Beulen im Image

FDP-Präsident Philipp Müller macht vor, wie man Krisen entschärft.

Kann sich an den Unfallhergang nicht mehr erinnern: FDP-Präsident Philipp Müller. Foto: Dominique Meienberg

Kann sich an den Unfallhergang nicht mehr erinnern: FDP-Präsident Philipp Müller. Foto: Dominique Meienberg

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Philipp Müllers Verkehrsunfall hätte leicht einen politischen Totalschaden anrichten können.

Ein mächtiger Mann in einem mächtigen Mercedes rammt eine unschuldige 17-Jährige, verletzt sie schwer. Schlimm genug. Auch danach verhielt sich der FDP-Präsident nicht unbedingt vorbildlich. Er stoppte sein Auto erst nach 200 Metern und leistete keine Erste Hilfe. Am nächsten Morgen gab er ein Radio-Interview. Statt das Unglück zu erwähnen, erzählte er, dass er nach strengen Tagen gerne guten Wein trinke. Später weigerte er sich, auszu­führen, warum er auf die Gegen­fahrbahn geraten war. Müller stand schlecht da – als Autofan, der seinen 500-PS-Wagen nicht im Griff hat, der unter Druck ungeschickt handelt, der sich zu wenig um eine von ihm verletzte junge Frau kümmert. Solche Beulen im Image lassen sich nur schwer wieder ausbessern.

Schuld ohne volle Verantwortung

Doch der 63-Jährige hielt dagegen. Im Interview mit der «Aargauer Zeitung» von letztem Montag gelang ihm etwas Schwieriges: Er bekannte sich schuldig, ohne die volle Verantwortung für seine Tat zu übernehmen.

Müller schliesst alle groben Fahrlässigkeiten aus: kein Alkohol, kein Handy-Herumtippen, kein Rasen, kein übermüdetes Fahren. Als mögliche Ursache nennt er Sekundenschlaf, ein Blackout, unangekündigtes Wegdämmern. Allerdings könne er dies nur vermuten, da ihm der Schock die Erinnerung geraubt habe. Er plädiert auf doppelte Umnachtung, im Moment des Geschehens und rückwirkend.

Auch für alle späteren Fehler machte Müller den Schock verantwortlich. Er sei nicht bei sich selber gewesen. Persönlich entschuldigte er sich bei der Opferfamilie. Den Unfalltag bezeichnet er als schlimmsten seines Lebens. Um seine Betroffenheit zu verdeutlichen, verzichtet er fortan auf alle Wahlkampfauftritte.

Gestehen, dann schweigen

Ein Geständnis (ohne offensichtliche Schuld auf sich zu laden), Abbitte, Demut. Und jetzt Schweigen. So funktioniert gelungene Krisenkommunikation. Keiner der politischen Gegner vermag Müller etwas vorzuhalten. Deshalb sagen sie alle: «So ein Unglück kann jedem passieren.»

Ob die Theorie des unvermeidbaren Einnickens zutrifft, wird die Untersuchung der Staatsanwaltschaft zeigen. Die Resultate kommen kaum vor Ende Jahr. Bis dahin gilt Müllers Blackout-Version. Bis dahin wird der Ständeratswahlkampf im Aargau längst entschieden sein.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2015, 10:47 Uhr

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