Bern weibelt beim Parlament mit Freikarten

Damit sie die Bundesmillion nicht streichen, will Bern nationalen Politikern die eigenen Kulturhäuser schmackhaft machen.

Parlamentarier sollen hier «erleichterten Zugang» erhalten: Szene eines Theaters in der Berner Dampfzentrale.

Parlamentarier sollen hier «erleichterten Zugang» erhalten: Szene eines Theaters in der Berner Dampfzentrale. Bild: Jürg Müller

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Eine Million Franken bekommt die Stadt Bern jedes Jahr vom Bund, weil sie die Bundesstadt ist und somit besondere Leistungen erbringt. Der Bundesrat will diesen Beitrag streichen. Der Aufschrei war gross, als dies bekannt wurde. Denn die Million kommt den Berner Kulturinstitutionen zugute, etwa Konzert Theater Bern (KTB) oder der Dampfzentrale. Im Dezember entschied der Nationalrat, dass die Stadt Bern die Million für das Jahr 2018 noch bekommt – die Zukunft der Bundesmillion ist aber ungewiss. Ende Juni diskutiert der Bundesrat das Budget für das kommende Jahr.

Darum will die Stadt nun bei den Bundespolitikern für die Erhaltung der Million lobbyieren. Im Entwurf der städtischen Kulturförderung (siehe Box) schreibt die Stadt, es müssten besondere Anstrengungen unternommen werden, etwa mit einem «speziellen Angebot für Parlamentarierinnen und Parlamentarier, mit dem sie die Kulturveranstaltungen in Bern erleichtert nutzen können».

Bilder: Kulturförderung in Bern

Der Stadtpräsident und Alt-Nationalrat Alec von Graffenried (GFL) kann sich vorstellen, dass man die Politiker an ein Konzert des Berner Sinfonieorchesters (BSO) einlädt oder «erleichterten Zugang» zu bestimmten kulturellen Anlässen gewährt. Zudem wolle man die National- und Ständeräte besser darüber informieren, was in der Stadt kulturell los ist, wenn sie sich in Bern treffen. Von Graffenried weiss aus persönlicher Erfahrung, wie viele Einladungen Parlamentarier während der Session in Bern erhalten: «Nahrung für die Seele bekommt man aber nicht überdurchschnittlich viel.»

Dampfzentrale unterstützt Lobbyarbeit

Eine Institution, die von Bundesgeld profitiert, ist die Dampfzentrale. Seit 2014 erhält sie Unterstützung aus dem Topf, allein letztes Jahr waren es 80'000 Franken. Dieses Geld möchte man dort nicht missen. «Wir haben der Stadt bereits mitgeteilt, dass wir sie bei der Lobbyarbeit im Parlament mit allen Kräften unterstützen werden», sagt SP-Grossrätin und Dampfzentrale-Präsidentin Nicola von Greyerz. Sie könne sich gut vorstellen, die Parlamentarier an eine Vorstellung in die Dampfere einzuladen.

«Die Parlamentsmitglieder sollen erfahren, wie viel Bern kulturell zu bieten hat.»Margret Kiener Nellen, SP-Nationalrätin

«Das muss aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen geschehen, die von den Geldern profitieren», sagt von Greyerz. Denn auch Konzert Theater Bern bekommt 400'000 Franken, das Historische Museum 95'000, die Kunsthalle 60'000 Franken aus der Bundesmillion. 350'000 Franken gehen an das Fördergefäss Hauptstadtkultur der Stadt. Die Leitungen der betroffenen Institutionen hätten sich bereits getroffen, um das gemeinsame Vorgehen zu besprechen, bestätigt von Greyerz.

Theaterbesuch sei «illusorisch»

Doch haben die Politiker Zeit, neben der Sessionen in Bern ins Theater, Ballett oder Kabarett zu gehen? Thierry Burkart, Aargauer Nationalrat der FDP, verneint. Er sitzt seit 2015 im Rat, kennt aber weder das Stadttheater noch die Dampfzentrale von innen. «Ich habe während der Session sehr viele Einladungen.» Abends besuche er politische Veranstaltungen und Apéros, um sein Netzwerk zu erweitern: «Es ist illusorisch zu glauben, dass sich viele Parlamentarier finden lassen, die abends noch ins Theater gehen», sagt Burkart.

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Anders sieht es die Berner SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen. Sie könne sich durchaus vorstellen, ihre Kollegen einen Abend beispielsweise in die Dampfzentrale mitzunehmen, sagt sie. «Es gibt auch immer wieder Einladungen zu Kinopremieren während der Session.» Da könne man auch einmal ins Theater oder Konzert: «Die Parlamentsmitglieder sollen erfahren, wie viel Bern kulturell zu bieten hat.» (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2018, 17:20 Uhr

2,3 Millionen mehr im Topf

Gemäss ihrer Vierjahresplanung will die Stadt Bern ab 2020 die Kulturausgaben um 7 Prozent steigern. Das Wachstum der Stadt erlaube eine Erhöhung, steht im letzte Woche veröffentlichten Papier der Stadt. In der nächsten Periode will die Kulturabteilung der Stadt 2,3 Millionen Franken mehr ausgeben als bisher, das Budget für das Jahr 2018 sieht über 36 Millionen Franken vor.

Von einer Erhöhung profitiert etwa das Theaterfestival Auawirleben. Der Beitrag der Stadt soll fast verdoppelt werden, künftig könnte der Theateranlass auf 600'000 Franken hoffen. Auch die Dampfzentrale und das Schlachthaus bekommen mehr Subventionen: 250'000 Franken mehr als bisher erhält die Leitung der Dampfzentrale, damit der Ort noch besser genutzt werden kann, schreibt die Stadt.

Das Schlachthaus-Theater bekommt künftig Subventionen in der Höhe von 1,4 Millionen Franken, fast 100'000 Franken mehr. Gleich bleibt der Betrag an die Reitschule. Die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) erhält zur Deckung von Miete und Nebenkosten jährlich wie bisher 380'000 Franken.

Die Vernehmlassung zur Vierjahresplanung dauert bis zum 2. Juli. Danach wird das Geschäft überarbeitet und dem Stadtrat unterbreitet.

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