Besuch beim Sex-Guru

Tief im Solothurnischen wirkt Psychiater Samuel Widmer als Oberhaupt einer 200-köpfigen Gemeinschaft. Er sagt, ohne Freiheit der sexuellen Kraft gebe es keine spirituelle Entfaltung.

«Die Erforschung der Inzestproblematik ist mein Vermächtnis an die Welt», sagt Samuel Widmer, hier auf einem Bild von 2006. Foto: Mara Truog

«Die Erforschung der Inzestproblematik ist mein Vermächtnis an die Welt», sagt Samuel Widmer, hier auf einem Bild von 2006. Foto: Mara Truog

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Im beschaulichen Solothurner Dorf Lüsslingen-Nennigkofen steht die Welt kopf. Hier ist eine schillernde Figur der heimliche Dorfkönig: Der 66-jährige Psychiater Samuel Widmer hat im ­einstigen Bauerndorf die spirituelle Kirschblütengemeinschaft mit schätzungsweise 2000 Anhängern aufgebaut und lebt mit 2 Frauen und 11 Kindern in zwei benachbarten Häusern. Rund 200 Kirschblütler – viele von ihnen aus Deutschland – leben inzwischen im 1000-Seelen Dorf, wo sie Häuser gekauft und Wohnungen gemietet haben. Seither hängt der Dorfsegen schief.

Widmer, der in den Medien gern als Sex-Guru betitelt wird, hat ein altes Bauernhaus umgebaut. Hier hat er seine therapeutische Praxis eingerichtet, im grossen Raum darüber finden in den Augen vieler Dorfbewohner Sodom und Gomorrha statt: Bei den Tantra-Kursen treffen sich hier die Kirschblütler, meist nackt, bei den Psycholyse-Therapien konsumieren die Grossgruppen psychoaktive Substanzen. Früher setzten sie mit dem Segen des Bundesamts für Gesundheit LSD und Ecstasy ein, heute pharmazeutische Mittel. Die freie Liebe ist ein wichtiger Teil seines spirituellen Konzeptes.

In den warmen Jahreszeiten fährt der meist indisch gekleidete Widmer mit seiner Rikscha, einem dreirädrigen Gefährt aus Indien, vor. Hier empfängt der spirituelle Lehrer seine Klienten, mehrheitlich seine Anhänger, zur Psychotherapie. Oft geht es beim Gespräch um Inzestfragen.

Jugend im Sektenmilieu

Widmer wuchs in einem eigenartigen, inzestuösen und sektiererischen Klima des Evangelischen Brüdervereins Zuchwil SO auf, einer strengen Freikirche, wie er selbst sagt. Sein Grossvater war der Prediger. In der vierten Klasse sei er das schwarze Schaf gewesen und vom Lehrer gedemütigt, gezüchtigt und verprügelt worden. Bis er der Dümmste gewesen sei, dick und dumm.

Das fromme Leben in der prüden Freikirche hat Widmer nachhaltig geprägt. Er studierte Medizin und wurde Psychiater. Bald flüchtete er aus dem christlichen Gefängnis und befasste sich mit esoterischen und spirituellen Phänomenen. Seine Vorbilder waren Sigmund Freud und der spirituelle Lehrer Krishnamurti. Er sah sich zu Höherem berufen, suchte eine Synthese zwischen spirituellen und sexuellen Ideen, angereichert mit psycholytischen Versatzstücken. Damit faszinierte er spirituelle Sucher, die sich von ihm therapieren liessen. Das war der Grundstein für die Entwicklung seiner heutigen Gemeinschaft.

Widmer erinnert inzwischen tatsächlich an einen Guru. Er wirkt behäbig und spricht bedächtig, aber in der Wortwahl präzis. In seinen Büchern präsentiert er sich als spiritueller Meister und Weltenlehrer, der die Weltformel sucht, also die «letzten Ursachen der Dinge», die «ultimative Wahrheit, die unser ganzes Sein erklären», wie er im Buch «Wer heilt, hat recht» schreibt. Er findet diese Formel angeblich immer wieder. Verschiedene Aussteiger bestätigen dem «Tages-Anzeiger», der Personenkult um Widmer nehme immer mehr messianische Züge an.

«Ich bin der ewige Jude»

Und doch leidet Widmer darunter, dass die Welt zu wenig Notiz nimmt von ihm. «Ich bin der ewige Jude», schreibt er. Es sei sein Schicksal, der Neger, der Indianer, der Ausgestossene zu sein. «Genialität darf höchstens posthum attestiert werden», klagt er. Im Gespräch ergänzt er, er sei überzeugt, dass seine Arbeit in 200 Jahren ganz anders beurteilt werde.

Damit meint der Psychiater vor allem seine Ideen zum Thema Inzest. Für ihn und seine Anhänger sind sie der Schlüssel zur Errettung der Welt, für seine Kritiker hingegen eine umstrittene Theorie. Wer sich nicht vertieft mit der Arbeit von Widmer auseinandersetzt, erhält den Eindruck, der Psychiater und seine Anhänger befürworteten den Inzest, also den Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten, auch zwischen Vater und Tochter.

Widmer scheut sich denn auch nicht, im Buch «Das Inzesttabu» eine erotische Annäherung einer seiner Töchter in der Badewanne zu beschreiben. Wie sie als kleines Mädchen täglich mit seinem Penis spielte: «Wir geniessen beide das Spiel.» Hätte er sich zurückgezogen, hätte es für sie bedeutet, dass «ihre Freude und ihre Sehnsucht nach Verschmelzung» nicht willkommen sei, schreibt Widmer. Ein Signal, «das ihr das Herz brechen kann». Die Liebe zu seiner Tochter sei «ohnegleichen in ihrer Schönheit und Reinheit» und auch heute noch frei vom Inzesttabu. Überhaupt sei der Inzest «ein wunderschöner Prozess».

Eigene Definition von Inzest

Nimmt man Inzest als das, was es nach Definition bedeutet, nämlich Geschlechtsverkehr mit nahen Verwandten, klingt es nach Übergriff. Doch dagegen verwahrt sich Widmer im Gespräch vehement. Er beschreibt es auch in seinen Büchern. Es gehe dabei nicht um den vollzogenen Geschlechtsverkehr. Woher aber der Widerspruch? Der Psychiater definiert Inzest auf seine Art, er versteht darunter die sexuelle Anziehung zwischen uns allen, also auch zwischen Erwachsenen, zwischen Freunden, zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn. Es gelte, diese wahrzunehmen, zuzulassen und zu würdigen. Also nicht das Inzestverbot, sondern das Inzesttabu als Tabu bezüglich Wahrnehmung und bewusster Auseinandersetzung in uns und zwischen uns aufzuheben und inzestuöse Wünsche und Gefühle nicht weiter zu unterdrücken, sondern frei darüber zu sprechen.

Vorbehalte gegenüber den Inzest­ideen von Widmer formulierte auch der inzwischen verstorbene Psychiatrieprofessor Klaus Ernst in einem Gutachten: «Samuel Widmers Buch ruft dazu auf, die weltweit übereinstimmenden Gesetze betreffend sexuelle Ausbeutung Abhängiger und betreffend Inzest zu verletzen. Standesrechtlich bleibt gegenüber Herrn Dr. Widmer nur der Entzug der Praxisbewilligung möglich.» Dazu kam es aber nie, weil Widmer offenbar glaubwürdig erklären konnte, dass es ihm nicht um den Geschlechtsverkehr gehe.

Dennoch: Für Widmer ist das Inzesttabu die Ursache für praktisch alle Traumata, ja, für Chaos und psychisches Elend auf der Welt. Wörtlich: «Ohne die Aufhebung des Inzesttabus gibt es kein Ende des Krieges, kein Ende des Leids, keine Liebe.» Widmer schwebt eine Inzesttherapie vor, denn er glaubt, dass «jeder ein Inzestopfer ist. Und jeder ein Inzesttäter». Seine Ausführungen gipfeln in der Aussage: «Die Erforschung der Inzestproblematik ist mein Vermächtnis an die Welt.»

«Es geht immer um Sex»

Trotzdem stutzt man als Leser und Diskussionspartner von Widmer immer wieder: Auch wenn er unter Inzest nicht den vollzogenen Geschlechtsverkehr versteht, dreht sich bei ihm und seinen Anhängern vieles um Sex: «Es geht immer um Sexualität, bei allem, was wir tun.» Wenn wir sie unterdrückten, «verlieren wir die Kontrolle über das Leben», so Widmer.

Für Widmer ist es ebenfalls wünschenswert, sich in der Therapie «so bald wie irgendwie möglich auf die Sexualität einzulassen». Frei von Ängsten zu sein, bedeute, seinen Klientinnen «sagen zu können, dass man einander gern nackt sehen» würde und zum Therapieende «ganz vergnüglich» mit ihnen schlafen möchte. Es sei wichtig, sich ganzheitlich aufeinander einzulassen auf allen Ebenen, «wirklich auf Tod und Leben füreinander da zu sein».

Zu seinem Vermächtnis an die Welt gehört auch der Begriff «ehrbarer ­Inzest» als ein wichtiger Aspekt seiner Lehre. Wende er sich beispielsweise von seiner Tochter ab, die seine Nähe suche, begehe er einen ehrbaren Inzest. Dieser «führt genauso wie der Übergriff zu ­einem schweren Trauma bei den Töchtern».

Frauen als potenzielle Klientinnen

Sind somit die meisten Menschen ­wegen des ehrbaren Inzests seelisch ­verletzt oder traumatisiert? Das sei zu 99 Prozent der Fall, bestätigt Widmer und verweist auf das Elend in der Welt. Ein Aussteiger sieht darin aber ein gutes Geschäftsmodell des Psychiaters: «Alle Frauen sind für ihn potenzielle Klientinnen.» Und tatsächlich: Praktisch alle Anhänger sind auch Therapieklienten von Widmer und seiner beiden Frauen. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass die Partnerinnen des Psychiaters keine anerkannte Ausbildung als Psychotherapeutinnen haben. Und dass es zu therapeutisch problematischen Verstrickungen kommt: Die Klienten gehören zur Kirschblütengemeinschaft und sind Teilnehmer an den tantrischen Kursen ihrer Therapeuten. Möglich ist auch, dass sie schon seine Liebespartnerinnen waren oder werden.

Widmer hat seine beiden Frauen vor vielen Jahren als Klientinnen kennen gelernt. Inzwischen hat das Dreiergespann 11 Kinder. Aussteiger erklären, dass Widmer gelegentlich auch eine neue Gespielin habe. Vor ein paar Jahren liess er die Frauen seiner Gemeinschaft wissen, dass er gern jede einmal im Jahr besuchen und ihnen eine Liebesnacht schenken würde. Bei den Besuchen gehe es darum, zusammen «eine Liebesgeschichte zu beginnen». Heute praktiziere er die Liebesnächte aus Altersgründen nicht mehr, eine seiner beiden Frauen hingegen immer noch, sagte er im Gespräch. Diese Liebesnächte führten immer wieder zu Eifersucht und Auseinandersetzungen zwischen den Ehepartnern, berichten Aussteiger. «Viele Frauen wollen sich ihm hingeben, weil sie glauben, er sei als spiritueller Meister die absolute Liebe in Person.»

Konsequenterweise räumt er der freien Liebe einen hohen Stellenwert ein: «Wer eine gesunde Sexualität lebt, hat keine Zeit, um Krieg zu führen. Männer, deren Penis nicht freien Zugang zum Weiblichen findet, ersetzen ihn durch ein Gewehr, mit dem sie sich freizuschiessen hoffen.» Ohne völlige Freiheit der sexuellen Kraft gebe es keine spirituelle Entfaltung und keine Liebe.

Ein weiterer Schwerpunkt in der Bewusstseinsarbeit sind die Tantra-Kurse mit bis zu 90 Teilnehmern. Widmer dazu: «Man trifft sich dort nackt und still, ohne Worte. Eingeladen ist nur, wer zu allem bereit ist.» Die tantrische Vereinigung sei das grösste Glück, eine Verschmelzung auf allen Ebenen, eine mystische Hochzeit. Er führt Tantra-Workshops, Tantra-Meisterkurse und Krieger-Tantra durch und nennt sein Angebot «Therapeutisch-tantrisch-spirituelle Universität».

Sektenmentalität

Ein weiterer Aussteiger beschreibt das Leben und die Atmosphäre in der Kirschblütengemeinschaft trotz freier Liebe und Tantra als bieder. Samuel Widmer habe sich zwar von seiner rigiden Erziehung in der strengen Frei­kirche des Brüdervereins gelöst, er sei aber in der damaligen Sektenmentalität verhaftet geblieben.

Die kritischen Reaktionen in der Öffentlichkeit und die mangelnde Anerkennung in der Fachwelt veranlasst Widmer, ein düsteres Bild von der Welt zu zeichnen. Im Buch «Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung» schreibt er: Es sei Zeit für die Konfrontation, für den definitiven Showdown. «Die definitive Ausmarchung steht bevor. Armageddon steht vor der Tür.» Als apokalyptisch empfand eine Klientin auch, dass in der Gemeinschaft oft die Frage gestellt werde, ob sie für einen Freund oder die Liebe sterben würden. Dies ist zweifellos eine rhetorische Frage, sie offenbart aber eine auffällige Geisteshaltung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2015, 22:48 Uhr

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