38 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Schweiz stammen vom Verkehr, drei Viertel davon von Autos und Lastwagen. Foto: Urs Jaudas

38 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Schweiz stammen vom Verkehr, drei Viertel davon von Autos und Lastwagen. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auch wenn der öffentliche Verkehr der Schweiz im europäischen Vergleich ausgezeichnet dasteht: Unser Land ist ein Autoland. Rund 38 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen stammen vom Verkehrssektor, davon rund drei Viertel von Autos und Lastwagen, der Rest wird durch den Luft- und Schiffsverkehr verursacht.

Es erstaunt deshalb nicht, dass Konstantinos Boulouchos beim Verkehr einen dringenden Bedarf an Massnahmen sieht, um die Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Der Professor für Energietechnik an der ETH Zürich hat eine europäische Forschergruppe geleitet, die eben in einem neuen Bericht des europäischen Akademien-Verbundes aufzeigt, wie in Europa eine Mobilität ohne Verbrennung fossiler Treibstoffe erreicht werden kann.

Zuerst, was schnell geht

Der Bericht ist quasi eine Anleitung, die an Politiker und Behörden gerichtet ist. Die Liste der Massnahmen, die Bouchoulos gestern im Haus der Akademien der Wissenschaften in Bern präsentierte, ist lang. Die meisten Empfehlungen sind langfristig angesetzt: etwa die Umlagerung des motorisierten Verkehrs auf den Schienen- und den öffentlichen Verkehr oder die Entwicklung synthetischer Treibstoffe als Ersatz für Benzin und Diesel.

Boulouchos ist jedoch wichtig, dass jene Massnahmen prioritär behandelt werden, die relativ schnell in den nächsten 10 bis 15 Jahren umgesetzt werden können – die sogenannten tief hängenden Früchte, wie er selber sagt. Dazu gehören zum Beispiel antriebstechnische Verbesserungen bei Benzin- und Dieselautos und bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Im Gegensatz zu Heizsystemen in Gebäuden, so kommen die Autoren des Berichts zum Schluss, lasse sich die Fahrzeugflotte in Europa innert 20 Jahren erneuern.

Schweiz hinkt hinterher

Die EU hat den technischen Fortschritt in ihren Emissionszielen für neue Personenwagen berücksichtigt. Bis 2021 dürfen Autos in der EU im Durchschnitt 130 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen, dann jedoch gibt es einen deutlichen Schnitt. Für Neuwagen ist im Mittel nur noch ein Ausstoss von 95 Gramm CO2 zugelassen. Die Schweiz wird dieses Ziel übernehmen. Für François Launaz, den Präsidenten der Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure, ist das aber eine Marke, die nicht zu erfüllen sei.

Im letzten Jahr betrug der durchschnittliche CO2 der Neuwagenflotte noch 138 Gramm pro Kilometer – das ist deutlich höher als der EU-Durchschnitt, der unter 120 Gramm liegt. «Eine Verschärfung um mehr als 40 Gramm ist enorm», sagt Launaz. Der Bund erhofft sich mit dieser Massnahme einen Elektroauto-Boom. Dafür fehlten die Anreize, um die teureren Elektrofahrzeuge zuvermarkten, glaubt Launaz. Es brauche ein Modell wie in Norwegen. Auch die Autoren des Verkehrsberichts streichen das norwegische Konzept heraus.

Norwegens Regierung hat als Anreiz verschiedene Ermässigungen und Erleichterungen eingeführt. So sind Käufer von emissionsarmen Autos von der Strassenabgabe befreit. Sie können gratis parken und die Busspur benützen. Wer sich für ein reines Elektroauto oder ein Plugin-Hybrid-Fahrzeug entscheidet, dessen Batterie am Stromnetz aufgeladen wird, erhält einen zusätzlichen Bonus. Damit will die Regierung die Autowahl beeinflussen. Bisher ist das offensichtlich bestens gelungen. Das Konzept ist so erfolgreich, dass die Nachfrage in Norwegen derzeit viel grösser ist als das Angebot an Elektroautos.

Zu früh für Elektroautos

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen der EU und Norwegen. Im skandinavischen Land stammt der Strom praktisch ausschliesslich aus Wasserkraftwerken. In der EU hingegen gibt es einen grossen Anteil an Kohlestrom im Netz. Auch in der Schweiz fliesst teilweise Kohlestrom. Das heisst: Solange Kohlekraftwerke Strom liefern, käme ein Boom der reinen Elektroautos in Europa zu früh.

«Elektrifizierung ist das Ziel, aber derzeit würde eine Hybridisierung mehr Sinn machen», sagt ETH-Wissenschaftler Konstantinos Boulouchos. Er empfiehlt deshalb, sich bei einem Autoneukauf sorgfältig über Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge zu informieren. Diese Autos würden derzeit emissionsmässig am besten abschneiden. Mit einer Hybridisierung würde man laut Boulouchos etwa 25 Prozent Treibstoff einsparen.

Erstellt: 06.04.2019, 08:33 Uhr

Artikel zum Thema

Achtung, grüne Hitzköpfe!

Leitartikel Wer unrealistische Klimaziele setzt, spielt jenen Kräften in die Hand, die den neuen Schwung im Klimaschutz ausbremsen wollen. Mehr...

Grüne Welle erfasst Luzern und das Baselbiet

Der Zürcher Klima-Trend wird bei den Parlaments- und Regierungswahlen in beiden Kantonen bestätigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...