Berset lässt psychisch Kranke zappeln

Für Arme ist es schwierig, eine Psychotherapie zu erhalten. Schuld ist eine umstrittene Regel des Bundes.

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Wenn die Rentnerin K. von ihrer Kindheit im Kanton Zürich erzählt, ist ihre Stimme trocken und brüchig wie Gips. Vernachlässigung. Seelischer Missbrauch. Sexueller Missbrauch. Ihre Traumatisierung ist so schwer, dass sie eine IV-Rente erhält. Seit Dutzenden Jahren befindet sie sich in Psychotherapie. Sie sagt: «In meinem Leben dreht sich alles nur um meine Vergangenheit.»

Nun ist es die Zukunft, die ihr Angst macht. Nur noch bis Ende Jahr bezahlt ihr die Krankenkasse den Besuch bei ihrer Therapeutin. Anschliessend müsste Frau K. die Sitzungen aus dem eigenen Sack berappen. Doch dazu reiche ihre kleine Rente nicht, sagt K. Zugleich sei es schwierig, eine neue Therapeutin zu finden, bei der die Grundversicherung die Behandlungskosten übernehmen würde. «Mich noch einmal auf die Suche zu machen, dazu fehlt mir die Kraft. Ich mag nicht mehr», sagt K.

Beschränkte Therapieplätze

In der Schweiz gibt es viele Personen, die K.s Probleme teilen. Sie haben zwar Anspruch auf eine durch die Grundversicherung gedeckte psychotherapeutische Behandlung. Und doch fallen sie durch die Maschen, wenn sie Hilfe benötigen. Der Grund ist in den Tiefen der Gesetzgebung zu finden. Die obligatorische Krankenkasse übernimmt die Kosten einer Psychotherapie nur dann, wenn ein Therapeut bei einem Psychiater, also einem Arzt mit psychiatrischer Fachausbildung, angestellt ist. Man spricht vom Delegationsmodell. Als die Politik diese Zugangsbeschränkung in den 90er-Jahren einführte, wollte sie einen Wildwuchs an kassenpflichtigen Therapieangeboten verhindern.

Das Delegationsmodell hat aber gewichtige Nachteile. Die Zahl der Therapieplätze ist beschränkt und die psychotherapeutische Grundversorgung namentlich für Kinder und Jugendliche sowie im ländlichen Raum ungenügend, wie eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Studie im Herbst 2016 feststellte. Hinzu kommt eine soziale Selektion. Wirtschaftlich besser gestellte Patienten sind eher in der Lage, selbst oder mit einem Beitrag ihrer Zusatzversicherung für ihre Psychotherapie aufzukommen. Wer wenig Geld hat, muss warten und suchen, bis er einen der raren «delegierten» Therapieplätze erhält. Diesen Zusammenhang bestätigte auch die erwähnte Studie.

Nur mit einem Systemwechsel erhielten ärmere Menschen leichteren Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten. Foto: Alamy

Kritiker monieren, die hohen Zugangshürden für Psychotherapien wären längst nicht mehr erforderlich. Das Parlament hat bereits 2013 konkretisiert, unter welchen Voraussetzungen Psychologen für die Grundversicherung tätig sein dürfen, und damit den Weg geebnet für einen Wechsel vom Delegationsmodell zum offeneren Anordnungsmodell, das etwa auch bei Physiotherapeuten Anwendung findet.

Obwohl dieser Wechsel eine administrative Formsache ist, blieb Gesundheitsminister Alain Berset untätig. Als Ständerat Joachim Eder (FDP, ZG) im Parlament darauf drängte, den Schritt zum Anordnungsmodell zu vollziehen, stellte Berset einen Entscheid im Herbst 2016 in Aussicht. «Auf diesen Entscheid warten wir bis heute», sagt Eder. Dieser Stillstand sei unverständlich. «Berset lässt jene, die von den Nachteilen der delegierten Psychotherapie betroffen sind, im Ungewissen. Und er nimmt in Kauf, dass sich die psychotherapeutische Unterversorgung auf dem Land, von Kindern, Jugendlichen und sozial Schwachen sogar noch verschärft.»

Eine Zweiklassenmedizin?

Auch die Geduld der Psychologen geht zur Neige. Der Entscheid für eine Verbesserung der Versorgung sei überfällig, sagt Sabine Schläppi, Geschäftsleiterin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen. Der Umstieg zum Anordnungsmodell sei vom Bund durch immer neue Gründe verzögert worden. «Bei körperlichen Leiden wäre eine solche Hängepartie kaum vorstellbar. Es scheint, als würden psychische Leiden immer noch nicht als gleichwertig gelten. Der Unmut bei den Psychotherapeuten wächst. Und die Versorgungssituation bleibt insbesondere für sozial Schwache ungenügend.»

Von einer Zweiklassenmedizin will man im BAG aber nichts wissen. Man sei daran, die Resultate von Studien zu analysieren und vertiefte Abklärungen zu treffen, sagt ein BAG-Sprecher. Nach diesen Abklärungen soll ein Entscheid über einen Wechsel vom Delegations- zum Anordnungsmodell getroffen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 23:22 Uhr

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