Bern im Ausnahmezustand

Der französische Präsident François Hollande hatte bei seinem Empfang in der Berner Innenstadt einen volksnahen Auftritt.

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Eine fiebrige Spannung liegt in der Luft. Schon eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des hohen Gastes drängen sich die Menschen um den abgesperrten Berner Münsterplatz. Den französischen Präsidenten aus nächster Nähe sehen – diese Gelegenheit ergibt sich schliesslich nicht alle Tage. Rentnerinnen, Schüler, Herren in Anzügen, junge Mütter, asiatische Touristen: Alle wollen sie einen Blick auf François Hollande werfen. Und so stehen die Wartenden dicht an dicht, während die Militärkapelle für die musikalische Dramaturgie sorgt.

Die ganze Berner Innenstadt ist im Ausnahmezustand. So weit das Auge reicht, bevölkern Polizisten die engen Gassen zwischen Bundes- und Rathausplatz. Anwohner wurden zuvor brieflich angewiesen, aus Sicherheitsgründen Fenster, Balkontüren und Dachluken geschlossen zu halten. Die Strassen sind für den Verkehr gesperrt, Busse und Trams haben den Betrieb eingeschränkt. Auch die Anspannung der Sicherheitskräfte ist spürbar; auch sie erleben eine solche Situation nicht jeden Tag. Kommt hinzu, dass die tödlichen Terroranschläge in Paris, von wo der hohe Besuch angereist ist, erst drei Monate zurück liegen.

Eine symbolträchtige Taube

Und dann wird es plötzlich andächtig ruhig auf dem sakralen Schauplatz. Die Militärkapelle ist verstummt, die vielen Stimmen flüstern. Die von der Polizei eskortierte Wagenkolonne fährt vor. Die Menge reckt die Köpfe, Handys werden in die Höhe gestreckt, die Temperatur unter den Lauben steigt. Symbolträchtig fliegt just in dem Moment eine Taube quer über den Münsterplatz – keine weisse zwar, aber schliesslich herrscht ja nach den fiskalpolitischen Streitereien auch wieder diplomatisches Tauwetter zwischen der Schweiz und Frankreich.

Die nun folgende feierliche Zeremonie entlöhnt die Schaulustigen für ihre Wartezeit: Die Militärkapelle spielt die französische und die Schweizer Nationalhymne. François Hollande und seine Delegation steigen aus den Wagen und werden auf dem roten Teppich vom Gesamtbundesrat begrüsst. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga schreitet mit dem französischen Präsidenten die Ehrengarde ab. Für einen Soldaten in der Formation ist dies indes zu viel der Aufregung: In der brütenden Sonne kippt er um. Ein Kamerad kümmert sich sofort um den Mann, dem es später wieder besser geht. Bereits morgen wird er wieder bei einer anderen Ehrenformation für den französischen Präsidenten teilnehmen können.

Winkend durch die Altstadt

Trotz des strengen Zeremoniells: Es ist ein überaus volksnaher Auftritt der Spitzenpolitiker beider Länder. Staatsempfänge finden üblicherweise auf dem Bundesplatz statt und werden danach im Bundeshaus fortgesetzt. Wegen Bauarbeiten wurde Hollands Besuch um ein paar Strassen auf den Münsterplatz verlagert. Für den zweiten Teil des Empfangs – ihre offiziellen Ansprachen – spazieren Sommaruga und Hollande darum winkend durch die Berner Altstadt, ehe sie im Rathaus verschwinden.

Das kommt gut an in der Bevölkerung. «Jetzt konnte ich dem François quasi die Hand schütteln – wenn ich das schon bei Berlusconi nie konnte», witzelt ein älterer Herr. Und eine Frau mittleren Alters raunt ihrer Kollegin zu: «Er sieht ja so gut aus, der François!» Ja, der François. Das Publikum bevorzugt es offenbar, den französischen Präsidenten beim Vornamen zu nennen. Sowieso: Die Berner scheinen Hollande wohlgesinnt. Keine abfällige Äusserungen sind zu hören, keine Zwischentöne, Respekt allenthalben. Ob die Stimmung auch politisch so freundlich bleiben wird, wird sich nun bei den offiziellen Gesprächen der beiden Länderdelegationen zeigen.

Erstellt: 15.04.2015, 17:18 Uhr

Zweitägiger Staatsbesuch

Der französische Präsident François Hollande absolviert während seines zweitägigen Staatsbesuchs in der Schweiz ein dichtes Programm. Nach dem Empfang in der Berner Innenstadt führten die beiden Länderdelegationen offizielle Gespräche. Auf der Schweizer Seite nahmen neben Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auch die Bundesräte Johann Schneider-Ammann, Didier Burkhalter, Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf teil. Hollande wurde von Finanzminister Michel Sapin, Umweltministerin Ségolène Royal sowie Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem begleitet. Am Abend findet ein Galadinner statt.

Morgen wird Hollande gemeinsam mit Bundespräsidentin Sommaruga Bildungsinstitutionen und Unternehmen in der Region Zürich und in Lausanne besuchen.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich waren in den letzten Jahren angespannt. Fiskalpolitische Differenzen trübten das traditionell gute Einvernehmen. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga bezog sich in ihrer Ansprache im Rathaus denn auch auf das «von Spannungen geprägte, zeitweise etwas unterkühlte» Verhältnis der jüngeren Vergangenheit. Sie gab sich aber optimistisch, dass Hollandes Besuch «die Ouverture für eine neue Phase vertrauensvoller, freundschaftlicher und herzlicher Beziehungen» sein könne.

Eines der meistdiskutierten Themen des Staatsbesuchs wird die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative sein. Darauf bezog sich Hollande bei seiner Ansprache: Die Schweiz teile die europäischen Werte und Projekte – aber auf unabhängige Art und Weise, sagte er. «Ich akzeptiere diese Wahl.» (rbi)

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